Die spannendsten Auto-Neuheiten werden erst direkt vor der IAA gezeigt

Last-Minute-Premieren der Automesse

Wunderland IAA

Neue Autos in rauen Mengen: Auf der Frankfurter IAA bläst die Autoindustrie die Backen auf. Allerdings sind einige der Weltpremieren schon vorher zu sehen gewesen. Dennoch bleibt die deutsche Herbstmesse das wichtigste Schaufenster der Branche

18. September 2015

Zum Glück gibt es sie auch auf dieser IAA: die Last-Minute-Premieren. Nachdem in den letzten zwei Monaten bereits IAA-Neuheiten en masse in die Medien gelangten, fühlte man sich bereits an die Vorweihnachtsstimmung jeden August erinnert, wenn Supermarktregale sich mit Schoko-Nikoläusen füllen.

Doch nach den ersten Messetagen hat die Branche die Kurve gerade noch gekriegt: Es gibt tatsächlich Neuheiten zu sehen, die vorher mit keinem Wort erwähnt wurden.

Allen voran ein silbermattglänzendes Windkanal-Insekt mit fettem Stern vorne drauf: „Concept IAA“ heißt der heißeste Mercedes der Messe, ein Experimentalfahrzeug, das nicht nur futuristisch, sondern nebenbei verdammt gut aussieht. Und schnell: bis zu 250 km/h, von einem Hybridmotor getrieben.

 
 

Kameras statt Außenspiegel

Der echte GT – er hat vier Türen, von denen die hinteren gegenläufig öffnen – ist ein Versuch, den Windwiderstand zu meistern. Ein cw-Wert von 0,25 erreicht das Fahrzeug sozusagen im Stand. Dabei helfen einige Tricks: Es gibt keine Spiegel, nur Kameras. Die Bodenfreiheit liegt bei nur 10 Zentimeter, insgesamt ist die Studie 1,30 Meter hoch (ein VW Golf VII ist z.B. 1,45 Meter hoch).

Ab Tempo 80 verändert sich der Concept IAA automatisch wie von Geisterhand: Das Heck wächst um 39 Zentimeter (Gesamtlänge: dann 5,43 Meter), Lüftungsklappen schließen sich, Radkappen werden geglättet und Windabweiser für die Räder fahren aus.

So strömungsoptimiert, erreicht die Karosse nur noch einen Luftwiderstandsbeiwert von 0,19. Das hat kein viertüriger Viersitzer bisher erreicht, verkündet Mercedes. Die Form haben Computer errechnet: Rund eine Million Rechner-Stunden hat es gedauert, 30 verschiedene Varianten zu prüfen.

Akku voll in 15 Minuten

„Und dann wollten wir Ihnen noch etwas zeigen“, so leitete Porsche-Chef Matthias Müller die Vorstellung der zweiten heißen Kiste ein. Der Sportwagenhersteller hat bei seiner Studie Mission E nicht nur das Design der auf den ersten Blick etwas klobigen Studie, sondern auch deren Leistung im Auge: Dieser Porsche soll ein Elektroauto sein, aber trotzdem ein echter Porsche.

Und das bedeutet: Die Boost-Funktion, die alle verfügbare Leistung aus den Akkus presst, damit der Bolzen losschießt wie angestochen, darf nicht einmalig verfügbar sein wie etwa beim BMW i8 (der dafür bereits heftig geschmäht wurde), sondern mehrmals – möglichst dauerhaft.

Ob der viersitzige Mission E das hinkriegt und damit zumindest theoretisch den Porsche Panamera ablösen könnte? 600 PS aus zwei E-Motoren, 250 km/h Spitze und eine Reichweite von 500 Kilometern mit einer Batterieladung stellen das in Aussicht. Auch die Ladezeit macht Appetit: In 15 Minuten auf 80% – „Die Zeit, um einen Espresso zu trinken und sich die Hände zu waschen“, wie Manager Matthias Müller die Pinkelpause wohlerzogen umschreibt.

IAA wird Mercedes-Showroom

Beim Mission E ist also ein gutes Stückchen Phantasie im Spiel, denn die Generation von Elektroauto-Akkus, die solch erstaunliche Eigenschaften aufweisen, muss erst noch entwickelt werden. Dass sie kommen werden, davon ist nicht nur der Porsche-Chef überzeugt: Auch bei Audi wird eine Studie vorgestellt, die auf leistungsstarke Batterien baut.

Der E-Tron Quattro Concept ist ein kompaktes SUV, das ganz überzeugend seriennah aussieht. So seriennah, dass wir es uns schon in wenigen Monaten auf der Straße vorstellen können. Natürlich auf kalifornischen Straßen: Nur dort haben Elektroautos eine echte Chance, da die strengen Abgasvorschriften zum Kauf der teuren Technologie in Zukunft gewissermaßen zwingen.

Und damit ist auch der Gegner des E-SUV ausgemacht: Teslas Model X, das in etwa so aussehen dürfte (aber auf der IAA leider noch nicht gezeigt wurde). Für die Kalifornier hatte Audi-Chef Rupert Stadler noch eine kleine Spitze: „Edison war zwar nicht der erste...“ Stadler vermied den Namen Tesla, den das Unternehmen von Thomas Edisons Widersacher Nicola Tesla entlieh; „aber Edison war besser!“

Zwei Autos auf dem Borgward-Stand

So wie Stadler in eine längst vergessene Epoche entführte, nämlich der Beginn des Elektrizitäts-Zeitalters und den legendären „Stromkrieg“ zwischen Thomas Edison und Nikola Tesla, so will ein deutsch-chinesisches Konsortium den Bogen spannen zwischen heute und den 1960er-Jahren: Borgward ist auf der IAA wiederbelebt worden.

Und tatsächlich hängt das Logo des Bremer Herstellers beinahe unverändert wie zuletzt 1959 an einem Messestand, und darunter stehen tatsächlich zwei echte Autos. Es handelt sich um SUV, und in dieser Eigenschaft unterscheiden sie sich nicht wesentlich von anderen SUV, zum Beispiel einem VW Tiguan oder einem Audi Q5. Immerhin klebt das Borgward-Logo vorne drauf, und der Rombus wird außen und innen mehrfach artig zitiert – ein nettes Ausstattungsdetail.

Mehr aber auch nicht. Wie 50 Jahre nach dem Untergang des einst fünftgrößten deutschen Herstellers das Kunststück gelingen soll, den einstigen Bekanntheitsgrad zurück zu gewinnen, erklären die beiden Dutzendstücke nicht. Andererseits: Wie man es nicht macht, zeigen einige andere misslungene Versuche von chinesischen Herstellern, in Mitteleuropa mit neuen Marken Fuß zu fassen – vielleicht ist der Seniorpartner Beiqui Foton Motors nur besonders schlau?

Mehr über die Last-Minute-Premieren der IAA 2015 in der Bildergalerie.

Text: Roland Wildberg
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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