Vorschau Auto-Salon Genf 2015

Wiederbelebung einer toten Marke

Borgward, was war das noch?

Ob das funktioniert? 52 Jahre nach dem spektakulären Untergang von Borgward will der Enkel des damaligen Chefs die norddeutsche Automarke zu neuem Leben erwecken. Kleine technische (und finanzielle) Unterstützung dafür kommt aus Fernost.

27. Februar 2015

In Halle 2 gab es viel zu sehen: Ein altes, neues Logo, viele Neugierige, eine visionäre Führungsmannschaft –  aber kein Auto. Damit will Borgward noch bis zur IAA im Herbst warten. Vorläufig beschäftigt man sich, große Pläne zu machen. Dazu gehörte unter anderem die Ankündigung, jedes Jahr 800.000 Autos mit dem Rombus auf der Front zu bauen. Das ist sehr träumerisch. Zum Vergleich: Opel hat in der ersten Jahreshälfte 2014 etwas mehr als 564.000 Autos verkauft.

Die untergegangene Marke Borgward soll also über 50 Jahre nach dem Crash wie Phoenix aus der Asche neu erstehen. Was steckt dahinter? Christian Borgward, Enkel des einstigen Firmengründers, ist seit 2008 damit beschäftigt, das Erbe seines Großvaters wiederzubeleben. Damals hatte er die Borgward AG in der Schweiz gegründet, die kürzlich eine Kooperation mit dem chinesichen Lkw-Hersteller Beiqui Foton Motors eingegangen ist.

Wie kann ein neuer „Borgward“ aussehen? Die Fachzeitschrift „Autobild“ will wissen, dass Foton in den nächsten Jahren fünf neue Pkw-Modelle auf den Markt bringt. In Genf war zu hören, dass frühestens zur IAA Frankfurt im Herbst das erste Auto mit dem charakteristischen Rhombus in der Front zu sehen sein wird. Was auch immer die Firma dann präsentiert: Es wird aus einer chinesischen Autofabrik stammen.
 

 
 

 

Imageschaden durch Qualitätsmängel

Borgward war bis Anfang der 1960er-Jahre einer der größten Autohersteller Europas. Doch obwohl sein erfolgreichstes Produkt, der Mittelklassewagen Isabella, mehr als 200.000mal verkauft wurde, kam das Unternehmen in Schwierigkeiten und ging 1963 pleite.

Über die Ursachen hat man viel spekuliert. Tatsache ist, dass der geniale Konstrukteur Carl F.W. Borgward von Finanzdingen nicht viel verstand. Ein Problem war auch die schlechte Qualität seiner Produkte, was kurzfristig hohe Kosten verursachte und langfristig das Image der Marke belastete.

Hier liegt auch eines der Probleme, die eine Wiederbelebung mit sich bringt: Borgward ist vor allem „legendär“ durch sein tragisches Ende, weniger durch seine überragenden Produkte. Auch das damals fortschrittliche Design, orientiert am US-Markt, ist heute allenfalls wohlwollend als Nachkriegs-Barock zu bezeichnen.

Borgward erfüllt sich Kindheitstraum

Auch die lange Zeitspanne zwischen Absturz und Comeback wird von Marketing-Experten kritisch gesehen. Autokäufer von heute hätten keinerlei emotionale Bindung mehr an die Wirtschaftswunderjahre. Bisher ist Christian Borgward auf diese Zweifel nicht eingegangen. Er hebt stets hervor, dass er sich einen Kindheitstraum erfüllt.

Wobei wird wieder im „normalen“ Genfer Autosalon angekommen sind: Dort sind nämlich - wie in alter Tradition - Kindheitsträume zu sehen. Solche, die man zwischen zwei Schulstunden als Quartettspiel in Händen hält, und in denen regelmäßig der „Spitzentrumpf“ gewinnt: Schneller! Stärker! Teurer!

Genf war schon vor 50 Jahren die Automesse, auf der man ungeniert Spitzenprodukte für die Reichen und sehr Reichen exponieren konnte, und trotz des schlechten Franken-Kurses hat sich daran nichts geändert.

McLaren packt 1000 PS in 1 Auto

Und das betrifft vor allem Sportwagen: In Genf erwacht die Natur mit Urgewalt. McLaren zeigt ein Auto, das gar nicht erst auf der Straße gesucht werden muss; denn der P1 GTR erhält keine Zulassung jenseits der Rennstrecke. Wie es neuerdings modisch ist, wird auch dieser Renner zusätzlichen Elektroantrieb haben. Doch von den insgesamt 1000 (!) PS, die McLaren in 1 Auto packt, trägt dieser E-Motor nur 200 bei.

Das schafft der neue Ferrari 488 GTB zwar nicht; er erreicht dank Turbolader nunmehr jämmerliche 670 PS. Aber das genügt, um den roten Raser in 3 Sekunden von 0 auf 100 km/h zu prügeln. Wenn es beliebt.

Noch ein paar (hundert) PS weniger sind wir noch lange nicht auf Normalbürger-Niveau angekommen, sondern beim neuen Porsche Cayman GT4, mit dem Porsche ein weiteres winziges Marktsegment identifiziert und geschlossen zu haben meint. 385 PS hat der Cayman, und das langt für 300 km/h Endgeschwindigkeit. 0 auf 100 schafft er in 4,4 Sekunden – das sieht im Verhältnis zum Ferrari schon nicht mehr ganz so schlecht aus.

Die gute, alte PS-Orgie

Wenden wir uns wieder den richtig dicken Dingern zu – solche Kraftklumpen, die das zahlende Publium bei der guten, alten PS-Orgie in Genf zu Recht erwartet. Die stehen vermutlich auch bei Aston Martin: Dort wird auch eine reine Track-Spezifikation gezeigt, nämlich der Aston Martin Vulcan. Die Eruption eines V12 mit sieben Liter Hubraum, amtlich gemessen in über 800 PS, kann man sich vorstellen. Mehr verrät der Hersteller aber noch nicht.

Audi zeigt in Genf den neuen R8, der aber witzigerweise einen V10 enthält. Je nachdem, was der Kunden zu investieren geneigt ist, wird die Maschine 540 oder auch 610 PS aus den zehn (nicht acht) Töpfen schütteln. Die stärkere Version, so lässt Audi uns wissen, schafft die Sprint-Disziplin 0-100 km/h in 3,3 Sekunden. Da ist der Ferrari schon an der nächsten Ecke.

Fehlt im Reigen der Performance-Produkte noch AMG. Und richtig, die Tuner von Mercedes sind in Genf mit dem AMG GT zu sehen. Das ist eine Weiter-Weiterentwicklung des AMG SLS, der Motor basiert laut Fachpresse (die rät bekanntlich besonders gut) auf dem V8 mit 6,3 Liter Hubraum, den AMG ja schon oft und gern verwendete. Nur diesmal eben mit noch mehr PS, dem Vernehmen nach ca. 500.

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Text: Roland Wildberg | Bildmaterial: Hersteller