Lust am Auto

Reportage NAIAS 2014

Lust am Auto

Auf der Detroit Auto Show 2014 gibt es solide Hausmannskost zu sehen. Statt Elektroautos und Hybriden geben Pick-ups und Sportskanonen den Ton an.

14. Januar 2014

Der amerikanischen Autoindustrie geht es wieder prächtig. 15,5 Millionen Verkäufe im Jahre 2013 – da kann man sich gut damit anfreunden, dass sich der Boom-Markt China mittlerweile in andere Dimensionen aufschwingt.

Auf der North American International Auto Show lassen die heimischen Big Three aus Ford, General Motors und Chrysler die Muskeln spielen. Das Trio von einst ist nach der kompletten Übernahme von Chrysler durch den Fiat-Konzern zum amerikanischen Duett geworden.

 

 
 

Chrysler stärkt Fiat

Fast makaber: seitdem sich der europäische Automarkt am Boden dümpelt, fährt Fiat nahezu die einzigen Gewinne in den USA ein – Dank Chrysler. Da kommt die Neuauflage des Chrysler 200 gerade recht. Die Mittelklasselimousine aus Auburn Hills soll die Marke mit dem Pentastar mit sehenswertem Design, bis zu 300 PS und Allradantrieb wieder in die Köpfe der Amerikaner zurück bringen.

Das auslaufende 200er-Modell führte in den USA ein Schattendasein und konnte sich kaum nennenswerte gegen die starke Konkurrenz aus Asien, den USA und Europa in Szene setzen. Besonders die Volumenkonkurrenz von Kia, Mazda, Toyota und Hyundai hatte dem 200er deutlich zugesetzt.
Die neue Generation ist auf der gleichen Plattform wie Alfa Romeo Giulietta oder Jeep Cherokee unterwegs.

Leistung statt öko

Ein sportlicher 200er kommt auf der NAIAS auch von BMW. Die Bayern stellen in Detroit ihre 2er Coupé Reihe – an der Spitze den coolen M 235i – vor.
„Guten Morgen und willkommen bei BMW! Was für ein Sound“, so BMW-Vorstand Dr. Ian Robertson, „was für großartige Fahrzeuge. Es sind Modelle wie diese, die BMW so erfolgreich machen; besonders hier in den USA.“ Kein lautloser BMW i3 war auf die Bühne gerollt, auf der NAIAS sorgten die sportlichen Zwillinge M3 / M4 sowie das BMW 2er Coupé Stimmung.

Bei Chevrolet nur wenige Meter weiter brüllt sich die Corvette Z06 auf die Bühne. „Was für ein Tag“, strahlt GM-Nordamerika-Präsident Mark Reuss mit dem Scheinwerferlicht um die Wette, „50 Corvettes kommen gerade aus unserem Tech Office über die Straßen von Detroit hierher gefahren. Unter ihnen die neue Corvette Z06 – sie ist die beste Corvette, die wir je gebaut haben. Wir sind alle sehr stolz darauf.“ 625 PS sprechen aus den vier mächtigen Endrohren eine eindeutige Sprache.

Die Amerikaner haben wieder Lust auf Leistung. Nicht einmal leise im Hintergrund säuselt auf der Detroit Auto Show eine Elektromusik.

Mittelpunkt bleibt der F-150

Der große Star der Detroit Auto Show ist der Ford F-150. Seit über 60 Jahren auf dem Markt, lässt der große Pick-up der nationalen Konkurrenz mit Dodge RAM, Toyota Tundra oder Chevrolet Silverado keine Chance.

Die neue Generation hat über 300 Kilogramm abgespeckt und setzt auf moderne V6- und V8-Triebwerke zwischen 2,7 und 5,0 Litern Hubraum. Weiter als im Ford F-150 kann man von einem Elektroauto kaum entfernt sein.

Der Trend zu elektrischen Autos ist trotz steigender Zulassungszahlen auch in den USA zum Stocken gekommen. Von dem einstigen Hoffnungsträger Chevrolet Volt oder Nissan Leaf spricht in Detroit niemand mehr und in der Cobo Hall herrscht in Sachen Elektroantrieb sowieso Stromausfall.

Statt an BMW i3 oder Mercedes B-Klasse electric drive drücken sich die Besucher an BMW M4 oder Mercedes GLA 45 AMG die Nase platt. Das gleiche Bild beim blauen Oval. Der Star neben dem F-150 bei Ford heißt Mustang – perfekt als gelber Kraftmeier mit V8-Motor in Szene gesetzt.

Nur wenig aus Europa

Die Europäer sind 2014 dünner als in den Jahren zuvor auf der NAIAS unterwegs. Mercedes glänzt mit der neuen C-Klasse, unzähligen Assistenzsystemen und einem Design, das der großen S-Klasse mehr als ähnlich sieht.

Das Topmodell setzt sich am Lake Michigan mit dem neuen S 600 und seinem 530 PS starken V12-Triebwerk selbst die Krone auf. Für mächtig Aufsehen sorgt der Mercedes GLA 45 AMG als kompakter Crossover mit 360 PS. Da sehen der zumindest in den USA erhältliche BMW X1 xDrive 35i und der Audi RSQ3 mit jeweils rund 310 PS müde aus. Elektrik- oder Hybrid-Crossover? Ebenfalls Fehlanzeige.

Der Volkswagen-Konzern hat ebenfalls nur leichtes Gepäck dabei. VW zeigt mit dem Dune die seriennahe Studie eines Beetle-Crossover. Der 300 PS starke Golf R stellt den VW E-Golf locker in den Schatten.

Audi hat mit dem Allroad Shooting Brake nur das Konzept eines Crossovers mit einem Elektro-Quattroantrieb im Gepäck. Über 400 PS, eine elektrische Hinterachse und ein Verbrauch unter zwei Litern machen Lust auf ein drittes Allroad-Modell in der Audi-Familie und das Design des neuen TT, der im Sommer kommt.

Nicht viel für die wichtigste Show auf einem der beiden wichtigsten Märkte der Welt. Gerade, weil es bei Audi und Volkswagen in den USA besser laufen könnte. Zumindest Konzerntochter Porsche lässt in der gewohnt blass ausstaffierten Cobo Hall die Muskeln spielen.

Ob die Neuauflage eines 911 Targa mit fest stehendem Bügel und großer Kuppelheckscheibe im breiten Elfer-Portfolio jemand vermisst hat, bleibt die Frage. Zumindest ist der ausschließlich als Allradler erhältliche 911er jetzt wieder ein echter Targa.

Sportlichkeit ist Trumpf

Sportlicher denn je zeigt sich Infiniti mit dem Q50 Eau Rouge. Die Sportversion des Premiummodells soll gegen M-, AMG- und RS-Modelle antreten.

Nur ein Traum bleibt der Volvo Concept XC Coupé, der allein einen Designausblick auf das neue Oberklasse-SUV XC90 geben soll, das Ende 2014 seine Premiere feiert.
BMW lässt im Land von Batman und Robin das dynamische Duo aus BMW M3 und M4 Coupé aus dem Käfig. Mit jeweils nur rund 430 PS liegen die 1,5 Tonnen schweren Bayern jedoch mehr oder weniger hinter dem Lexus RC F und der brandneuen Corvette Z06 zurück.

Während der Toyota-Ableger von einem Fünfliter-V8 mit 450 PS befeuert wird, bollert unter der langen Corvette-Motorhaube ein V8-Sauger mit 625 PS und 650 Nm maximalem Drehmoment, der so fast an die alte ZR1 mit 647 Kompressor-PS heranreicht.

Wirklich eine Sportlerparade

Da sieht selbst der Bentley Continental GT V8 S mit seinem dezenten Leistungsplus von 20 PS fast müde aus. Zwischen BMW 5er und 7er, Audi A6 und A8 sowie Mercedes E- und S-Klasse sortiert sich der neue Hyundai Genesis ein. In Sachen Design und Antrieb muss sich das koreanische Oberklassemodell längst nicht mehr vor der deutschen Konkurrenz verstecken und stellt die US-Modelle Chrysler 300 oder Chevrolet Impala allemal in den Schatten.

Mehr als dünn bleibt die Modellpflege für den unverändert schwach motorisierten Lexus CT 200h – nach wie vor mit betagter Nickel-Metallhydrid-Akkutechnik.Wenn es auch etwas weniger sein darf, auf den fahrdynamisch effektvollen Allradantrieb jedoch nicht verzichtet werden soll, dann dürfte sich der neue Subaru WRX STi wieder in die Herzen seiner Fans fahren, die den hässlichen Heckflügel nicht nur wegen seiner Abtriebskraft lieben.

Nicht ganz so kraftvoll und vor allen Dingen nach wie vor ohne Allradantrieb überrascht der Mini John Cooper Works Concept, der die neue Palette mit rund 240 PS nach oben abrunden soll.

Für mehr Aufsehen sorgt in Detroit die scharfe Sportwagenstudie des Kia GT4 Stinger Concept mit Hinterradantrieb und 315 PS.

Text: Press-Inform / Stefan Grundhoff / Marcel Sommer | Bildmaterial: press-inform