Rundgang: Techno Classica

Oldtimer-Messe Techno Classica 2012: Rundgang

Original und Fälschung

Auf der Techno Classica stehen die Originale: echte Oldtimer zu Rekordpreisen. Dass die Hersteller Nachbauten nicht mögen, hat jetzt Mercedes demonstriert – per Schrottpresse.

Die Techno Classica ist die weltgrößte Oldtimer-Messe: Jedes Frühjahr wechseln in Essen wertvolle alte Autos in Millionenwert die Besitzer. Seit der letzten Finanzkrise genießt das mobile Edel-Metall bei vielen den Ruf, crashsichere Geldanlage zu sein – das hat dem Handel erheblichen Auftrieb gegeben. Zugleich nutzen Hersteller, Zubehörhändler und Restauratoren die Messe, die seit Jahren bis auf den letzten Platz ausgebucht ist, als Aushängeschild für ihre Kunst.

Das Millionengeschäft mit Oldtimern ist kein Spaß – um Preise und Image ihrer Prunkstücke hoch zu halten, ist den Herstellern nahezu jedes Mittel recht. Das hat Mercedes zum Auftakt der Messe sehr drastisch bewiesen: Öffentlichkeitswirksam wurde eine „illegale“ Oldtimer-Fälschung mit 30 Tonnen Pressdruck im Stuttgarter Werk zerquetscht. Was da als staubiger Scherbenhaufen herauskam, war einmal der gerade erst fertig gestellte Nachbau eines Mercedes 300 SL gewesen. Per Gerichtsbeschluss kassiert, zerlegt und zerbröselt.

Die Form des 300 SL ist rechtlich geschützt

Vom berühmten Flügeltürer wurden von 1954 bis 1957 nur 1.400 Exemplare gebaut. Heute zählt der Sechszylinder-Sportwagen zu den teuersten alltagstauglichen Klassikern überhaupt: Eine Million Euro und mehr wird auf Auktionen regelmäßig aufgerufen. Kein Wunder, wenn Mercedes kein Interesse daran hat, dass am Ende mehr Repliken des unverwechselbaren Coupés herumfahren als Originale. Überdies ist die Karosserieform urheberrechtlich geschützt. Oldtimer nähern sich in ihrem rechtlichen Status also zunehmend Kunstwerken.

Auch auf dieser Techno Classica sind etliche 300 SL anwesend – hoffentlich allesamt Originale, wünscht man den Eigentümern nach der Machtdemonstration von Mercedes. Wobei das Problem zumeist nicht in kompletten Fälschungen liegt: „Im Detail muss man hinschauen – die meisten Oldtimer, die auf dem Markt sind, wurden ja inzwischen teilweise oder ganz restauriert, und da sind keineswegs nur Profis am Werk“, sagt Johannes Hübner, Oldtimerexperte und Kaufberater.

Laienhaft restaurierte US-Importe zu absoluten Mondpreisen

Hübner zeigt auf die Heckpartie eines alten Porsche 911 von 1963: „Hier, schauen Sie sich das hintere Radhaus an – da stimmt doch etwas nicht!?“ Was für einen Laien wie ein perfekt lackierter Kotflügel aussieht, provoziert bei Hübner Sorgenfalten auf der Denkerstirn. „Mit einem Wort, das sieht ‚bananig‘ aus – die Form passt nicht, zwischen Rad und Blech ist ein zu großer Abstand. Da hat der Bastler ein falsches Teil verwendet und nicht genügend angepasst.“ Dass der Wagen nun auch noch aus den USA importiert wurde, ist Wasser auf die Mühlen des Experten: In den Staaten nimmt man es mit Einzelheiten oft nicht so genau.

Das zeigt ein VW-Bus auf dem Freigelände: Es handelt sich um eines der beliebten VW T1-Modelle, also der Ur-Bus aus den 50ern mit markanter, V-förmiger Bugpartie und zweigeteilter Frontscheibe. „Frisch restauriert, nur 1.500 Meilen gefahren“, hat der Anbieter auf ein Schild gemalt. Und den Zusatz: „45.000 Euro oder best offer“. Vor dem Wagen stehen drei junge Männer und lachen sich schief. „So eine miese Arbeit, da kann man kaum von Restaurieren sprechen!“ Mit dem Finger fährt einer den linken vorderen Kotflügel entlang – sogar mit dem bloßen Auge ist unregelmäßig aufgebrachte Spachtelmasse zu erkennen. „Der ist keine 5.000 wert.“

Preisspekulation betrifft nur ausgewählte Modelle

VW-Bus T1, Porsche 911, Mercedes-Limousinen aus den 60ern und 70ern – das sind derzeit die Lieblinge der Oldtimer-Händler. Johannes Hübner macht keinen Hehl daraus, dass ihm Preisspekulation nicht zusagt, schon aus persönlichen Motiven: „Das kann sich ja bald kein Mensch mehr leisten.“ Ein 911er aus den frühen 1960ern für 79.000 Euro, ist das noch reell oder schon ein Phantasiepreis? „Ja, da muss man wieder gut hinschauen: Das ist noch ein Modell mit kurzem Radstand, die sind inzwischen sehr selten.“ Für den Fahrkomfort sei diese Konfiguration hingegen nachteilig. Da sieht man, dass Wert und Sicherheit nicht zwingend gleiche Wege gehen.

Das Gespräch mit dem Experten zeigt auch, dass die Techno Classica kein Supermarkt ist: Hingehen, sehen und kaufen ist unvernünftig. „Nein, man muss mehrmals hinschauen, sich informieren, Preise vergleichen, Fachleute konsultieren – und auch den Händler in die Betrachtung mit einschließen.“ Hübner zeigt auf einen Stand, wo sich blitzende Luxuslimousinen auf engstem Raum drängeln: „Das glänzt schon zu viel, da ist Misstrauen angebracht.“ Wenn der Anbieter dazu noch an der Standgröße spart…

Vorkriegsautos lassen im Preis nach

Hübner zieht es wieder auf das Freigelände: „Da waren im letzten Jahr viele Schnäppchen zu finden.“ Er bleibt vor einem kleinen britischen Roadster stehen. Die Motorhaube steht offen. Ein ehrliches Auto, findet Hübner: Der Lack im Inneren sei noch gut, nicht übermäßig verdreckt, die Maschine ist sauber, aber auch nicht so schnieke, dass es nach Manipulation riechen würde. 19.000 Euro will der private Verkäufer für den kleinen MG-Sportwagen aus den 60ern haben. „So wie der Wagen aussieht – ein guter Preis“, findet Hübner.

Nebenan steht für 2.000 Euro mehr ein Vorkriegs-Oldtimer: ein Citroën Rosalie aus den 30ern. Die beiden Autos unterscheiden sich so sehr wie Flugzeug und Fesselballon. Auch der hoch bauende Vorkriegswagen mit Holzrahmen steht gut da. „Das ist eigentlich sensationell: Ein fahrbereiter Rosalie für diesen Preis“, sagt Hübner beim Weitergehen.

Preisentwicklung folgt dem Geschmack der Käufer

Das sei die Kehrseite der Spekulation: Während viele Youngtimer der 50er- bis 80er-Jahre steil im Preis steigen, entwickelt sich der Wert wirklich alter Autos negativ. Abgesehen von absoluten Luxusautos wie zum Beispiel dem Mercedes 540 K Special Coupé von 1936, der als reines Ausstellungsobjekt auf einem Stand gezeigt wird und mehrere Millionen Euro wert sein dürfte.

„Mein erstes Auto war 1976 ein 20 Jahre alter Käfer – der wäre heute über 55 Jahre alt.“ Die jungen Leute hätten nun mal keinen Bezug mehr zu den Veteranen der Mobilität, mit denen ihre Großeltern noch fuhren. So entpuppt sich Spekulation im Oldtimerbereich als eine Welle, die mit dem jeweiligen Erlebnishorizont der Käufergeneration mitschwappt. „Wer weiß, was die Kinder von heute dereinst mal fahren werden – wenn es überhaupt Autos sind.“

Info zur Messe

Die Techno Classica findet vom 22. bis 25. März 2012 in den Hallen der Messe Essen statt, die Tageskarte kostet 20 Euro für Erwachsene.