mobile.de: Youngtimer-Boom

Youngtimer: Die Qual der Wahl

In den besten Jahren

Youngtimer sind voll im Kommen. Aber welche Autos versteht man eigentlich darunter? Und was muss man beim Kauf beachten, damit man nicht den falschen Wagen nimmt?

Eines haben Oldtimer und Youngtimer gemeinsam: Diese englischen Begriffe gibt es nicht. Sprachwissenschaftler nennen das „Scheinanglizismen“ und meinen damit englisch klingende Begriffe, die aber auf der Insel gar nicht bekannt sind. Was also sind Youngtimer?

Für die Ford Granadas oder Mercedes S-Klassen der 80er gibt es keine eindeutige Baujahresbegrenzung. Klar ist nur: Youngtimer sind ungefähr 20 bis 30 Jahre alt und kultig. Sie werden von Menschen gekauft, die die abgelegten Autos ihrer Elterngeneration wieder cool finden.

Youngtimer sind alltagstauglich

3er BMW in den schrägen Serienfarben der 70er-Jahre, Saab 900 oder der Ur-quattro von Audi: Alle diese Modelle gehen locker als Youngtimer durch. Diese Autos haben gegenüber echten Oldtimern einen wesentlichen Vorteil: Sie sind weitgehend alltagstauglich. Wer beispielsweise ein Coupé der 124er-Baureihe von Mercedes kauft, kann sich über einen Kat, Airbag und ABS freuen. Hier liegt die Betonung allerdings auf „weitgehend“.

Die Antiblockiersysteme der 80er-Jahre sind in ihrer Wirkung kaum mit der heutiger Anlagen zu vergleichen. Allein die Angabe „ABS“ in der Ausstattungsliste macht aus einem älteren Golf noch kein sicheres Auto. Das gleiche gilt für eventuell vorhandene Airbags. Normalerweise geben Hersteller 10 Jahre Garantie auf die Funktionsfähigkeit der lebensrettenden Luftsäcke. Den Kindersitz aus dem modernen Auto werden Sie kaum über eine Isofix-Halterung im Youngtimer anbringen können – diese existiert mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht.

Tücken der Technik

Zuerst stehen natürlich wie bei jedem Gebrauchtwagen die praktischen Erwägungen im Vordergrund. Hat man drei Kinder, ist ein zweisitziger Fiat Spider eher eine schlechte Wahl. Die Fahrzeugentwicklung der vergangenen Jahre erlebte auf drei Gebieten eine wesentliche Verbesserung: Bei den Themen Sicherheit, Umwelt und der allgemeinen Fahrzeugtechnik aus Motor und Fahrwerk.

Die heutigen Motoren sind eher auf maximales Drehmoment, also einen guten Durchzug aus niedrigen Drehzahlen heraus, ausgelegt. Youngtimer haben diese Entwicklung meist noch nicht durchgemacht. So ist beispielsweise der 3-Liter-Sechszylinder im Mercedes der Baureihe W124 (1984 bis 1997) vom Durchzug her keineswegs das, was aktuelle Mercedes-Motoren gleicher Bauart leisten.

Heutige Fahrwerke - Lenkung, Dämpfung und die Federn - sind wesentlich präziser als die von vor 30 Jahren. Hier helfen zwei Dinge vor dem Kauf: Damalige Vergleichstests lesen und eine ausgiebige Probefahrt. Wer seinen Youngtimer rein nach optischen Erwägungen kauft, weil er das Design klasse findet, hat den ersten Schritt in die falsche Richtung schon getan.

Alte Autos sind Umweltschädlinge – stimmt das?

Es stimmt: Ältere oder alte Autos stoßen mehr umweltschädliche Gase aus als Autos mit moderner Abgasreinigung. Zudem ist ihr Verbrauch an fossilen Brennstoffen höher. Stimmt also die These, dass Youngtimer Umweltschädlinge sind? Die gute Nachricht: Nein, diese These ist falsch.

Der weit überwiegende Teil des Energieverbrauchs eines Autos entsteht bei der Produktion des Fahrzeugs. Im Vergleich dazu sind der Benzinverbrauch oder der Schadstoffausstoß gering. Das bedeutet aber nicht, dass man auf einen Katalysator verzichten sollte. Schon die alten Euro1-Fahrzeuge eliminieren dank ihres Kats über 90% aller Schadstoffe. Insofern: Reift der Youngtimer zum Oldtimer, hat man auch etwas für das "grüne Gewissen" getan.

Youngtimer sind günstig

Youngtimer-Fan zu sein ist also ausgesprochen praktisch: Ein Opel Rekord beispielsweise, den man durchaus noch aus erster Rentnerhand finden kann, kostet keine 3.000 Euro. Das Prädikat „preiswert“ gilt bei vielen Modellen wie dem ersten VW Golf sogar für die Ersatzteile, und eine normale Autowerkstatt um die Ecke ist mit ihnen ebenfalls nicht überfordert.

Man kann sich den Luxus vergangener Tage problemlos leisten. Eine Limousine wie ein BMW 7er mit Leder und Klima wechselt für 5.000 Euro den Besitzer. Kultig sein und sparen – besser geht’s nicht.

Text: SH | Bildmaterial: Foto: Wikipedia / Wladyslaw