Klassiker mit unter 100.000 km

Was ist dran am Youngtimer-Mythos?

Die Jagd nach dem Uhu

Ein „Uhu“, das ist ein Klassiker mit weniger als 100.000 km auf dem Tacho. Diese Autos sind fast so legendär wie die „Scheunenfunde“, denn sie versprechen den Zustand eines Jahreswagens. Doch stimmt das überhaupt?

 
 
5. Januar 2016

Mythos „Uhu“: Ein altes Auto mit u(nter) hu(nderttausend Kilometer) auf dem Tacho, das gilt unter Fans als etwas ganz besonderes. Und regelmäßig sieht man solche Phantome auf Messen und Auktionen stehen: am liebsten noch mit dem Staub der Jahrzehnte auf dem Blech, wie durch ein Zeitloch aus ferner Vergangenheit zu uns in die Gegenwart gefallen.

Bei eBay steht eine solche Sehenswürdigkeit gerade zum Gebot: Ein Mercedes W123 von 1984 mit knapp 88.000 km, perfekt gepflegt, ein 32 Jahre junger Gebrauchtwagen. Wer das Schmuckstück ohne Gebot kaufen möchte, soll 18.990 Euro zahlen – der Marktbeobachter Classic Analytics taxiert ein Exemplar in gepflegtem Zustand auf bis zu 8.000 Euro. Das ist weniger als die Hälfte.

Oder bei mobile.de: Eine Mercedes S-Klasse der Baureihe W116 von 1979 mit etwas über 76.000 km, für 69.900 Euro – Gutachter taxieren bei einem Modell dieser Ausstattung und Qualität auf bis zu 41.000 Euro, also knapp 45 Prozent niedriger. Rechtfertigt der „Uhu“-Status solche Preisaufschläge?

Höhere Preise sind Realität

Frank Wilke von Classic Analytics kennt diese Anzeigen natürlich auch und ordnet sie dem Bereich des Gefühls zu: „Eine geringe Laufleistung hat schon eine gewisse Strahlkraft, das hat so etwas Unberührtes an sich“. Auch wenn sich dieser Aspekt nicht auf einen Prozentwerte festlegen lasse: Auf dem Markt wird für einen „Uhu“ tatsächlich oft mehr bezahlt.

Christian Beringer, Diplom-Ingenieur und Kfz-Sachverständiger aus Pullach bei München, kennt einen solchen Fall. Kürzlich begutachtete er einen Citroën DS Baujahr 1972. Er gehörte einem älteren Herrn aus Südfrankreich, der damit regelmäßig seine Tochter im 750 Kilometer entfernten Paris besuchte. Und zwar nahezu ausschließlich, das Auto war keinem Kurzstreckenverkehr ausgesetzt.

Der Citroën befand sich dementsprechend in einem Traumzustand: Unter 100.000 Kilometer gelaufen, 1. Hand, komplette Wartungshistorie und immer auf Langstrecken bewegt. Beringer: „Für so ein Auto wird ein entsprechender Preis gezahlt“.

Sicherheit kauft man damit nicht

Händler wissen: Ein Gebrauchtwagen mit über 250.000 Kilometern Laufleistung ist schwer verkäuflich und lässt sich nur mit einem großen Abschlag an den Mann oder die Frau bringen. Ist es da nicht logisch, dass eine geringe Anzeige auf dem Tacho immer mit einem Preisaufschlag bedacht wird?

Die kurze Antwort: Nein – weil es nicht der Realität entspricht. Es gibt solche Autos wie den oben beschriebenen DS – doch sie sind extrem selten. Ein Profi wie Beringer findet den Mythos „auch toll“, achtet aber im täglichen Leben auf ganz andere Sachen.

Die Servicehistorie beispielsweise, die Qualität der verwendeten Ersatzteile (bei Nachfertigungen gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede) und vor allem die Art und Weise, wie die gefahrenen Kilometer zustande gekommen sind. „Die 100.000-Kilometer-Grenze würde ich nicht als fixe Landmarke sehen.“

Wichtig: Kurz- oder Langstrecke?

Beringer kann das natürlich auch erklären: „Die Nutzungsart des Autos ist viel entscheidender als die reine Kilometerleistung.“ Ein hoher Kilometerstand, der im Kurzzstreckenbetrieb zustande kam, bedeutet wesentlich mehr Verschleiß als auf der Langstrecke. Bereits die Zahl der Kaltstarts spielt eine große Rolle.

Beringer erzählt von einem Land Rover in Großbritannien, der nach Jahrzehnten nur 20.000 Meilen, also rund 32.000 Kilometer, auf dem Tacho hatte. Doch die habe das Auto als Arbeitstier auf einem Gutshof angesammtl, also häufig im (kupplungsverschleißenden) Anhängerbetrieb, im Gelände (schlecht für das Fahrwerk) sowie auf kürzesten Distanzen (und dementsprechend häufigen Kaltstarts). Resultat: der Wagen war komplett am Ende.

Und noch eines gibt es bei Klassikern zu bedenken. Klar ist, dass moderne Autos klaglos 200.000 Kilometer und auch weit mehr ohne große Probleme hinter sich bringen. Das jedoch war beileibe nicht immer so, und so kommen wir dem Mythos „Uhu“ näher.

Die anderen waren einfach noch schlechter

Der Volkswagen Käfer (Werbespruch: „Und läuft, und läuft, und läuft ...“) ist dafür ein gutes Beispiel. Dieser galt früher als sehr zuverlässiges Auto und hat sich dieses Image bis heute erhalten. Allein: Da ist der Ruf besser als die Lage. Sie hat wenig mit dem Käfer zu tun, sondern mit dem veränderten Qualitätsanspruch dieser Tage.

Der Käfer ist in einer Zeit groß geworden, als größere Schäden an den Konkurrenzprodukten von Borgward, Opel und BMW bereits sehr früh auftreten konnten. Von Rostlöchern am Karosseriekleid schon bei der zweiten TÜV-Prüfung mal ganz abgesehen. In diesem Umfeld bewährte sich der Käfer als zuverlässiges, leicht und günstig zu reparierendes Auto. Aber eben auch nur hier.

Unter den Blinden ist der Einäugige nun mal König. Hinzu kommt: Bis in die späten 1970er-Jahre verwendeten die meisten Hersteller fünfstellige Tachometer. So gesehen ist jedes Auto bis dahin ein Uhu – und der Käufer muss verifizieren, wie oft der Kilometerstand bereits wieder die Null erreicht hat. Das zeigt auch: Die Hersteller trauten ihren Produkten zumeist nicht zu, wesentlich mehr als 100.000 km zu verkraften.

Uhus Risiko: Teure Standschäden

Auf den ersten Blick könnte man aus der früher eher dürftigen Zuverlässigkeit der Mechanik also ein weiteres Argument herleiten, dass ein niedriger Kilometerstand tatsächlich einen kräftigen Aufpreis wert sein müsste. Je weniger ein Auto gefahren ist, desto seltener müsste es zu teuren Reparaturen kommen. Umso mehr gilt das für teure Autos wie einen Ferrari, wo eine Motorrevision gerne fünfstellige Beträge verschlingt.

Leider zerlegen Experten diese Annahme augenblicklich. In den 1950ern bis in die späten 70er-Jahre war die geringe Kilometerleistung des Gebrauchten zwar ein wichtiges Preiskriterium. Aber, wie Frank Wilke von Classic Analytics erläutert: „Jetzt sind diese Autos mindestens 40 Jahre älter, da ist es eher entscheidend, wie die aktuelle Laufleistung zustande gekommen ist“. Ideal sei es, wenn die Kilometerleistung möglichst gleichmäßig zustande gekommen sei. „Das ist sie aber meistens nicht“, so Wilke, „deshalb ist ein so geringer Kilometerstand bei alten Autos für Experten eher abschreckend“.

Wenn ein Auto längere Zeit nicht oder kaum benutzt wird, sind teure Standschäden unausweichlich – und damit eher ein Grund für einen niedrigeren Preis. Doch der Markt reagiert vor allem bei hochpreisigen Autos oft anders. Einen Ferrari 512 BBi von 1981 mit gut 30.000 Kilometern auf der Uhr, dazu noch 1. Hand – so ungefähr sieht die Blaue Mauritius der Autosammler aus.

Wer fahren will, schert sich nicht um den Mythos

Wandert der Ferrari direkt ins Museum, mag dieser „Uhu“ für den Zweck seinen Sinn ergeben. Wer sogar das Glück hat, den „Uhu“ zum Normalo-Preis zu erwerben, kann zumindest auf einen profitablen Weiterverkauf spekulieren (darf dann aber nicht viele weitere Kilometer sammeln). Wer sein Auto jedoch einfach fahren (und genießen) will, sollte sich anderweitig umschauen und den Mythos einen Mythos sein lassen.

Wissenswertes zum Thema „Uhu“ in der => Bildergalerie.

Text: Portal-Manufaktur / Stephan Hellmund