Ausgestorbene Marken

Vom Reiz, einen Auto-Dinosaurier zu fahren

Huch, was ist denn das?

Warum immer nur Mercedes oder Käfer? Abseits des Mainstreams warten die Dinosaurier unter den Klassikern: Modelle von untergegangenen Marken – etwas ganz Besonderes für echte Individualisten.
 

 
 
4. November 2015

Kennt die heute noch einer? Veritas, Stoewer oder Adler – das waren mal klangvolle Namen auf dem Automarkt. Allein in Deutschland werkelten 1924 nicht weniger als 86 Autohersteller vor sich hin. Bis in die frühen 1960er-Jahre war die Vielfalt gewaltig, dann setzte das große Sterben ein.

Aber die Produkte dieser untergegangenen Marken sind auch heute nicht mausetot: Ein harter Kern von Autoliebhabern kümmert sich um die vergessenen Zeugen der Vergangenheit. Ohne Herstellers Hilfe organisieren sie selbst, bauen Teile nach, vermitteln Expertenwissen. Mit Erfolg: Ihre Vehikel fahren, und das noch nicht mal schlecht.

Und die Szene ist quicklebendig: Das ist allein schon daran zu sehen, dass es in der (fast) unendlich großen Schatzkammer mobile.de unzählige solcher Antiquitäten zu kaufen sind. Und sie werden gekauft. Vielleicht nicht schnell, mitunter auch erst nach Monaten, aber sie finden immer wieder einen neuen Liebhaber.

Komplett auf sich allein gestellt

Vor ein paar Jahren baute BMW zur Demonstration der Leistungsfähigkeit ihrer Klassikersparte einen 02er BMW aus den 1970er-Jahren komplett nach. Nahezu sämtliche Teile waren nachgefertigt worden.

Das sind PR-Aktionen, von denen ein Hobby-Restaurator wie Manfred Schleißing nur träumen kann. Er ist der 1. Vorsitzende des Adler-Motor-Veteranen-Clubs, und dessen Mitglieder sind zum Erhalt ihrer Fahrzeuge komplett auf sich allein gestellt. Die Frankfurter Adlerwerke stellten ab 1889 Fahrräder und Schreibmaschinen, später Dreiradwagen und ab 1900 Autos her.

Bekannteste Produkte waren die sehr erfolgreichen Adler Trumpf und Trumpf Junior mit damals neumodischem Frontantrieb, von denen 1933 bis 1940 fast 100.000 Stück produziert wurden. Weltweit existieren davon noch rund 700 Stück.

Was es nicht gibt, wird nachgebaut

Manfred Schleissing: „Heute ist ein Adler die günstigste Möglichkeit, einen Vorkriegswagen zu kaufen und zu fahren“. Fahren? Wie soll man an die hierfür benötigten Ersatzteile kommen? Endete doch schon 1940 die PKW-Produktion der Adlerwerke. Nach dem Krieg wurden bis 1957 noch etwa 100.000 Motorräder produziert. Mit dem Ende der Schreibmaschinen-Produktion schlossen sich die Tore der Adlerwerke 1998 endgültig.

Manfred Schleissing fährt selbst einen Adler Favorit Modell 8J, den er von seinem Großvater übernahm. „Der Erhalt eines Adlers ist recht einfach. Die Preise nicht nur für ganze Autos, sondern auch für die Ersatzteile sind sehr volksnah.“

Es gebe nahezu alles im Club.  „Und was es nicht gibt, wird nachgefertigt“. So sei beispielsweise eine Getriebeüberholung für 1.500 Euro möglich, ein komplett neu aufgebauter Motor kommt auf 7.500 Euro. Das sind Preise, von denen Mercedes-Liebhaber nur träumen können.

Treser: Traum der 80er-Jahre

Viel moderner sind die Autos im Club von Carsten Nitzsche. Seine Leidenschaft gilt den Produkten von Walter Treser. Treser ist der ehemalige Leiter der Vorentwicklung von Sonderfahrzeugen bei Audi, gründete seine eigene Firma und stellte ab 1982 Umbauten auf VW und Audi-Basis her. Auch diese raren Stücke sind heute bei mobile.de zu finden.

Auch Nitzsche kam über die Familie zu seiner Leidenschaft, er übernahm den zum Cabrio mit Klappdach umgebauten Polo (die Dachkonstruktion des Mercedes SLK basiert auf einem Treser-Patent) seines Onkels.

Es folgte eine sehr aufwändige Recherche nach dem Erbauer des Wagens. „Ich wusste anfangs gar nicht, was das für ein Auto ist“, so Nitzsche. Ausfindig machte er den Erbauer seines Polo erst 2005 und gründete gleich den passenden Club.

Besser VOR dem Kauf zum Club

„Treser fahren ist sehr exklusiv. Vom Treser quattro roadster gab es nur 39 Stück, davon existiert heute vielleicht noch die Hälfte. Der Umbau war damals sehr teuer, deshalb kamen nur wenige auf den Markt.

Heute pflegen diese Autos technisch interessierte Menschen, die das Nicht-Alltägliche suchen.“ Neben dem Erhalt der Markenhistorie kümmert sich der Treser-Club auch um die speziellen Ersatzteile. Vieles ist noch zu bekommen, deshalb sind heute noch viele Treser-Originale unterwegs.

In diesen beiden Fällen lässt sich das Objekt der Begierde also recht problemlos am Laufen erhalten. Das muss jedoch nicht immer so sein. Deshalb geben die beiden Clubchefs unisono die Empfehlung, einem Markenclub beizutreten – und zwar VOR dem Kauf, um eine Fehlentscheidung umgehen zu können.

Skurriles von der Insel

Bekanntlich sind die Briten gerne etwas anders als die Resteuropäer. Skurrile Autos sind auf der Insel eher die Regel als die Ausnahme. Das führte dazu, dass sich diese Produkte anderswo weniger gut verkauften, was auch von unterschiedlichen Qualitätsvorstellungen mitverursacht wurde.

Im Endeffekt hat sich die britische Automobilindustrie im Vergleich zu früher nahezu rückstandlos aufgelöst oder wurde übernommen, was in unserem Fall auf das gleiche hinausläuft: Ehemals hoch interessante Marken mit sehr ungewöhnlichen Produkten sind verschwunden. Wie zum Beispiel Alvis.

Die Überlebenden dieses Massen-Aussterbens können heute nicht einfach über Classic-Parts aus dem Internet versorgt werden. Der Alvis Firefly ist so ein Fall, Baujahr 1932 und nach Angaben des Anbieters bestens in Schuss.

Alternative zur VW Pritsche

Seit Langem ist bekannt, dass die Preise für ehemalige Gebrauchsautos wie den VW Bus 1. und 2. Generation stark angezogen haben. Manche sprechen schon von einer handfesten Preisblase. Aber die erstreckt sich zum Glück nicht auf die Produkte der (bereits ausgestorbenen) Konkurrenz.

Und die verstand sich ebenso wie die Wolfsburger auf markant gestaltete, gnadenlos untermotorisierte Arbeitstierchen: Mit dem Tempo Matador ist nicht nur das Wirtschaftswunder nachfahrbar, zur Not kann man sich mit ihm auch eine ganz individuelle Existenz aufbauen.

Nur ein wenig Zeit sollte man mitbringen: 24 PS sorgen nicht gerade dafür, dass sich beim Beschleunigen der Asphalt wellt.

Cord war seiner Zeit zu weit voraus

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, lautet ein beliebter Spruch. Leider ist die Automobilgeschichte auch reich an Marken, der Produkte einfach zu weit im Voraus gedacht waren. Citroen haftet dieses Image an, doch die Franzosen gibt es heute zumindest noch.

Die US-Marke Cord gibt es nicht mehr, was wirklich schade ist: Die sehr aufwändig konstruierten Autos waren Ende der 1930er- und 1940er-Jahre technisch ganz auf der Höhe der Zeit. Wie würde ein Cord wohl heute aussehen?

Das Modell 810 jedenfalls war damals revolutionär: Mit seiner Stromlinienform sieht es bis heute ungewöhnlich aus, ein Eindruck, den die versenkten Scheinwerfer (erstmals in einem Serienauto!) unterstreichen. Hier ist ein wunderschönes Exemplar.

Die fast vergessene Luxusmarke

Vor einigen Jahren kamen mehrere Automobilhersteller auf die Idee, alte Marken wiederzubeleben. So startete beispielsweise Mercedes mit Maybach wieder durch – und landete einen veritablen Flop.

Auch bei Audi soll es Überlegungen gegeben haben, die Vorgängermarke Horch aufleben zu lassen. Doch es kam nicht dazu, und so gibt es heute nur Originale. Sie sind ausnahmslos teuer, was auf Seltenheitswert und vor allem Prestige zurückzuführen ist.

Horch war bis zum zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich als Hersteller von Luxusautos. In den 1930er Jahren erreichte die sächsische Firma einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Allerdings: Es entstanden maximal 1.500 Pkw pro Jahr. Ein typischer Vertreter der luxuriösen Wagen ist das Modell 830 BL, dieser hier ist sogar ein Cabrio.

Giugiaro-Design half nichts

Eine untergegangene Marke im eigentlichen Sinn ist Aztec nicht – eher der fehlgeschlagene Versuch, eine neue Marke zu etablieren. Unter der extrem futuristischen Hülle des Stardesigners Giugiaro (Lotus Esprit, VW Golf I) steckt ein Lancia-Vierradantrieb kombiniert mit einem Audi-Turbomotor.

Ab 1988 entstanden je nach Quelle zwischen 18 und bis zu 50 Stück. Um nur eine Besonderheit des Autos zu nennen: Fahrer und Beifahrer stecken unter gesonderten Glaskuppeln. Wollen sie miteinander reden, müssen sie die dafür installierte Anlage benutzen.

Ein echter Exot, aber mit knapp 1 Million Euro Preisforderung sicher nicht ganz das, was man als Schnäppchen bezeichnen würde.

50 Jahre altes Hybrid-Auto

Italienische Sportwagen zeichnen sich durch eine filigrane, hochgezüchtete Technik sowie ein edles Design aus – richtig? Na, fast. In den 60er-Jahren entstand in Italien ein Trend zu sogenannten Hybrid-Sportwagen. Damit bezeichnete man nicht die Kombination aus Benzin- und Elektromotor, sondern eine ganz andere Variante. Dabei kam die Karosserie aus Italien, der Motor jedoch zur Kostenersparnis aus den USA.

Leistung satt zu niedrigen Preisen, das war dabei die Devise. Leider war es kein Erfolgsmodell: Keine der Firmen wie Iso oder auch DeTomaso überlebten. Eine der sportlichsten Varianten dieser Hybrid-Autos steht jetzt zum Verkauf: der Bizzarini.

Sein Erbauer Giotto Bizzarrini war unter anderem für Ferrari und Lamborghini tätig, der hier angebotene 5300 GT hat ein interessantes technisches Detail: Es ist ein sogenannter Front-Mittelmotorwagen, der Motor sitzt sehr weit hinten. Teile des Triebwerks sind deshalb nur über eine Klappe im Armaturenbrett zugänglich.

Französischer Traum vom Luxus

Hybrid-Zweitürer konnten auch die Franzosen bauen. Das Luxusschiff hieß Facel Vega (ab 1954) und vertraute auf einen V8 von Chrysler.  Zu den illustren Kunden gehörten unter anderem Frank Sinatra und Pablo Picasso.

Doch auch die klangvollen Kundennamen halfen nichts: Schon 1964 ging die Firma pleite. Aber sie hinterließ neben langzeittauglichen Produkten auch eine feste Fanbasis. Das hier angebotene Exemplar aus dem letzten Produktionsjahr fuhr lange Jahre in San Francisco.

Ungewöhnlich für ein so altes Auto: Neben der aktuelle Rechnung für die technische Überholung von rund 20.000 Euro ist sogar noch die originale Verkaufsrechnung erhalten.

Ein Spanier für den König

Wer heute an spanische Autos denkt, kommt unvermeidlich auf die heutige VW-Tochter Seat, die sich früher mit Fiat-Lizenzbauten über Wasser hielt. Doch es gab noch eine andere Automarke von der iberischen Halbinsel, die ungleich mehr Renommee besaß: Hispano-Suiza.

Der ungewöhnliche Name der Firma von 1904 vereint die Landesbezeichnungen von Spanien (Hispano) und der Schweiz (Suiza). Im Angebot ist ein Hispano-Suiza Alfonso XIII. Torpedo. Die Modellbezeichnung verweist auf den damaligen spanischen König Alfonso XIII, der als autobegeistert galt und beim Aufbau der Firma half.

Für seine damalige Zeit war der Alfonso (das Auto) sehr schnell: Er leistete über 50 PS und erreichte damit auch eine ungewöhnlich hohe Endgeschwindigkeit von 100 km/h.

Alter Look, neue Technik

Irgendwann muss es doch einmal klappen. Irgendwann wird einer außer Porsche mit dem Bau von Sportwagen richtig gutes Geld verdienen und dem ehernen Gesetz der Branche Paroli bieten, das da lautet: „Mit dem Bau von Sportwagen kann man ein kleines Vermögen machen. Aber nur, wenn man vorher ein großes hatte“.

Das dachten auch die Brüder Friedhelm und Martin Wiesmann, die zuvor mit der Produktion von Hardtops zu Geld gekommen waren. Sie kleideten ab 1993 hochwertige BMW-Technik mit einer an klassische Vorbilder erinnernden Roadster-Karosserie ein. 1.600 Sportwagen entstanden, aber im Jahr 2014 war endgültig Schluss und die Firma ging nach einer unrühmlichen Geschichte von Missmanagement in Konkurs.

Heute ist die Ersatzteilsituation dank der BMW-Technik weitgehend locker. Das hier angebotene Exemplar kennt dank 321 PS aus dem M-Sechszylinder keine Leistungssorgen und ist nur rund 29.000 Kilometer gelaufen.

Die Fabriken, in der diese Autos gebaut wurden, sind längst abgerissen – aber sie leben noch heute: Die Dinosaurier in der Bildergalerie.

Text: Portal-Manufaktur / Stephan Hellmund