Nachkriegs-Design

Nachkriegs-Design

Die neue Sachlichkeit

Auf die schwülstige Heckflossen-Ära des Automobil-Rokoko folgen der pure Pragmatismus – und das Abschreckungsdesign der Neuzeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt sich die „Integration“ im Automobilbau fort: Kotflügel und Trittbretter verschwanden schließlich ganz. Die Pontonform entsteht, Seitenflanken werden einheitlich. „Auch hier geht es keineswegs um Aerodynamik“, sagt Autohistoriker Kurt Möser. Vielmehr war die Intention, den Innenraum zu verbreitern – mehr Komfort auf Kosten der Trittbretter, die schon seit geraumer Zeit niemand mehr brauchte.

Auch der von außen zugängliche Kofferraum entsteht erst, als man anfängt, Kunden zu befragen, was sie denn gern hätten. „Noch der Mercedes 170 hatte in den 1930ern einen Kofferraum, der nur von innen beladen werden konnte“, weiß Möser zu berichten.

Doch die Glättung des Automobil-Designs findet auch Gegner. Die erste Rückwärtsbewegung kommt aus den USA, wo Wirtschaftswachstum und Fortschrittsglaube in einem Design münden, das blecherne Protuberanzen zu einer eigenen Stilform macht, einem Automobil-Rokoko: Die Straßenkreuzer aus den Staaten sind nicht nur unsinnig voluminös, sie sind dazu mit obszön aufgerichteten Heckflossen, geschwulstähnlichen Stoßstangen und mörderischen Monstermäulern mit gebleckten Zähnen garniert.

 

 
 

Stilmittel aus dem Flugzeugbau

Zugleich aber werden diese rollenden Blechgebirge als hoch modern verkauft, denn sie zitieren Stilmittel aus dem Flugzeugbau und der gerade ansetzenden Raumfahrt. Erneut also pure Symbolik, die mit der Realität im Windkanal überhaupt nichts gemein hat.

In Europa weiß man sich lange nicht anders zu helfen, als diesen pompösen Stil zu kopieren; selbst ein Mercedes hat in den 1960er-Jahren Heckflossen, die berühmten „Peilstege“ – hier fehlt sogar der Mut, die Symbolik beim Namen zu nennen. Andere folgen der Mode, so mag auch VW beim Typ 3, Limousinen-Ableger des Käfer, nicht auf angedeutete Heckflossen verzichten.

Der Absturz kommt früh: Die Raumschiff- und Düsenjäger-Mode findet ihr Ende schon Mitte der 1960er-Jahre, man kehrt (vor allem in Europa) reuevoll zur Integration zurück. Diese neue Sachlichkeit folgt nicht zufällig auch dem politischen Sinneswandel: Fortschrittsglaube weicht Demut, gewachsen aus einem neuen Bewusstsein für die Verletzlichkeit der Umwelt und die Endlichkeit des Öls. Autos werden funktional, bescheiden, sparsam – und erneut handelt es sich um äußere Symbolik, die sich verkaufen soll.

Reduziert auf die bloße Form

So wie der Käfer der Vorkriegszeit, so ist auch der erste Golf 1974 wieder ein Meilenstein im Automobil-Design – für seine Zeit vollkommen „integriert“, reduziert auf die bloße Form. Ornamente sind verboten in dieser neuen Designschule, die das Wahre und Schöne in der Einfachheit verkünden will.

Die Konkurrenz zieht mit; selbst Oberklasselimousinen wie der Ro80 von NSU übernehmen diese neue Symbolik. Heute wirken diese klaren Entwürfe rührend in ihrem Bemühen, technische Rationalität zu vermitteln.

Folgt man der Integrations-Theorie, haben Autos ihre gestalterische Endstufe bereits in den späten 1980er-Jahren erreicht – mit VW Passat und Ford Scorpio, die auf einen Kühlergrill komplett verzichten. Und erneut geschieht Erstaunliches: Eine Rückwärtsbewegung bricht sich Bahn, Ornamente und Segmentierung kehren zurück. Der nächste Passat, es ist die Baureihe B4, hat wieder einen Kühlergrill. Und der wird – wie bei fast allen Marken – von Modell zu Modell größer.

Bangles 7er BMW spaltet die Nation

„Höhepunkt dieses Versuchs, das Auto wieder in seine alten Bestandteile zu zerlegen, ist für mich Chris Bangle mit seinem BMW 7er“, sagt Kurt Möser. Die 4. Generation der bayerischen Oberklasse kam 2001 auf den Markt und löste eine heftige Kontroverse aus.

Das Luxusauto war vor allem in Front und Heck sehr markant gezeichnet und zerfiel damit optisch in seine drei Baugruppen: Motorraum, Fahrgastzelle und Kofferraum – gerade so wie die Ur-Autos der Frühzeit. Damals konnte das Design nicht überzeugen, der 7er wurde kontinuierlich dezenter gestaltet. Und Bangle musste gehen.

Heute dagegen wäre sein Entwurf wieder en vogue: Klarheit scheint im Autodesign kein nachgefragter Wert mehr zu sein. Was beim VW Golf VII die nach hinten ansteigende „Tornado-Line“, eine die Keilform betonende Sicke auf den beiden Wagenflanken, ist bei anderen Modellen eine Vielzahl von gezackten Zierlinien und -leisten.

„Die Deutschen fahren Kitsch“, hat es kürzlich Designprofessor Lütz Fügener in einem Interview drastisch ausgedrückt und seine Aussage damit erklärt, dass momentan der Geschmack von Autokäufern aus den Schwellenländern uns ein Design aufzwinge, dass uns eigentlich fremd sei.

Abschreckungsdesign ist Zeitgeist

Dennoch kaufen wir diese opulenten Geburtstagstorten auf Rädern mit ihren angriffslustigen Katzenaugen – selbst bei einem so harmlosen Vehikel wie dem Smart fortwo. „Abschreckungsdesign ist leider sehr in Mode – wenn Autos schon keine ausgestellten Ellbogen haben, so können sie doch ein böses Gesicht machen und aggressiv die Zähne zeigen“, sagt Blechhistoriker Möser.

Wenn das eine erwünschte Symbolik ist, dann wirft sie kein gutes Licht auf den Zeitgeschmack. Aber auch der geht irgendwann vorüber. Wer weiß, was dann kommt.

Mehr dazu in der Bildergalerie.

Teil 3 des Specials über Automobil-Design huldigt dem „Space-Design“ und den kruden Vorstellungen über die Antriebe von morgen.

Text: rg/fayvels büro | Bildmaterial: Audi