Studien der 60er und 70er

Studien der 60er und 70er

Der Keil geht steil

Radikale Formen sprechen nicht jeden an. Dafür kommen sie nicht aus der Mode. Bestes Beispiel: die Keilform, der Killer aller Karosseriekurven.

Im Europa der frühen 60er Jahre haben Sportwagen vor allem eins: unwiderstehliche Rundungen. Jaguar zeigt 1961 den ersten E-Type, der in Windeseile zum begehrtesten und bekanntesten Traumauto der Welt avanciert – und radikal mit dem Vorgänger XK 150 bricht, auch wenn er zunächst dessen Sechszylindermotor übernimmt.

Wer hip sein will, kommt an dem flachen Briten nicht vorbei. Wie kein anderes Auto dieser Zeit symbolisiert er Kraft und Stärke und Erfolg; hinzu kommen spektakuläre Rennen auf legendären Kursen wie Silverstone und Brands Hatch – und populäre Fahrer wie FBI-Agent Jerry Cotton, der als TV- und Kinoheld nie ohne seinen E-Type auf Halunken-Hatz geht.

Im August 1963 stellt Porsche den 356 C vor, das letzte Modell der klassischen, seit 1949 gebauten Porsche-Reihe. Ein Jahr später läuft in Stuttgart die Produktion des ersten 911er an. Auch hier dominieren wohlproportionierte Rundungen. Und tun es bis heute.

 

 
 

Bertone killt die Karosseriekurven

TVR Griffith, Renault Alpine, Glas 1700 GT, Triumph Spitfire – in allen Leistungs- und Preisklassen dominieren in den Sechzigern meist stehende runde Scheinwerfer, die gern mit Verschalungen aus transparentem Kunststoff auf Aerodynamik getrimmt werden.

Der Alfa Spider der ersten Generation (ab 1966) erlangt als „Brillenträger“ Weltruhm: Dustin Hoffman legt mit dem Duetto seine „Reifeprüfung“ ab; jungen wie älteren Frauen verdreht er glatt den Kopf. Das gelingt sonst nur mit dem sündhaft teuren und mannhafte 270 km/h schnellen Ferrari 275 GTB.

Und dann das: Ausgerechnet die Italiener treiben einen Keil zwischen all die anbetungswürdigen Grazien. Auf dem Genfer Salon 1967 zeigt Karosseriekünstler Bertone die Studie Lamborghini Marzal. Spitz zulaufende Front mit Mini-Scheinwerfern, gläserne Flügeltüren, scharfe Kanten und Ecken überall. Im Heck, unter wabenartigen Quadern: ein halbierter Zwölfzylinder aus dem betörenden Miura. Der ist jetzt designmäßig abgemeldet.

Stratos Zero – keiler geht es nicht

Die nächsten Jahre geht es Schlag auf Schlag: Pininfarina zeigt 1969 in Turin den nur 96 Zentimeter hohen Rennkeil Ferrari 512 S Berlinetta Speciale. Ein kniehohes UFO auf Rädern mit mehr als 500 PS aus standesgemäßen zwölf Zylindern.

Ein Jahr später legt der Formenzauberer den 512 S Modulo nach. Zum Einsteigen hebt sich die gesamte Glaskappe des hüfthohen Stealth Bombers ab. Sehr spooky. Und sogar fahrbereit: Als Chassis dient ein 512-S-Rennwagen. Mercedes kann so etwas auch: Die Erprobungsrenner der C111-Flotte stehen den radikalen Italo-Entwürfen optisch in nichts nach.

Der Keil der Keile ist und bleibt aber der Stratos Zero von 1970. Hinein geht es nur durch die aufklappbare Windschutzscheibe, zwei Personen sitzen dahinter nebeneinander auf Nasenfühlung zur Front, die Vorderachse quasi unter den Kniekehlen.

Letztlich zur Welt gekommen ist der Extremkeil Zero dann als Lancia Stratos. Deutlich weniger radikal, aber immer noch sehr keil – und eine Legende im Rallyesport. Drei WM-Titel in Folge (1974-76) bescherte er Lancia. Für grandiose Fahrleistungen sorgte der Sechszylinder-Mittelmotor aus dem Ferrari Dino 246 GT; für hysterische Begeisterung die extrem schnittige Form. Bertone adaptierte sie sogar für NSU. Über den Konzeptstatus kam der Wankelflitzer „Trapeze“ 1973 allerdings nicht hinaus.

Der Countach stellt alle(s) in den Schatten

1971 wirft die Studie LP500 auf dem Genfer Salon einen ersten kantigen Schatten in Richtung Lamborghini Countach (ab 1974). Der italienische Supersportler stellt mit seinem aggressiven Design alles Bisherige in den Schatten. Denn er kommt tatsächlich auf die Straße. Ohne Heck, wenn man so will: Dort, wo Lambos 2+2-Sitzer wie der Jarama 400 GT Platz für Gepäck und Aussicht bieten, röhrt beim Countach der gewaltige Zwölfzylinder im Maschinenraum.

1974 legt Bertone den Lamborghini Bravo P114 nach, quasi die Ur-Vorlage für den kleinen Bruder Gallardo. Lambos Lütter folgte dann allerdings erst vier Jahrzehnte später (2003). Zu den letzten Verfechtern der ausklingenden Donnerkeil-Ära gehörten Anfang der 80er Jahre noch Preziosen wie BMW M1 (bis 1981 gebaut), Lotus Esprit (bis 2003) und natürlich der Lamborghini Countach S.

Der große Lambo ist sich auch als Diablo (1990-2001), Murcielago (2001-2010) und Aventador (seit 2011) treu geblieben. Derart radikale Formen kommen nicht aus der Mode – solange Räder dran sind.

Mehr über die keilen Kisten der 70er in der Bildergalerie.

Text: rb/fayvels büro | Bildmaterial: Bertone