Auto-Design 1980 bis 2010

Auto-Design 1980 bis 2010

Von der Kiste zum Image

Die vergangenen drei Jahrzehnte markieren mehrere große Umbrüche im Automobildesign. Design wurde wichtiger, gleichzeitig jedoch stärkeren Zwängen unterworfen. Das mobile.de Magazin präsentiert die schönsten und wichtigsten Designstudien.

Wer Anfang der 80er-Jahre auf der Suche nach einem Neuwagen die Autohäuser durchstreifte, der hatte eigentlich nur die Wahl zwischen kastenförmigen Autos. Selbst emotionale Marken wie Alfa Romeo gaben sich Anfang der 80er voll die Kante. Die teils schrillen Designs und Autofarben der 70er waren wie vom Erdboden verschwunden.

 

 
 

Die 80er starten nüchtern

Das hatte natürlich seine Gründe. Erfolgreiche Autos wie der erste VW Golf im betont nüchternen Design setzen Maßstäbe bei den Verkaufszahlen. Schwülstige Formen erschienen – so die damals gängige Meinung - schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen als hoffnungslos veraltet.

Technik vs. Spiritualität

Doch Automobildesign entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern spiegelt immer auch die Gesellschaft wieder, betont deren Eigenschaften oder zeichnet sie nach. In den 80ern präsentierte sich die Bundesrepublik zerrissener als zuvor. Einerseits entstand nach dem Start des Space Shuttles 1981 eine gewisse Technikgläubigkeit, auf der anderen Seite ging es um die Suche nach tieferen Werten.

Sinnhaftigkeit muss sichtbar werden

So ist es denn auch kein Wunder, dass 1981 die Partei die Grünen gegründet, andererseits der jeder revolutionären Idee unverdächtige Helmut Kohl 1982 zum Bundeskanzler gewählt wurde – und es die kommenden 16 Jahre blieb. Ab 1983 wurden nur noch Autos mit geregeltem Katalysator zugelassen.

In den Automobilstudien dieser Zeit spiegelt sich beides wider. Das rein kastenförmige Design glich Antworten auf die Frage, was das denn überhaupt alles solle. Ein Design der Zeit mag dafür als Beispiel dienen: Der Audi 100 der Baureihe C3 erschien 1982 und markierte gleich den Weltrekord für die strömungsgünstigste Serienlimousine. Der Audi 100 war schlicht und fließend, ohne jeden Chromschmuck, aber von funktionaler Schönheit.

Bunt ist out

Auf die neuen, rundlicheren Formen trugen die Autolackierer weniger Farbtöne auf. Bunt als Lebenshaltung und Unterscheidungsmerkmal verschwand. Weiß war noch nicht verpönt, Schwarz und Silber kamen in Mode. Zierleisten und der schon erwähnte Chrom wurden seltener. Dafür gab es eine neue Fahrzeuggattung: Der Van kam nach Europa, zuerst als Japaner, dann als Amerikaner und schließlich, 1984, auch als Europäer namens Renault Espace.

Die Kritik am Auto nimmt zu

Spätestens seit den 90er Jahren führte die Automobilindustrie einen langen Abwehrkampf. Nach der Wiedervereinigung 1990 konnte sie sich durch den Nachholbedarf in den neuen Bundesländern zwar über volle Auftragsbücher freuen, andererseits kam mit der Umweltbewegung größere Kritik am Auto auf. Benzineinsparung und die Umweltverschmutzung bekamen einen höheren Stellenwert.

Das Auto wird elektrifiziert

Gleichzeitig begann die Elektrifizierung des Autos, vorerst aber nicht als Antrieb. Von Parkpiepsern über Airbags und Antiblockiersystem bis zur internen Vernetzung – das Auto war in der Gegenwart angekommen. Und noch etwas passierte: Hatte der geneigte Automobilkäufer bislang die Wahl zwischen den neuen Vans, Kombis, Limousinen und Sportwagen, so dachten die Designer um.

Von allem gibt es mehr

1989 stellte Mazda den MX-5 vor, einen einfachen Roadster, und mit ihm kam die klare Ansage: Auto fahren darf wieder Spaß machen. 1994 erschien mit dem Toyota RAV4 das erste SUV, vorerst noch ohne den Boom des Segments. Doch klar war der Wunsch, dem Käufer das jeweils exakt passende Auto zu liefern.

Da hatte Volkswagen eine kostengünstige Idee: Statt für jede Karosserieform jedes Mal das ganze Auto neu zu konstruieren, müssten sich mehr Designfreiheiten doch auch einfacher realisieren lassen. Die Plattformstrategie war geboren.

Eine Plattform, acht Autos

Die Plattformstrategie eröffnete den Designern ganz neue Möglichkeiten. So brachte es der 1997 erschienene VW Golf auf zwei wichtige Neuerungen: Erstens gilt er als eines der gelungensten Golf-Designs überhaupt. Die jetzt aktuelle Baureihe Golf VII beruft sich wieder auf seine Designphilosophie. Andererseits probierte VW an ihm zum ersten Mal die ganzen Möglichkeiten der neuen Strategie aus. So basieren auf ihm nicht weniger als acht Konzernmodelle, vom Skoda Octavia bis zum Audi TT.

Design polarisiert

Diese Möglichkeiten entfalteten sich in den „Nullerjahren“ ab 2000 zur vollen Blüte. Das Design sollte jetzt polarisieren. Es musste nicht mehr der kleinste gemeinsame Nenner gefunden werden. Käuferschichten konnten unabhängig von der dahinter liegenden Technik angesprochen werden. Gefiel einem Käufer ein bestimmtes Auto nicht, konnte er bei der gleichen Marke mit einer anderen Karosserieform dennoch glücklich werden.

BMW erfindet sein Design neu

Die Provokation hat kaum jemand so konsequent umgesetzt wie BMW. Mit verschiedenen Studien bereitete die Firma ihre Kundschaft auf das vor, was da kommen sollte. Und es kam mit Macht: Mit dem Erscheinen des neuen 7er-BMW von 1991 revolutionierte BMW sein eigenes Design. Kein Stein blieb auf dem anderen, als erstes verschwanden die traditionellen Doppelscheinwerfer.

Revolution und der Blick zurück

Zuerst stark angefeindet, setzte sich das von Chris Bangle initiierte BMW-Design trotzdem durch. Kurz danach kam eine zweite Bewegung: Schon 1998 baute VW den New Beetle, ein Retroauto im Stile des seligen Käfers. Kurz darauf zog die BMW-Tochter Mini nach. Designer versuchten am Anfang des neuen Jahrtausends mehr oder weniger talentiert, sich oder ihre Vorgänger zu imitieren.

Ein Audi muss als solcher sofort erkennbar sein

Gleichzeitig verstärken die Designer das, was man als „Familienähnlichkeit“ bezeichnet. Auch daran gibt es heute starke Kritik. Ein Beispiel: So mögen die Audi-Modelle zwar jedes für sich schön sein, aber sie sehen sich zu ähnlich. Selbst innerhalb des Konzerns gibt es daran Kritik. Alle Autos werden dynamischer, mit flachen Motorhauben und Scheinwerfern, sowie einer ansteigenden Karosserielinie.

Designstudien blicken in die Zukunft - hoffentlich

Eines hat sich jedoch kaum geändert: Designstudien im Automobilbau zeigen oft das, was in den kommenden Jahren auf der Straße zu finden sein wird. Die große Kunst als Designer ist es nach wie vor, bei der langen Entwicklungszeit von Autos voraus zu ahnen, was in ein paar Jahren en vogue sein wird. Damit die Kunden das auch zu sehen bekommen, nimmt man sie so früh wie möglich mit.

Text: SH | Bildmaterial: Lancia