Studien der 50er und 60er

Studien der 50er und 60er

Als die Autos abhoben

In den 1950er-Jahren begann das Rokoko-Zeitalter des Automobil-Designs – mit mächtigen Flossen, kühnen Flügeln und üppigem Chrom-Zierrat.

Alles ging, nichts schien mehr unmöglich: Nach dem siegreich beendeten Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau des zertrümmerten Europa waren die USA buchstäblich im Höhenflug. Alles zeigte zum Himmel: Die Kennzahlen der Wirtschaft ebenso wie die neuen Saturn-Raketen, mit denen gerade der Wettlauf zum Mond gegen die Sowjets angelaufen war. Das Weltall faszinierte die Menschen, seine Eroberung schien nur eine Frage von Jahren.

So ergab sich das gestalterische Leitmotiv für die Autos dieser Ära ganz von selbst: Als die NASA noch mit der irdischen Schwerkraft kämpfte, sollten Straßenfahrzeuge bereits intergalaktische Distanzen überwinden. Zumindest symbolisch: Die Autos der Babyboomer-Jahre (benannt nach der kinderreichen US-Wirtschaftsboom-Generation) hatten alle Attribute von Raumschiffen. Zumindest so, wie man sich in den ersten Jahren der Raumfahrt solche Vehikel vorstellte.

 

 
 

Der Eldorado stach alle anderen Heckflossen aus

Buchstäblich ein Flaggschiff dieser Epoche war der Cadillac Eldorado von 1959 mit 97 Zentimeter hohen Heckflossen, aus deren Blech allein europäische Hersteller ein halbes Auto hätten bauen können. Höhere Finnen hatte keiner der Highway-Haie. „Ich habe den Tiger mal aus dem Käfig gelassen“, kommentierte GM-Designer Chuck Jordan später, offenbar nachhaltig höchst zufrieden mit der von ihm verbrochenen Blech-Orgie.

Dabei sind die Horror-Heckflossen nur ein Höhepunkt des Eldorado: An ihren Enden stechen warzenähnliche Rückleuchten in phallischer Pose horizontal über das Heck hinaus. Der Bug des Straßenkreuzers gleicht einem weit aufgerissenen Rachen, mit chromblitzenden Reißzähnen gespickt und mit einer Stoßstange bewehrt, die Bison-Büffel beiseite schieben könnte. Zum Fürchten und Frohlocken zugleich, der Anblick dieser säbelrasselnden Männerspielzeuge.

Straßenkreuzer wie Strahlenflugzeuge

Angefangen hatte es mit den „bemannten Raketen“: Die ersten Düsenjäger der US Airforce, die Strahlenflugzeuge F84 „Thunderjet“ und die F86 „Sabre“, waren der Stolz der Nation – das Schnellste, was es bis dato gab. Sie erreichten beinahe Schallgeschwindigkeit, und so sahen sie auch aus: wie fliegende Pfeile.

Es war also kein Zufall, dass die Mutter aller Heckflossen-Limousinen wie einer der Düsenjäger hieß: Der Buick „LeSabre“, ein Prototyp von 1951, sah selbst bei völligem Stillstand geradezu unheimlich dynamisch aus. Und gefährlich. Und flugfähig.

Wettkampf um die längsten und höchsten Flossen

Wie das Air Force-Vorbild breitet er die Schwingen aus, wie der Wolkenvogel schnaubt er durch eine riesige, zentrale Nüster nach Luft, und auch er duckt sich katzengleich auf den Boden, zum Sprung bereit. Wobei es Harley Earl, Designchef von GM, mit der Originalgetreue nicht so genau nahm: Der Fighter ist fast enttäuschend glatt, eben wirklichen Erfordernissen entsprechend – der Buick dagegen weist in Grundzügen bereits die schwülstig-üppige Opulenz auf, für die spätere Modelle berühmt geworden sind.

Und diese Rokoko-ähnlichen Ornamente wucherten wie wild – zwischen GM und Chrysler entbrannte ein inoffizieller Wettkampf um die längsten, höchsten, am reichsten verzierten Flossen. Allerdings tut man den Protzkisten jener Jahre Unrecht, würde man sie ausschließlich als rollende Bühnenbilder schmähen: Viele von ihnen fuhren technischen Fortschritt spazieren, wenn vielleicht auch nicht gerade effiziente Aerodynamik, so doch viele Ansätze dahin.

Motorisiertes Verdeck mit Regensensor

So war der „LeSabre“ von 1951 mit einer Karosserie aus Aluminium und Magnesium-Druckguss auch materiell seiner Zeit weit voraus. Das Verdeck des Konzeptautos schloss motorisiert, bei Bedarf von einem automatischen Regensensor dazu animiert. Der Motor verfügte über hoch moderne Benzineinspritzung, die Automatik wurde per Drehmomentwandler betätigt.

Anders hingegen sieht die Sache beim Ford X2000 aus, den der Dritte der „großen 3“ US-Autohersteller 1957 vorstellte: Hier ging es weniger um Technologie als um pures Imponiergehabe. Das Showcar besitzt statt Heckflossen Ballastkörper, die möglicherweise Raketenantriebe beinhalten, möglicherweise aber auch nicht. Der Ford X2000 wurde nur als Modell gebaut, ein fahrtaugliches Exemplar gab es nie.

Atomkraft, Gasturbinen, Steuerknüppel

Beim Seattle-ite XXI machte sich Ford vier Jahre später gründlichere Gedanken: Das futuristische Vehikel mit sechs Rädern, das über eine Art Touchpad gesteuert werden sollte, hatte den nach damaliger Ansicht unwiderstehlichen Antrieb der Zukunft an Bord: Atomkraft! So wie man damals glaubte, dass Autos sicher bald fliegen würden, hielt man auch Uran für einen probaten möglichen Brennstoff. Gut, es kam dann anders. Was sicher keiner bedauert.

Auch der „Firebird“ von GM erwies sich als reiner Technologieträger, denn an Bord eines Autos ist eine Gasturbine annähernd so gefährlich wie ein Atomreaktor. Der raketenähnliche Radaubruder war aus Glasfiber gefertigt und sollte zeigen, was geht. Dazu gehörten nicht nur gewagte Mehrflügler-Designs, sondern Klimaanlage, Tempomat und ABS – alles drei für die damalige Zeit eine Sensation. Manövriert wurde das UFO übrigens nicht per Lenkrad, sondern standesgemäß mit einem Steuerknüppel.

Mehr über die Prototypen der 50er- und 60er-Jahre in der Bildergalerie.

Und was nach den „Rocketeers“ für Aufsehen sorgte, zeigt Teil 4 des Specials über frühes Auto-Design und (gewagte) Studien.

Text: rg/fayvels büro | Bildmaterial: GM