Eis-Training am Polarkreis

Das coolste Sicherheitstraining der Welt

Es muss einfach glatt gehen

Mehr quer als hinterher: Spaß beim Fahren auf (fast) ewigem Eis und tiefstem Schnee ist nur eine Frage der Übung – und des nötigen Kleingelds

 
 
17. Februar 2016

Bleib auf der Bremse. Bleib auf der Bremse. Bleib. Auf. Der. Bremse. Gebetsmühlenartig schnarrt diese Anweisung aus dem Walkie-Talkie. Im Laufe des Vormittags wird Kalle Pätsi das noch circa 136-mal sagen. Trotzdem muss der schlaksige Instruktor fast bei jedem zweiten Auto, das vor seinen Augen die Ausweichbremsung hinlegt, die Pylonen wieder aufrichten.

Reingerasselt. Weil sie eben doch nicht draufgeblieben sind auf dem alles entscheidenden Pedal, und dann auch noch das Lenken vergessen haben, die Zauberlehrlinge auf Eis und Schnee, die hier in der Juha Kankkunen Driving Academy im finnischen Kuusamo ihre Achten ziehen.

Kankkunen? Genau, DER Kankkunen. Der 4-malige Rallye-Weltmeister. 1986, 1987, 1991 und 1993 fuhr der Finne die Weltelite in Grund und Boden. Erst auf Peugeot 205 Turbo 16 E2, dann auf Lancia Delta HF 4WD (2-mal) und schließlich auf Toyota Celica Turbo 4WD.

Lernen von den Großen des Rallyesports

686 Wertungsprüfungen hat der Mittfünfziger in seiner 31-jährigen Rennkarriere absolviert. 75-mal stand er auf dem Podium, 23-mal belegte er Rang eins. Heute lebt der Motorsportrentner in Monaco und Finnland. Und beschäftigt allein in Kuusamo, unweit der russischen Grenze, 15 „Instruktoren“.

So heißen die Fahrlehrer der etwas anderen Art, die meist im Dienst großer Automobilhersteller oder -clubs ihr Knowhow und Fahrtalent weitergeben. Zu den regelmäßigen Kunden zählen Firmen auf Incentive-Tour, passionierte Privatpersonen und nicht zuletzt Reifenhersteller wie Falken oder Bridgestone, die bei Permafrost ihre neuen Winter- beziehungsweise „Arctic“-Reifen präsentieren.

Rauno Aaltonen, mittlerweile 78 Jahre alter „Rallye-Professor“, gehört zu den Pionieren der Fahrertrainings auf Schnee und Eis. Wer im nordschwedischen Arjeplog an der BMW Driving Experience teilnimmt, kann noch heute von der Monte-Legende lernen, dass Driften – technisch betrachtet – auch bloß kontrolliertes Übersteuern ist (siehe => Bildergalerie).

Spaß muss sein, sonst wird das nix

Wichtigste Erkenntnis aller Instruktoren: Ohne Spaß nutzt die ganze Veranstaltung nichts. Einmal so richtig auf Schnee und Eis an die Grenzen gehen, ohne dabei nennenswerte Schäden zu riskieren – dieser Ansatz steckt hinter den exklusiven Winterfahrtrainings, die sich mittlerweile zu einem ernstzunehmenden Nebenerwerbsfeld vieler Automobilhersteller entwickelt haben.

Audi, Bentley, BMW, Mercedes-Benz, Porsche und Co. besetzen damit ein Feld, das lange Zeit in erster Linie Automobilclubs wie ADAC oder AvD vorbehalten war. Anfang der 1970er Jahre stellten Fahrtrainings einen Baustein der allgemeinen Verkehrssicherheitsarbeit dar.

Fahrtraining boten ursprünglich Clubs an

Was „Der 7. Sinn“ per Bewegtbild seinerzeit im Abendprogramm der Drei-Sender-Faltigkeit predigte, konnte dort im eigenen Auto nacherlebt werden.

Volle Kante bremsen, ausweichen, einlenken. Wer das mal mit Netz (erfahrener Instruktor) und doppeltem Boden (breite Auslaufflächen) ausgiebig geübt hat, der kann den meisten Gefahren des öffentlichen Straßenverkehrs gelassen entgegen sehen.

Konsequenter – und vor allem gefahrloser – kann man seine Fahrkünste nicht verbessern.

Erlebnistraining im Winterwunderland

Weitaus aufregender und mindestens genau so lehrreich wie die „Schleuderkurse“ auf den Freiflächen der verkehrsclubeigenen Sicherheitszentren – für jedermann buchbar, meist ab 99 Euro – sind Fahr- und Erlebnisreisen ins Winterwunderland; natürlich für eine etwas höhere Gebühr. Gehobener Komfort inklusive.

Tiefgefrorene Märchenlandschaften in Polarkreisnähe stehen hoch im Kurs. Nordschweden und Finnland sind klimatechnisch prädestiniert, alternativ tun es auch die Schweiz oder Österreich, wo beispielsweise BMW seit mittlerweile 25 Jahren das höchstgelegene Pkw-Testgelände der Welt betreibt. Für Sölden wie für alle anderen Destinationen gilt: Hauptsache verlässlich kalt und damit eis- und schneesicher.

Am nötigen Kleingeld scheint es den zahlenden Teilnehmern der Zwei bis fünf-Tage-Trips nicht zu mangeln, was bei manchen Marken auch nicht weiter verwundert. Bentley Hamburg zum Beispiel ruft für ein dreistündiges Fahrtraining samt Rahmenprogramm (Welcome-Drink, Dinner, Mittagessen) in St. Moritz 1.600 Euro auf. Plus 650 Schweizer Franken für die Übernachtung im Hotel Kempinski. Die individuelle An- und Abreise kommt obendrauf.

Perfektion erlernen auf der Ideallinie

Porsche ist laut Firmenwebsite „seit über 40 Jahren unterwegs auf der Ideallinie“. Gemeint sind Fahr(er)erlebnisse der besonderen Art: Sport Driving School, Porsche Travel Club und Porsche Driving Experience Winter stehen zur Wahl. Die Zauberlehrlinge können mit dem eigenen Auto antreten – oder aber mit hochprozentigen Testfahrzeugen.

Im lappischen Wintersportort Levi gönnen sich die Porsche-Mannen ein eigenes „Driving Center“. Wintersport im Sportwagen steht auf dem Programm. Die Kurse sind durchweg ausgebucht. Einzelfahrer zahlen für vier Tage im Porsche 911 glatt 4.890 Euro, Begleitpersonen dürfen für 1.850 Euro auf dem Beifahrersitz mitdriften. Oder alternativ Wellness im 4-Sterne-Hotel machen.

Wer ein bisschen mehr Zeit (und Geld) hat: Die einwöchige Porsche Adventure Tour Arktis kostet 6.990 Euro im Doppelzimmer (EZ: 7.150 Euro). Im Porsche Cayenne geht es von Levi aus zum Nordkap – Königskrabben fischen, Schwimmen im Überlebensanzug und Übernachten im Schneehotel inklusive.

Wenn nichts mehr geht, kommt der Trecker

Ganz so hart müssen Audi-Fahrer nicht sein. Bei den Erlebnistrainings der „Audi ice experience“ in Skandinavien geht es zum Beispiel im Audi S5 Sportback über zugefrorene Seen. Quattro auf Eis, gedriftet, nicht geschüttelt.

Bei Abflügen in den Tiefschnee abseits der präparierten Pisten steht wie auf allen Testterrains ein freundlicher Traktorfahrer bereit, der allzu forsche Eispiloten nach Abflug wieder auf den rechten Weg bugsiert.

Wir lernen: Nicht immer ist das Bremspedal die Lösung.

Wie ein zünftiger PS-Eistanz in der Realität aussieht, zeigt die Bildergalerie.

Text: Ralf Bielefeldt / fayvels büro