Traum-Cabrios

... und über uns der Himmel

Ein offenes Auto sagt mehr als 1000 offene Worte: Viele Regisseure, Fotografen und Schriftsteller haben das Cabrio als Stilmittel genutzt. So wurde es zum wichtigsten Nebendarsteller.

19. Mai 2010

Das (Fahr-)Geschäft mit den Träumen: Cabrios öffnen die Herzen und verleihen der Phantasie Flügel. In vielen Filmen ist ein Auto ohne Dach nicht nur Inbegriff von Wohlstand und irdischem Glück, sondern auch Transportmittel für Verbotenes, Mondänes, Verrufenes. Unvergessen der schwarze Mercedes 190 SL mit roten Ledersitzen, der Frankfurts Edel-Callgirl Rosemarie Nitribitt in den 50er-Jahren zum Markenzeichen machte.

Über ihren gewaltsamen Tod hinaus trägt er dieses leicht anrüchige Image, bis zu den drei Filmen über ihr mysteriöses Schicksal – obgleich das Auto selbst, mit einem 1,9 Liter großen Vierzylinder mit 105 PS eher schwächlich motorisiert, alles andere als wagemutig ist. Und damals fuhren auch die wahren Stars damit: Grace Kelly, Frank Sinatra, Cary Grant und andere steuerten einen 190 SL und ließen sich natürlich auch effektvoll darin ablichten.

Offen für Seitensprünge

Auch das erste erfolgreiche Product Placement in einem Kinofilm, ein (natürlich) offener Alfa Romeo Duetto, drückt mehr aus: Damit fährt Dustin Hoffman als Abiturient im Film "Die Reifeprüfung" zu seinen Dates mit Mrs Robinson, der wesentlich älteren Geliebten. Dass er am Ende seinen Spider stehen lässt, um mit Mrs Robinsons Tochter im Überlandbus zu fliehen, hat dem Traumwagen nicht geschadet: Das Alfa-Modell verkaufte sich anschließend blendend, in den USA heißt dieser Typ bis heute "Graduate Spider" (nach dem Filmtitel "The Graduate"). Im offenen Auto zum Rendezvous, das Motiv taucht in vielen Filmen auf. Wenn ein Traumpaar sich findet, wenn es gemeinsam großen Taten entgegengeht, dann ist das Cabrio nicht weit. So wurde es zum universellen Transportmittel für Träume aller Art – und viele Typen genießen seitdem Kultstatus.

Blechgebirge der Vorkriegszeit

So barock diese offenen Autos heute erscheinen, sie machen sich bescheiden aus gegen die Blechgebirge, die vor dem Krieg auf Räder gestellt wurden. Schönheit ist Geschmackssache, doch dass der Mercedes 540 K eines der schönsten Autos aller Zeiten ist, wird kaum jemand bestreiten. Der rassige Roadster, vorgestellt 1936 in Paris, quetschte aus einem Achtzylinder mit Hilfe des Kompressors für damalige Zeiten respektable 180 PS. Damit wurde er bis zu 170 km/h schnell, ein Unding zu seiner Zeit.

Und kein Vergleich gegen die Cabrio-Version des ersten Opel Kadett, die 1938 als Prototyp entstand: Der "Strolch", so von Opel-Konstrukteuren getauft, hatte 1,1 Liter Hubraum, 23 PS und ein Dreigang-Getriebe, das ihn bis zu 98 km/h schnell werden ließ. Wenn er in Serie gegangen wäre, hätte er zum Volks-Cabrio werden können – so wie 70 Jahre später seine Nachfolger, die Budget-Cabrios unter 25.000 Euro.

Traum: ein Käfer-Cabrio

Aber bieder-bürgerliche Träume erfüllte auch das Kino im Cabrio-Kostüm: In der Komödie "Natürlich die Autofahrer" spielt der Komiker Heinz Erhard einen Verkehrspolizisten, der die Massenmotorisierung der 50er-Jahre mit Argwohn beobachtet. Doch dann muss der Missmutige selbst den Führerschein erwerben, als er bei einer Tombola ein Auto gewinnt – nämlich ein VW Käfer-Cabriolet, das mit insgesamt 330.281 Exemplaren weniger als zwei Prozent der Gesamtfertigung ausmachte.

Insofern wird also auch Erhard "verführt" – zur "Sünde" des Autofahrens. Natürlich erobert das Auto des Wachtmeisters Herz im Sturm, und die ganze Familie fährt mit in dem knuffigen Viersitzer. Merke: Kult-Cabrios können unmöglich neue Modelle sein, denn die haben noch keine Geschichte. Erst wenn sie in die Jahre gekommen sind, bleibt etwas vom Flair ihrer Zeit an ihnen haften. Dann transportieren sie auch unsere romantischen Erinnerungen – oder Sehnsüchte.

Schön ist das Cabrio nur ohne Dach

Faltenlos kommt auch der zweite SL von Mercedes 1967 zur Welt: "Pagode" wird er heute genannt, weil das trapezförmige Hardtop des kleinen Roadsters von hinten sehr entfernt der Form einer Pagode ähnelt. Er löste 1963 den ersten Touren-Sportwagen (diese Klasse wurde nebenbei durch dessen Einführung erfunden) 190 SL ab. Nahezu genauso lang wie der 190er, wirkte er durch sein glattes, kantiges Äußeres viel nüchterner.

Drei Motoren waren lieferbar, allesamt Sechszylinder, die hochtourig gefahren werden wollen. Das Hardtop gab es als Zusatzausstattung, es kostete seinerzeit knapp 1500 Mark (umgerechnet 766 Euro). Für die Pagode gilt im Besonderen, was bei Cabrios allgemein die Regel ist: Erst geöffnet, das Verdeck unsichtbar versenkt, entfaltet er seinen unwiderstehlichen Charme.

 

 
 
 

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