Scheunenfund für Volvo-Freunde

Scheunenfund aus Schweden

Davon träumt wohl jeder Oldtimerfan: Angeboten wird ein alter Volvo, angeblich vor Jahrzehnten vergessen in einer Scheune, rostfrei. Aber es gibt einen Haken: Das Auto ist sehr weit weg.

18. März 2010

Das Inserat klingt vielversprechend. Angeboten wird ein PV444 Buckelvolvo von 1956, es soll sich um einen Scheunenfund handeln, ungeschweißt und erst 110.000 Kilometer gelaufen. „Was er braucht, ist nur Bremsrestaurierung und neue Lack um perfekt zu bekommen“, schreibt der schwedische Besitzer in seiner Anzeige in mobile.de in etwas holprigem Deutsch. Das einzige Foto ist nicht sehr aussagekräftig und dazu noch unscharf. So fangen entweder Katastrophen oder Glücksfälle an. Viele Oldtimerfreunde träumen von so einem Moment: Ein Auto zu finden, dass über Jahre, vielleicht Jahrzehnte von seinem Besitzer abgestellt und in Vergessenheit geraten ist. Ein Auto, dass irgendwo in aller Stille die Zeiten überdauerte – und aufgrund des langen "Winterschlafs" rostfrei und kaum verschlissen ist. Der alte Volvo könnte so ein Fundstück sein. Doch Vorsicht: Je romantischer eine Auto-Geschichte klingt, desto größer ist die Gefahr, dass man sich davon blenden lässt.

Das erste Telefonat mit dem Anbieter

Vorläufig allerdings scheint die Skepsis grundlos zu sein: Am Telefon macht der Verkäufer einen sympathischen Eindruck. Er heißt Per und wohnt in Linköping in Südschweden. Ja, es ist wirklich alles so wie beschreiben, erzählt Per auf englisch. „Der Motor läuft sehr gut, sogar der Auspuff ist noch intakt“. Das interessanteste an dem Buckelvolvo scheint aber die Innenausstattung zu sein. Das 1956er Modell hat ganz spezielle Stoffe, die von der schwedischen Künstlerin Sigvard Bernadotte entworfen wurden. „Die Sitze und Türverkleidungen waren immer abgedeckt und sind neuwertig“, erklärt Per. „So etwas findet man selbst in Schweden so gut wie nie“. Jetzt ist mein Interesse endgültig geweckt. „Eine Besichtigung ist kein Problem, das Auto steht in meiner Garage“, sagt Per.

Einmal Schweden und zurück in 48 Stunden

Ein Problem ist aber, dass ich aufgrund beruflicher Verpflichtungen nur genau zwei Tage Zeit habe. Bis zum Wochenende warten? Geht nicht, dann schnappt ein anderer wohlmöglich zu. Der Routenplaner weist für die Strecke Leipzig-Linköping auf dem Landweg über die Öresund-Brücke mehr als 1300 Kilometer aus. Selbst wenn man zu zweit fährt und sich abwechselt, sind insgesamt 2600 Kilometer mit einem Trailer hinter dem Auto und Spitzentempo 80 ziemlich unrealistisch in 48 Stunden. Aber es gibt ja Fähren. 370 Euro kostet die Überfahrt hin und zurück zu zweit mit Kabine und Auto samt Trailer von Travemünde nach Trelleborg. Wenn man überlegt, dass man so mehr als 800 Kilometer auf der Straße einspart und vor allem schlafen kann, die eindeutig bessere Variante.

Die Fährverbindung ist ein Segen

Die 450 Kilometer bis Travemünde verlaufen unspektakulär. Um 3:30 Uhr legt die Fähre ab, es ist Sonntag und dementsprechend ruhig auf der Autobahn. Um 2.00 nachts Uhr bin ich in Lübeck und sammle meinen – ziemlich verschlafenen – Freund ein, mit dem zusammen ich das Auto kaufen will. Wenn es denn hält, was die Anzeige verspricht... Das Einchecken im Hafen verläuft problemlos. Zwischen unzähligen Lkw winken uns die Seeleute bis ganz nach vorne durch, so können wir am nächsten Morgen als erste vom Schiff. Die Kabine ist ein Segen, denn ich bin inzwischen hundemüde. Pünktlich um 11:00 Uhr legen wir in Trelleborg an. Jetzt noch 450 Kilometer über die schwedische Autobahn, und schon steht der Besichtigung des alten Volvo nichts mehr im Wege.

Die Stunde der Wahrheit

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich 450 Kilometer durch die einsamen Wälder bei Tempo 80 ziehen können. Nach knapp sechs Stunden mit zwei kurzen Pausen haben wir endlich Linköping erreicht. Der Verkäufer wartet schon auf uns und führt uns in eine kleine Garage. Dort, in die hinterste Ecke gequetscht, steht der Buckelvolvo und macht auf den ersten Blick einen ziemlich traurigen Eindruck. Der graue Lack ist tatsächlich nicht mehr zu retten, aber das hatte uns Per ja schon erzählt. Mit einer ordentlichen Portion Starthilfe-Spray und einer frisch geladenen 6-Volt-Batterie springt der Motor aber an und läuft rund. Und auch sonst: alles wie beschrieben. Das 46 Jahre alte Auto hat keine einzige Durchrostung, der Chrom ist mit einer dicken Schicht Leinöl geschützt und die Innenausstattung tatsächlich makellos. So sieht ein perfekt konservierter Scheunenfund aus.

Volvo PV444: der schwedische Volkswagen

Der sogenannte Buckel-Volvo war in den 50er-Jahren in Schweden so beliebt wie bei uns der Käfer. Infolge seines niedrigen Preises und der robusten Bauweise war das Auto der typische schwedische „Volkswagen“. Auch in Deutschland gibt es seit langem eine Sammlerszene. Die meisten Autos sind aber spätere Buckelvolvos der zweiten Generation PV 544, die ab 1958 auf den Markt kommen. Im gleichen Jahr wurde übrigens erst Volvo Deutschland gegründet. Frühe Volvos findet man deshalb in Deutschland selten. Möchte man so ein Exemplar erwerben, führt fast kein Weg am Schwedenimport vorbei.

Der PV 444 aus der Scheune ist ein Modell von 1956, wurde also in Deutschland gar nicht verkauft. Er hat einen 1,4-Liter-Motor mit 51 PS und kurioserweise ein Dreigang-Schaltgetriebe. Sowohl Innenausstattung als auch der charakteristische Kühlergrill wurden ausschließlich bei diesem Modell verwendet, das nur wenig länger als ein Jahr gebaut wurde.

Per fehlt die Zeit, den Volvo selbst zu restaurieren

Der Anbieter selbst hat das Auto durch Zufall in Nordschweden entdeckt und direkt gekauft, erzählt er. Aber nun fehlt Per einfach die Zeit, da er noch einige andere alte Volvos und VWs besitze. „In Schweden schneit es im Winter zwar viel, aber es wird kaum Salz gestreut“, erklärt der Schwede den guten Blechzustand des PV444. Und ganz oben im Norden wird ganz auf das schädliche Streumittel verzichtet. Wie lange das Auto gestanden hat und warum es eingemottet wurde, weiß er leider nicht. Aber in der hinteren Seitenscheibe entdecken wir einen Aufkleber des „Bilprovningen“, des schwedischen Tüv. Die Plakette gibt Aufschluss über die letzte technische Untersuchung – das Datum lautet 1974.
Nach kurzer Verhandlung ist das Geschäft unter Dach und Fach – die Zeit drängt, denn die Fähre wartet nicht. Mit dem aufgeladenen Buckel und einer Menge Erleichterung geht es zurück Richtung Deutschland.

Der schwedische Zoll stoppt uns

Zwar muss man bei Autoimporten innerhalb der EU keine Steuern oder Zölle zahlen – doch dann winkt uns trotzdem der schwedische Zoll im Hafen aus der Schlange. Haben wir eine spezielle Oldtimer-Steuer vergessen? Eine junge Zöllnerin kommt auf uns zu und erkundigt sich freundlich nach dem alten Volvo. „Genau so einen hatte mein Opa auch“, klärt sie uns schließlich auf. „Ein tolles Auto, da habt ihr einen guten Fang gemacht!“ Ein nettes Gespräch unter Autofans, dann setzen wir unseren Weg fort.

Text: Lutz Algermissel