Maserati GranTurismo - BMW 635d, E63

Maserati GranTurismo - BMW 635d, E63

Ungleiche Welten

Ein 6er BMW und ein Maserati GranTurismo haben viel gemeinsam. Doch während der Italiener allein auf brachiale V8-Power setzt, ist der sehenswerte Bayer auch mit einem Power-Diesel zu bekommen.

9. Mai 2012

Einen schwereren Brocken hat der Maserati GranTurismo wohl noch nie vorgesetzt bekommen: der BMW 635d glänzt mit bekannt deutschen Tugenden und einem sparsamen Diesel. Viel Arbeit für den 4,90 Meter langen Maserati, der auf der Plattform der Luxuslimousine Quattroporte entwickelt wurde. Und als ob er mit zahlreichen Motorvarianten, dem grandiosen Fahrwerk und den zahlreichen Hightech-Komponenten nicht schon gefährlich genug gewesen wäre, bringen die Bayern jetzt sogar einen Diesel auf den Markt.

Der 4,82 Meter lange BMW 635d lässt Coupé-Fans träumen. 286 PS, 580 Nm Drehmoment und 250 km/h Spitze gepaart mit einem Verbrauch von weit unter zehn Litern - da wird die Coupéwahl schnell zur Glaubensfrage.

Italien - Deutschland

Wie aber schlägt sich nun der neue Maserati GranTourismo mit seinem lustvoll und sonor grollenden und extrem sportlichen 4,2 Liter V8 gegen den Dieselstürmer aus Bayern? Alternativer können Antriebskonzepte in dieser Klasse ja wohl kaum sein. Erst einmal: Der Maserati ist eine Schönheit. Punkt. Fast jeder dreht sich nach ihm um. Auf der Autobahn fahren Lieferwagen und Familienkombis im Stau Kringel um den Renner, nur um mit der Handy-Kamera verwackelte Fotos von ihm zu schießen.

Selbst in der mit Luxuskarossen nun wahrlich verwöhnten bayrischen Hauptstadt gibt es stillen Applaus, wenn der strahlend weiße GranTurismo die Leopoldstraße herunterrollt. Dieser Sound, diese Optik - ein Genuss. Doch die Norditaliener wollen diesmal mehr als nur zum x-ten Mal die Schönheitskonkurrenz gewinnen. Wer ein Luxuscoupé sucht, soll künftig genauso notwendigerweise auch bei Maserati vorbeischauen wie bei Mercedes, BMW oder Porsche. Man will zeigen, dass man mit der Konkurrenz mithalten - und vieles sogar besser machen - kann.

V8-Power gegen Spardiesel

Ob Diesel oder Benziner - das war bisher nur in Kompakt-, Mittel- und Luxusklasse eine ernst gemeinte Frage. Der Coupékunde musste bislang durchweg meist mit reinen Power-Triebwerken vorlieb nehmen. Auch hier macht der Maserati einen überzeugenden Job: 4,2 Liter Hubraum, 405 PS und etwas zurückhaltende 460 Nm zeigen, wie man unterwegs sein kann. Entweder lässig grollend oder bis über 7.000 Touren hoch ausdrehend mit gewaltigem Schub nach vorn. Ein Tatendrang, der dank nicht vorhandener Abriegelung bis hinter die 290-km/h-Marke führt. Die neue Sechsgang-Automatik von ZF ermöglicht einen Spurt 0 auf 100 km/h in 5,2 Sekunden. Das Tanken sollte man bei aller Begeisterung nicht vergessen: Maserati verspricht 14,3 Liter Super auf 100 Kilometern - mit rund 16 Litern sollte man in jedem Fall kalkulieren.

Da zeigt sich dann der große Unterschied zum BMW. Er bietet zwar exzellente Fahrleistungen, ist jedoch keine Rennmaschine, die wild gedreht werden will. Der doppelt aufgeladene Turbodiesel mit seinen 286 PS und 580 Nm fährt dem Maserati beim Spurt von 0 auf 100 km/h und beim Topspeed hinterher. Dafür aber gibt er sich im Tagesgeschäft mit rund neun Litern Diesel auf 100 Kilometern zufrieden. Dass der Maserati in Sachen Fahrspaß letztlich deutlich vor dem 635d liegt, wird kaum überraschen.

Der komfortablere BMW

Auch der Maserati hält sich überraschend deutlich zurück. Von außen hört man ein williges Grollen - innen geht es leiser zu als erwartet. Die einen werden es schmerzlich vermissen. Die anderen werden den neu gewonnenen Reisekomfort und die Entspannung für die Ohren dagegen zu schätzen wissen. In Sachen Fahrkomfort können alle zwei durch ihre exzellente Gewichtsverteilung von 49:51 (Maserati) und 50:50 (BMW) glänzen.

Bei Bedienung und Innenraumgestaltung zeigen beide viel Licht - und einiges an Schatten. Der BMW ist für so ein emotionales Fahrzeug wie ein Coupé viel zu nüchtern. Die Bedienung ist - abgesehen von dem versteckten Lichtschalter und dem wahnwitzig in Fußhöhe platzierten Schalter für die Kofferraum-Entriegelung - problemlos. Mit deutlich mehr Schaltern und mehr Styling versucht es der Maserati. Keine Uralt-Armaturen wie beim Vorgänger GranSport oder Schalter aus preiswerten Fiat-Modellen mehr. Doch auch er kann nicht nur glänzen. Besonders die Bedienung des nicht immer souveränen Navigationssystems bekommt man unter anderem selbst in Billigmodellen von Citroen oder Peugeot besser geboten. Zumindest der edle Zierrat der Ledermanufaktur Poltrona Frau lässt einen so manche Unzulänglichkeit doch schnell vergessen - und den BMW in diesem Punkte hinter sich.

Kopf und Herz

Dabei ist der BMW 635d nicht nur durch Details wie Nachtsichtgerät, Spurhalteassistent und Abstandstempomat unglaublich nah an der Perfektion. Bis jetzt konnte man beim 6er zumindest noch über den Verbrauch wettern - aber selbst den Zahn haben ihm die BMW-Ingenieure nun gezogen. Ändert nichts daran, dass sich der Maserati GranTourismo zu einer echten Alternative gemausert hat. Die Symbiose aus Eleganz, Fahrspaß, Motor und Getriebe lässt nicht nur die Herzen von Coupéfans hören schlagen.

Real wird sich wohl kaum einer zwischen einem Maserati GranTourismo und einem BMW 635d entscheiden müssen. Lustbringer und Lockmittel sind beide - jeder auf seine Art. Dem BMW fehlt die Emotionalität, mit der ein Maserati dienen kann. Die Norditaliener bieten ein exzellentes Paket, sollten die längst standesgemäßen Hightechkomponenten jedoch nicht länger aussperren und den GT ein paar Kilogramm abspecken.

Text: Press-Inform / Stefan Grundhoff