Test: Mercedes-Benz GLE 63 S AMG

Ein X6 mit Mercedes-Stern

Geklonter Elefantenbulle

Bisher baute nur BMW ein Auto mit eingebautem Fremdschäm-Faktor. Doch jetzt buhlt auch Mercedes um eine kleine, aber zahlungswillige Kundengruppe. Der GLE Coupé folgt wie der X6 einer einfachen Gleichung: Je ein Teil Coupé und SUV, gewürzt mit möglichst viel Power.

30. Juni 2015

Von jeher waren die Fronten klar: Deutsche Autohersteller sind für die Originale zuständig, die Kopien stammten stets aus Fernost. Daher ist es umso bemerkenswerter, wenn einmal eine heimische Marke ein erfolgreiches Konzept adaptiert.

Gemeint ist der BMW X6 (Original) – ein Auto, über das im Wesentlichen nur zwei Meinungen existieren: Zum Fremdschämen, finden viele, während andere so viel unkaschiert zu Markte getragene Muskelmasse jenseits der Fitnessstudios einfach hingebungsvoll anbeten.

Und weil eben diese Fangruppe zwar klein, aber ziemlich zahlungswillig ist, hat Mercedes den X6 jetzt geklont. Er heißt GLE (Kopie), trägt einen Stern auf der fiesen Visage und sieht dem bayerischen Vorbild auf amüsante Weise ähnlich.

 
 

Der V8 trinkt Super Plus

Topmodell des aus dem Nichts erstandenen Mercedes-Crossovers von SUV und Coupé ist der GLE 63 S AMG Coupé mit bis zu 585 PS und Doppelturbo. Das sagt schon fast alles. In Kurzform: Beim Tritt aufs Gaspedal haut es Dich um.

Wie ein wildgewordener Elefantenbulle spritzt der Klon davon, als gelte es, einen ganzen Dschungel platt zu machen. Wobei es sinnbildlich ja auch genau darum geht: Mit einem Minimum an Mühe ein Maximum an Energieverbrauch zu verwirklichen.

Wie viel fossiles Erbe der Achtzylinder bei Amokfahrt jenseits der 130 km/h tatsächlich vernichtet, ist nicht ganz klar – nach der Fassade und den gigantischen Felgen zu urteilen, dürften es weit über 20 Liter sein. Der V8 trinkt natürlich Super Plus, darunter läuft nichts.

Der GLE macht mächtig Eindruck

Wenn der Koloss los stürmt, wird jede noch so zerfurchte Stirn glattgebügelt. Und das OPC- und GTI-Gezwerge auf der Autobahn wieselt verschreckt auf die rechte Spur. So war es geplant: Das Daimler-Management ist mit dem Monster, dass sie schufen, mehr als zufrieden. Endlich etwas, das es mit dem BMW X6 aufnimmt.

Der ist auch in seiner mittlerweile zweiten Generation ein Bestseller. Konkurrenz? Bisher Fehlanzeige, weil auch Audi jenen Markt für eine solche Luxuskreuzung aus SUV und Coupé nicht sah und ebenso wie Mercedes die Finger still hielt. Nun, wo der Erfolg des X6 längst aktenkundig ist, musste schnell etwas ähnliches ins Regal.

Der Eindruck des 4,92 Meter langen Mercedes GLE 63 S AMG Coupé ist bereits optisch mächtig. Massige Karosserieformen, eine Angst einflößende Fratze und ein allemal sehenswertes Hinterteil sind neben den gigantischen 22-Zöllern nur das eine.

Physikalische Grenzen sind aufgehoben

Der 5,5 Liter große Doppel-Turbo-Vulkan bricht bei jedem beherzten Fußtritt aus, als hätten sich die Hölletore aufgetan. 430 kW / 585 PS und 760 Nm maximales Drehmoment in einem unendlich langen Drehzahlband von 1.750 bis 5.250 U/min lassen einen zumindest auf gerader Strecke an jeglichen physikalischen Grenzen zweifeln.

0 auf Tempo 100 in 4,2 Sekunden sind dabei weit spektakulärer als jene maximalen 250 km/h, deren Abregelung man kaum nachvollziehen kann. Wenn man so einen Koloss derart spurten lässt, dann sollte in der Liga eines drehmomentstarken Diesels auch nicht einfach so Schluss sein.

Nur gegen knapp 900 Euro Aufpreis gibt es Auslauf bis 280 km/h. Dann halten allenfalls noch Supersportwagen und chipgetunte Möchtegern-Renner mit.

Normverbrauch von 11,9 Liter

Der in Aussicht gestellte Normverbrauch von 11,9 Litern auf 100 km reizt eher zum Lachen. Wer will, soll es einmal versuchen, dem Ungetüm diese Diät aufzunötigen. Er dürfte scheitern. Der drehfreudige Doppel-Turbo-V8 macht es einem ganz gewiss unmöglich, irdische Verbrauchsgrenzen einzuhalten.

Ganz ähnlich sieht es mit den Tempolimits aus, deren Insignien am Straßenrand nahezu unbemerkt vorbeihuschen, bevor diese sich in den Fahrzeugdisplays der Verkehrszeichenerkennung wiederfinden. Man ist sozusagen seiner Zeit voraus.

Ein Head-Up-Display würde dem GLE Coupé gut stehen – doch es fehlt.

Fahrwerk lässt sich noch verbessern

So gigantisch der Vortrieb auch ist: Die Fahrwerksabstimmung kann gerade bei ambitionierter Gangart nicht immer überzeugen. Egal, in welchem Fahrmodus man unterwegs ist: Die Karosserieneigung des GLE 63 S AMG Coupé bleibt deutlich zu hoch. Daran ändert auch die serienmäßige Wankstabilisierung nichts.

Zudem wurde der Luftfederung gerade in den Modi Sport und Sport Plus eine ungesunde Härte verordnet, die das 2,3 Tonnen schwere, zudem noch hochbeinige Luxuscoupé unkomfortabel werden lässt, wenn die Fahrbahn nicht eben wie eine Induktionsherdplatte vor einem liegt.

Dann kommen nervöse Stöße ins Innere. Einen spürbaren Anteil am nervösen Vorderwagen hat der prachtvolle 22-Zoll-Radsatz, der mit seiner gigantischen 285er Breite vorn und 325er Pneus hinten allenfalls das Auge erfreuen kann.

Tank könnte etwas größer sein

Innen ist das Mercedes GLE 63 S AMG Coupé ganz seinem Klientel nach luxuriös und edel ausgestattet. Das Platzangebot ist auch in der zweiten Reihe sehr gut und selbst Personen bis an die 1,90 Meter können trotz stark abfallender Dachlinie bequem sitzen, wenn sie erst einmal in den Fond hineingeklettert sind.

Das Be- und Entladen ist dagegen nichts für das schwache Geschlecht. Zwar gibt es eine elektrische Heckklappe, die auf Knopfdruck weit nach oben aufschwingt, doch die ohnehin hohe Ladekante wurde durch ein zusätzliches Karosserieblech über der Stoßstange nochmals schmerzhaft erhöht. Selbst kleinere Koffer müssen so anstrengend über eine mächtige Klippe gewuchtet werden, die auch ein Gartenzaun sein könnte.

Dahinter gibt es üppig dimensionierte 650 bis 1.720 Liter Stauraum. Da hätte man durchaus noch ein paar Liter für den 93 Liter großen Kraftstofftank abzweigen können. Der neigt sich bei forschem Fahrstil – also nichts anderes als artgerechtem Auslauf – des monströsen Coupés schneller dem Ende, als es einem lieb sein kann.

Teuer und arm an Ausstattung

Wer will: es gibt das bullige GLE Schrägheck unter anderem auch als 258 PS starker Dreiliter-Selbstzünder und der macht nicht nur dank 6,9 Litern Dieseldurst (natürlich nur akademisch, weil Normverbrauch) allemal Laune. Und der Diesel tut sich auch mit seiner Fahrwerksabstimmung leichter als der leistungsstark bollernde Bruder.

Der Mercedes GLE 350d ist dabei mit einem Basispreis von 66.699 Euro die günstigste Ausführung. Das Mercedes GLE 63 S AMG Coupé kostet mit seinem 585 PS starken Kanonenschlag unter der Motorhaube und exquisiter Ausstattung gleich fast das Doppelte: 125.485 Euro.

Dass in dieser Liga nicht einmal Selbstverständlichkeiten wie ein Navigationssystem oder das Komplettpaket an Fahrerassistenzpaket enthalten sind, raubt einem noch mehr den Atem, als der Vollgasspurt aus dem Stand.

Mehr Infos über den Mercedes C63 S AMG in der Bildergalerie.

Stärken

 
  • Beeindruckende Fahrleistungen
  • Platzangebot
  • Vortrieb

Schwächen

 
  • Nervöses Fahrverhalten
  • mäßige Lenkung
  • hohe Ladekante
Text: Press-Inform / Stefan Grundhoff, mob