Test: VW Tiguan II

Das neue VW-SUV wiegt schwer

Die fetten Jahre kommen

VW hat den neuen Tiguan vorgefahren. Der Nachfolger des Bestseller-SUV ist ein rechtes Dickerchen: Fast 150 Kilogramm mehr wiegt der kompakte Allrad-VW, allerdings wurde er auch ein wenig länger. Was ist noch neu?

 
 
9. Februar 2016

Es ist lausig kalt am Polarkreis. Selbst tagsüber steigt das Thermometer derzeit selten über Minus 15 Grad. An diesem Vormittag zeigt das animierte Cockpit sogar Minus 23,5 Grad an.

Aber das neue Kompakt-SUV von VW hat selbstverständlich Sitzheizung und Klimatisierung. Da fühlt sich der nordskandinavische Winter beinahe gemütlich an. Obwohl die Heizung erheblich mehr leisten muss: Der Innenraum vom Tiguan II ist deutlich größer als beim Vorgänger.

Schicker ist er übrigens auch: Das animierte Cockpit und der Navigationsbildschirm in der Mitte der Armaturentafel wirken modern. Die erreichbaren Oberflächen fühlen sich hochwertig an, die Sitze ebenso, obschon der optionale Lederbezug an manchen Stellen beinahe wie Kunstleder anmutet. Na gut, das sind Petitessen.

Größer, breiter, länger

Was ist anders als beim Urvater? An erster Stelle die Größe: Wie gewohnt, will die nächste Generation von allem mehr; mehr Geld, mehr Sprit... – vor allem aber: mehr Platz. Das fängt an mit der Breite: 3,0 Zentimeter mehr Parkraum beansprucht der Tiguan II, macht sich also auf knapp 1,84 Meter buchstäblich breit. Die aktuelle E-Klasse ist nur 1,0 Zentimeter breiter, da wird es im Parkhaus langsam eng...

Auch länger ist er geworden, um sechs Zentimeter auf nun 4,48 Meter – da kann man kaum noch von einem Kompakt-SUV sprechen. Der Radstand hat natürlich auch zugelegt, um acht Zentimeter; das freut die Besatzung.

Und die Koffer machen sich künftig in einem 615 Liter großen Gepäckraum breit, der nach umgeklappter Rückbank auf bis zu 1.655 Liter wächst. Das sind fast zehn Prozent mehr, das ist ja im Prinzip gut.

Leergewicht: 1,7 Tonnen

Flacher ist er auch geworden, ebenfalls um 3,0 Zentimeter. Immerhin ging hier auch mal etwas weniger. Auf den verschneiten Pisten im Norden Schwedens soll der neue Tiguan zeigen, was er mehr kann. „Besonders fahrdynamisch hat er deutlich gewonnen“, stellt Dr. Jens Andersen, Leiter der technischen Entwicklung, in Aussicht. VW hat die 2. Generation nicht nur auf den modularen Querbaukasten umgestellt, sondern auch die neueste 4motion-Kupplung verbaut.

Heißt: Der 4,49 Meter lange Tiguan bringt seine Motorleistung deutlich schneller nach hinten und das zeigt sich bereits nach ein paar Kilometern auf dem weißen Untergrund deutlich. Über einen hübschen Drehschalter am Mitteltunnel lassen sich via 4motion Active Control die verschiedenen Fahrmodi durchschalten.

Auf dem festgefahrenen Untergrund ist das Schneeprogramm genau das richtige. Den Rädern wird etwas mehr Schlupf eingeräumt, und so lässt sich der neue VW Tiguan lockerer denn je über den Handlingparcours bewegen. Allerdings nicht zu überspielen sind die über 1,7 Tonnen Leergewicht. Genau: Das sind mindestens 150 Kilogramm mehr als beim Tiguan 1. Und das soll Fortschritt sein?

Vier Fahrprogramme im Angebot

Okay, es war früher nicht alles besser. Das Dickerchen ist in vielem souveräner als sein alter Herr: Wer Spaß haben will, schaltet das gewohnt gut arbeitende Doppelkupplungsgetriebe in den manuellen Modus, und die Fahrprogramme lassen nette Driftwinkel zu. „Eine feste Verteilung der Antriebskräfte gibt es bei uns nicht“, erläutert Andersen. Die Kraft werde variabel zwischen den Achsen und den einzelnen Rädern verteilt, ergänzt er.

Vier verschiedene Fahr-Modi sind wählbar, neben „Snow“, gibt es „Onroad“, „Offroad“ und eine Art Freestyle-Programm; hier kann der Allradantrieb selbst getrimmt werden. Und das funktioniert, dass es eine wahre Freude ist. Im Endeffekt war es kaum möglich, den Tiguan endgültig aus der Spur zu bringen.

Ein weiterer Fortschritt: Die Haldex-Kupplung der fünften Generation lässt überhaupt keinen Schlupf mehr zu. Der Fahrer merkt schon nach kurzer Zeit, dass der Tiguan nicht nur Dank 320 Nm maximalem Drehmoment (ab 1.500 U/min) dynamischer und bei Gefallen sogar sportlicher unterwegs ist und seine Motorleistung besser auf den Untergrund bringt, als man es kennt.

Allradversion viel durstiger

Anfahren am Berg oder mit dem vollen Pferdehänger unterwegs – die Vorteile der optimierten Zugkraft spüren nicht nur die Profis. Noch wichtiger dürfte im Alltagsbetrieb jedoch die präzise Lenkung sein oder der Fahrkomfort, der trotz 19-Zoll-Rädern mit 235er Reifen überzeugt.

Der Allradverkaufsanteil des bisherigen Tiguan liegt bei rund 50 Prozent. Beim Nachfolger sollen es mehr werden. So sind von den aktuell geplanten acht Motorisierungen sechs nur mit dem Allradantrieb 4motion zu bekommen. Die stärksten vier Modelle sind serienmäßig mit Geländegängigkeit unterwegs.

Bisher war ein gewichtiger Nachteil bei allradgetriebenen Fahrzeugen der höhere Verbrauch, der aus höherem Gewicht und mehr Reibungsverlusten resultierte.Und das bleibt auch so: Bereits die Normwerte (die regelmäßig um 10-15% jenseits der traurigen Realität liegen) bescheinigen dem neuen Allrad-Tiguan mit TDI fast einen ganzen Liter Diesel (auf 100 km) mehr Durst als dem Vorderrad-Getriebenen.

Verbrauch insgesamt etwas höher

Beim neuen Tiguan, dessen Vorgängergeneration sich seit 2007 mehr als 2,6 Millionen Mal verkaufte, haben sich die VW-Verantwortlichen für eine Scheibchenstrategie entschieden. Heißt: Die die einzelnen Motorvarianten werden sorgsam nacheinander ausgerollt. Den Start machen 2.0 TDI mit 110 kW / 150 PS sowie der 2.0 TSI mit 132 kW / 180 PS.

Wer sparsam unterwegs sein will, kommt um die Dieselvarianten nicht herum, die mit bis zu 240 PS verfügbar sein werden und – zumindest ohne Allradantrieb – unter fünf Liter auf 100 km verbrauchen. Das ist natürlich nur der Laborwert gemäß NEFZ. Aber bemerkenswert dabei: Gegenüber dem Vorgänger liegt der Wert um lediglich 0,2 Liter höher; trotz des üppigen Mehrgewichts. Dennoch: Ein Auto, das mehr verbraucht als sein Vorgänger, ist nicht zeitgemäß.

Wer mit überschaubaren Laufleistungen kalkuliert oder sich nicht für den Diesel erwärmen kann, bekommt mit dem 180 PS starken Allradbenziner ein stimmiges Paket mit soliden Laufleistungen bei einem Normverbrauch von 7,3 Litern Super (168 g CO2). 0 auf Tempo 100 erledigt der 1,7 Tonnen schwere VW Tiguan 2.0 TSI 4motion in 7,7 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit: 208 km/h.

Preise ab 30.025 Euro

Der VW Tiguan kostet mit 150-PS-Turbodiesel und Zweiradantrieb mindestens 30.025 Euro (mit Sechsgang-Handschaltung), wird also gut 500 Euro teurer als der vergleichbar motorisierte Vorgänger. Der zwei Liter große Benziner mit 180 PS und dazu Allradantrieb sowie siebenstufiges Doppelkupplungsgetriebe kostet mindestens 34.450 Euro, .

Den TSI in der Topausstattung Highline inklusiv LED-Scheinwerfern, Abstandstempomat, Klimaautomatik und Sitzheizung erwirbt man für mindestens 36.950 Euro. Hinzu kommen dann noch Extras wie zum Beispiel ein Navigationssystem (je nach Komfortstufe 555 bis 2.310 Euro), schicke 19-Zöller (485 Euro) oder die mindestens 395 Euro teure elektrisch öffnende und schließende Heckklappe.

Der neue Tiguan wird das Segment der Mittelklasse-SUV trotz der starken Konkurrenz aus Europa und Asien sicher weiterhin dominieren; das legt schon die überragende Verarbeitungsqualität nahe. Auch wird es neben dem 4,49 Meter langen Fünftürer bald noch eine verlängerte Version mit sieben Sitzplätzen für Asien und USA sowie ein sportliches Coupé geben.

Bleibt bloß die Frage: War so viel Wachstum, insbesondere beim Gewicht, wirklich notwendig?

Da ist er in seinem Element: Den neuen Tiguan bei Eis und Schnee zeigt die => Bildergalerie

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Der VW Tiguan ist der Golf im SUV-Segment: Von der ersten Baureihe verkaufte Volkswagen mehr als 2,6 Millionen Stück verkauft. Im April wird die nächste Generation auf den Markt kommen.

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Text: Press-Inform / Stefan Grundhoff