Rolls-Royce Wraith

Rolls-Royce Wraith

Luxus-Power

Der Rolls-Royce Wraith wirft 632 PS in die Luxus-Coupé-Waagschale. Wie fährt sich das spektakulärste Edel-Mobil aus Goodwood?

12. September 2013

Wer einen Rolls-Royce Wraith kauft, will selbst fahren. Diese Annahme dürfte auf die meisten Kunden des Luxus-Coupés zutreffen. "Der Wraith ist der Rolls für die Selbstfahrer" erklärt der deutsche Chef der britischen Edelmarke Torsten Müller-Ötvös.

Klar ist aber auch: Wer eines der Edel-Mobile aus Goodwood hat, lässt sich auch gerne mal chauffieren. Wie schaut es also mit dem Platz aus?

Der ist auch im Wraith vorhanden, obwohl er mit 5,27 Metern 18 Zentimeter kürzer ist als ein Ghost. Deswegen lässt es sich auch im jüngsten Rolls-Royce-Familienmitglied hinten gut reisen.

Verwandtschaft zu BMW lässt sich nicht leugnen

Die Verwandtschaft zu BMW lässt sich im Innenraum nicht leugnen. Zu ähnlich sind die Favoritentasten, der iDrive-Drehknopf, das Multimedia-Display und die Menüführung.

Der iDrive-Knopf verfügt über eine Touchpad-Oberfläche, mit der man Schriftzeichen und Zahlen in das Navi schreiben kann.

Die große Stärke des Rolls-Royce-Coupés ist der Luxus. Und da übertrifft der Wraith die Modelle des Münchener Stammmhauses. Das Leder ist feiner, die Materialien einen Schuss hochwertiger und die Anmutung edler. Sorgsam ausgesuchte Holzapplikationen wechseln sich mit Klavierlackteilen und Chromumfassungen ab.

Die Rundinstrumente inklusive traditioneller Power-Reserve-Anzeige sind analog, aber die TFT-Leiste mit den digitalen Angaben darunter macht was her.

Dass die Multimedia-Darstellung konsequent in Pastell-Mint-Farbtönen gehalten ist, ist der etwas krampfhaft bemühten Abgrenzung zu BMW geschuldet.

632 PS akustisch präsent

Allerdings macht der Rolls-Royce Wraith aus seinen 632-V12-PS auch akustisch keinen Hehl. Das ist sonst nicht die feine Art der englischen Luxus-Autos.

Der BMW-Zwölfzylinder entfacht zwar keinen akustischen Tsunami à la Pagani Huyara oder Lamborghini Aventador, aber sein sonores, wohlklingendes Verbrennungsgeräusch ist im Inneren des Luxus-Coupés durchaus präsent, wenn es zügig nach vorne geht.

Diese Akustik-Kulisse ist kein Fauxpas der Dämmungsspezialisten, sondern durchaus gewollt.

Entspanntes Gleiten

Natürlich beherrscht auch der knapp 2,4 Tonnen schwere Kreuzer das entspannte Gleiten. Auch wenn das Fahrwerk straffer ist als bei seinen Brüdern Ghost und Phantom. Dafür geht es etwas agiler um die Ecken.

Bei ambitioniert genommenen Kurven drängt das stattliche Gewicht der Edelkarosse nach außen, begleitet von einem leicht tänzelnden Heck, das aber von dem unablässig wachenden ESP zuverlässig und sofort wieder eingefangen wird. Den Schleuderverhinderer kann man ach ganz deaktivieren. Das sollten aber nur versierte Lenkrad-Artisten tun.

Zumal die Lenkung nicht sportlich direkt ist und wenig Rückmeldung gibt. Mit Hilfe der Navigations-Karten erkennt die Software vorausliegende Kurven und konditioniert die ZF-Achtgangautomatik dementsprechend. So wird immer der längste mögliche Gang gehalten, was nicht nur komfortabler ist, sondern auch Sprit spart.

Kraft ist genug vorhanden

Lässt man den 632 Pferden auf gerader Strecke freien Lauf, zeigt sich das Luxus-Coupé von seiner bissigen Seite: Nach nur 4,6 Sekunden ist die 100-km/h-Marke erreicht.

Bei 250 km/h ist elektronisch begrenzt Schluss. Da der Wraith 18 Zentimeter kürzer, aber die Spurweite hinten 2,4 Zentimeter breiter als beim Ghost ist, meistert er auch Hochgeschwindigkeitspassagen stabil und souverän. Ganz der PS-starke Edelgleiter eben.

Dass bei Rolls-Royce alles etwas anders ist, erkennt man, sobald man den aktuellen Durchschnittsverbrauch aufruft, dessen Wert sich in einem Unter-Menü verschanzt: 6,1 km/l steht da. Der gute alte Dreisatz verrät: Es sind 16,4 l/100 km. Also gut zwei Liter mehr als im Datenblatt angegeben.

Das Fahrwerk lässt sich allerdings nicht manuell scharfstellen. Der Wraith ist und bleibt ein Rolls-Royce, und da geht es in erster Linie um unangestrengten und unkomplizierten Luxus. Also überwachen Sensoren laufend das Fahrzeug und melden den Fahrzustand an die zentrale Recheneinheit, worauf diese alle 2,5 Millisekunden die variablen Dämpfer automatisch an die neuen Umstände anpasst.

Obwohl auch eine Wankstabilisierung an Bord ist, zeigt der Rolls doch deutliche Wank- und Nicktendenzen und kündigt so den Grenzbereich frühzeitig an. Ein vorausschauendes Fahrwerk, wie es die neue S-Klasse hat, stünde dem edlen Briten gut zu Gesicht. Vor allem bei einem Grundpreis von knapp 280.000 Euro.

Stärken 

  • Materialien
  • Verarbeitung
  • Motor

Schwächen 

  • Fahrwerk nicht manuell einstellbar
  • Lenkung gibt zu wenig Rückmeldung
Text: Press-Inform / Wolfgang Gomoll