Fahrbericht Renault Espace 5

Die neue Großraumlimousine

Ich war mal ein Van

Der Espace, 1984 als erste Großraumlimousine auf den Markt gekommen, fristete zuletzt eher ein Schattendasein im Renault-Portfolio: Vans sind aus der Mode gekommen. Renault rennt dem Trend also hinterher: Aus dem Espace wurde ein üppiges Crossover mit SUV-Appeal.

9. April 2015

Vans geraten regelrecht aus der Mode. Sie machen Platz für SUV, die ebenfalls viel Raum anbieten, aber eben die Funktionalität und Nüchternheit einer Großraumlimousine hinter dem Geschmack von Freiheit und Abenteuer kaschieren.

Renault versucht, den Klassiker Espace über die Zeit zu retten: Die 5. Generation ist zwar immer noch ein Van, aber sie ist von dem praktischen Kasten der ersten Jahre meilenweit entfernt. Von „Van“ ist dabei keine Rede mehr – auch die Erfinder der Großraumlimousine, die erstmals 1984 auf den Markt kam, haben die Botschaft verstanden.

Entsprechend müht sich Renault, den Espace marktkonform umzuwidmen – der neue Espace läuft unter dem Lifestyle-Label „Crossover“. Er „vereint SUV, Van und Limousine“ übt sich das Marketing von Renault bereits sprachlich in einem ziemlich schrägen Spagat.  

 

 
 

Der Espace ist nicht wiederzuerkennen

Den Tapetenwechsel hat Renault groß angelegt; der Espace ist tatsächlich nicht wiederzuerkennen: Die traditionell rechtwinklige Van-Architektur mit der schräg ansteigenden Front ist der bulligeren Optik eines großen SUV gewichen, mit deutlich abgesetzter Motorhaube, auf 160 mm erhöhter Bodenfreiheit und leicht coupéhaftem Dach.

Mit 4,86 Meter ist er zwar in der Länge deutlich gewachsen, bietet aber dank geringerer Höhe deutlich weniger umbauten Raum. Und anders als die früheren Baureihen gibt es den neuen Espace nunmehr ausschließlich in einer Karosserieform. Dies dürfte finanziellen Erwägungen folgen.

Sitze klappen per Knopfdruck um

Bei einem Radstand von 2.884 mm bietet der Innenraum immer noch reichlich Platz – für zwei Sitzreihen sowieso, aber auch auf den zwei zusätzlichen Sitzen in der dritten Reihe lässt es sich für Kinder halbwegs aushalten. Der Abstand von 308 mm zwischen der Rückseite der ersten und dem Beginn der zweiten Reihe bietet selbst großen Passagieren reichlich Kniefreiheit.

Im Fünfsitzer reicht der Laderaum für 680 Liter Gepäck, klappt man die Rücksitze um, stehen 2.101 Liter zur Verfügung. Im allerersten Espace von 1984 war das noch deutlich mehr: 850 bis 3000 Liter.

Das Umklappen der Sitze ist im neuen Espace denkbar einfach: Über ein Tastenfeld innen neben der Heckklappe lässt sich jeder Sitz einzeln per Knopfdruck umlegen, wahlweise geht das auch über das zentrale Display. Die Zuladung passt mit knapp 740 Kilogramm zum üppigen Raumangebot.

Kommandozentrale mit Touchscreen

Die Sitze selbst sind bequem und haben fast schon Lounge-Charakter. Was ihnen fehlt, das ist ein bisschen mehr Seitenhalt und etwas mehr Sitzauflage - eine ausziehbare Verlängerung gibt es immerhin gegen Aufpreis. Das Ambiente im Innenraum ist auf Wohlfühlen getrimmt und fast schon luxuriös. Die Materialien wirken ebenso hochwertig wie die Verarbeitung. Soweit, so gut.

Die bei den Automatikversionen teilweise frei schwebende Mittelkonsole ist ein Designstück für sich. Im Armaturenbrett endet sie in einer hochformatig ausgerichteten, iPad-großen Touchscreen, die als universale Befehlszentrale dient – das scheint von Teslas Model S inspiriert zu sein.

Kaum etwas, was von diesem Display nicht per Fingerwisch gesteuert werden kann: Vom Navi über die Soundanlage bis zur Neigung des Headup-Displays oder die Massagefunktion der Sitze und den Fahrmodus. Die zentrale Touchscreen-Kommandozentrale hat den Vorteil, dass nahezu alles vom Fahrersitz aus konfigurierbar ist. Und den Nachteil, dass es erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig ist, einiges an Lernaufwand erfordert und gelegentlich etwas umständlich ist und gar nicht intuitiv.

Getriebe-Schalthebel mit Doppelfunktion

Um so einfacher und eleganter funktioniert das Doppelkupplungsgetriebe (ganz ohne Touchscreen), beim Diesel mit sechs, beim Benziner mit sieben fein abgestimmten und kaum merkbar schaltenden Stufen. Den eleganten Hebel nach unten schieben: Vorwärts. Nach oben: Rückwärts. P-Taste drücken: Parken. So soll es sein.

Über ein kleines Auswahlfeld unterhalb des Schalthebels lassen sich noch einmal Fahrzeug-Grundeinstellungen per Knopfdruck anwählen: „Neutral“ für die Werkseinstellung, „Comfort“, „Sport“, „Eco“ und „Perso“. Einstellbar ist im übrigen nicht nur das reine Fahrverhalten: „Sport“ sorgt für ein schnelleres Ansprechverhalten des Gaspedals, straffere Federung, direktere Lenkung, höhere Drehzahlen beim Ausfahren der Gangstufen oder einen kernigeren (elektronisch generierten) Sound im Benziner, „Comfort“ dagegen für eine eher weiche Federung, eine weniger direkte Lenkung oder entspanntere Gangwechsel – ein bequemer Gleiter für lange Touren.

Definiert werden können über die Fahreinstellungen auch Faktoren wie die Farbe der Ambiente-Beleuchtung und der Armaturen (Rot bei „Sport“, grün bei „Eco“), die Leistung der Klimaautomatik oder die Massagefunktion der Sitze.

Niedriger Verbrauch trotz hohen Gewichts

Zwei Motoren mit drei Leistungsstufen bietet Renault für den Espace: Den 1,6-Liter-Diesel gibt es mit 96/130 PS und mit 118/160 PS, den Benziner mit 147 kW/200 PS. Serienmäßig mit Automatik sind allerdings nur die beiden stärkeren Espace unterwegs.

Die bessere Wahl? Der 160-PS-Diesel. Der bringt zwar 40 PS weniger an die Vorderräder – liefert subjektiv mit seinem maximalen Drehmoment von 380 Nm aber den ausgewogeneren Fahrspaß. Und das aus niedrigerer Drehzahl heraus als der Benziner mit 260 Nm. Der Unterschied bei den realen Fahrwerten (Diesel von 0 auf 100 km/h in 9,9 Sekunden und 202 km/h Spitze, Benziner 8,6 Sekunden und 211 km/h Höchstgeschwindigkeit) ist im Alltag sicher kaum erfahrbar.

Der DIN-Verbrauch ist jeweils moderat: Der Diesel braucht auf 100 Kilometer offiziell 4,7 Liter, der Benziner 6,2 Liter – immerhin wollen rund 1,7 Tonnen Auto bewegt werden. Beide Motoren arbeiten kultiviert und leise und halten sich so akustisch eher im Hintergrund – die Bose-Soundanlage mit zwölf im Innenraum verteilten Lautsprechern ist also keineswegs herausgeschmissenes Geld.

Viele Extras serienmäßig dabei

Ideal geeignet ist der neue Espace als Reise-Gleiter. Komfortabel, schnell, aufrüstbar mit Assistenzsystemen wie zum Beispiel einem adaptiven Tempomaten, der auf der Autobahn den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug automatisch einhält.

Hinzu kommt eine Verkehrszeichenerkennung, Park- oder Fernlichtassistent, dazu trotz der Größe einfach und agil zu fahren dank einer dynamischen Allradlenkung und dem adaptiven Fahrwerk – mit den bisherigen Pampers-Bombern hat der neue Espace nicht mehr viel zu tun.

Sein einziges Manko: Er ist kein SUV; stemmt sich also gegen den Trend. Ob das gutgeht?

Die Preise sind nicht gestiegen

Renault versucht das auszugleichen durch einen attraktiven Preis: Der Espace dCi 160 EDC mit dem 160 PS starken Diesel ist ab 40.150 Euro zu haben – der in etwa gleichstarke Van-Vorgänger stand zuletzt mit 41.340 Euro in der Liste.

Weitere Details zum Renault Espace 5. Generation in der Bildergalerie

Text: Press-Inform / Jürgen Wolff