Fahrbericht: Porsche Boxster Spyder

911ers wilder kleiner Bruder

Lärm De Luxe

Liebevoll inszenierter Lärm: Mit dem neuen Porsche Boxster Spyder lassen sich ganze Straßenzüge aus dem Schlaf reißen. Schnell fahren kann er natürlich auch, aber immer: laut. Das Klang-Duell mit dem Jaguar F-Type S kann beginnen.

 
 
28. Juli 2015

Der formschöne Jaguar F-Type S gilt mit seinem kernigen V6-Sound bislang als einer der lautesten Sportwagen auf Deutschlands Straßen. Kein Wunder, erzeugt das drei Liter große Aggregat doch satte 380 PS. Aber die Raubkatze wird zum Miezekätzchen, wenn der neue Platzhirsch im Reich der offenen Krawallmacher auf den Hof rollt: der neue Porsche Boxster Spyder.

Selbst ohne die viel diskutierte Klappenauspufftaste röhrt der Neuling ordentlich aus seinen beiden, mittig unter dem schicken Hintern platzierten Endrohren. Wird die Taste gedrückt, die sich neben der eigentlichen Balztaste befindet, mit der der Heckspoiler ein paar Zentimeter herausgefahren werden kann, ist Schluss mit Lustig - oder auch einem tiefen, entspannten Nachtschlaf.

Sprechen wir es laut aus: Selten zuvor wurde ein Fahrzeug auf die Straße gelassen, das unter 100.000 Euro kostet und dennoch so röhrt wie der neue Zuffenhäuser.

Schneller ist der Boxster allemal

Genauer gesagt werden für den 375 PS und 420 Newtonmetern starken Boxster Spyder mindestens 79.945 Euro fällig. Immerhin sind das 4.055 Euro weniger als für den Röhr-Rivalen F-Type.

Der hat zwar fünf PS mehr, lässt aber bei 275 Kilometer pro Stunde bereits die Flügel hängen. Der Porsche schafft 290 Sachen. Und auch beim Tempo 100-Sprint liegt der 4,41 Meter lange Spyder mit 4,5 Sekunden fast eine halbe Sekunde in Front.

Doch das sind nur nackte Zahlen, zu denen bei einem echten Sportwagen natürlich auch das Gewicht zählt. 1.390 Kilogramm müssen beim Porsche bewegt werden. Das ist ehrlich wenig.

Alle Unebenheiten werden geschluckt

Schon auf den ersten Metern wird deutlich, dass jedes einzelne Gramm perfekt im Fahrzeug untergebracht und zu einer phantastischen Balance verschmolzen wurde. Ob Kurven, Geraden oder auch die eine oder andere Unebenheit – der neue Porsche Boxster Spyder frisst sie alle mit lautem Getöse. Besonders jedoch in Kurven spielt der 3,8 Liter-Mittelmotor-Sportler seine Stärken aus.

Dank der elektromechanischen Servolenkung und hervorragend dosierbaren Bremsen lässt er sich vor jeder Kurve präzise positionieren und einlenken. Damit das sensible Heck beim zu starken Herausbeschleunigen keinen Extraschlenker macht, dafür sorgt die Porsche eigene Traktionskontrolle PSM. Was beim manuell geschalteten Boxster Spyder nahezu ein Muss ist, ist das Aktivieren nicht nur der zuschaltbaren Resonanzklappe, sondern des Sport-Plus-Modus.

Erst jetzt erfährt jedes Herunterschalten einen automatischen Zwischengas-Stoß, der nicht nur super klingt, sondern vor allem die Drehzahl in die korrekte Höhe treibt. Das Ergebnis ist schnell erklärt: Kein Ruckeln mehr beim Schaltvorgang.

Nur das Verdeck nervt-nervt-nervt

Nervig ist beim automobilen Hingucker eigentlich nur eines: das Verdecksystem. Hat Porsche in der jüngsten Vergangenheit noch mit dem genialen Öffnungs- und Schließmechanismus beim Targa für weltweite Begeisterung gesorgt, dürfte dieses uncoole Gefummel so manch potenziellen Kunden vom Kauf abhalten. Na gut, zumindest die Frage: „Bis zu welcher Geschwindigkeit kann man es öffnen oder schließen?“ hat sich damit – gewissermaßen voll automatisch – erledigt.

Aber einen Mechanismus zu präsentieren, der für die Schließ-Prozedur im mindestens drei Hände benötigt, ist leider am Ziel vorbei geschossen und in dieser Zielgruppe vielleicht auch nicht gerade gern gesehen. Und zu dem Preis schon gar nicht. Und in einem Land, in dem der Sommer nicht nur aus Sonnenstunden besteht...

Kurz zusammengerafft: Zu groß ist die Gefahr für den Spyder-Mann, sich beim Herannahen düsterer Wolken vor den noch zuvor vor Neid erblassten Verwandten und Freunden so richtig schön zu blamieren. Und während noch am System gewurschtelt wird, fährt die beste Freundin mit automatisch geöffnetem Verdeck (in einem halb so teuern Auto) schon längst vom Hof. So ein Mist.

Boxster Spyder ist Tankwarts Liebling

Ist das polarisierende Verdeck einmal verstaut, wird der Blick auf den recht übersichtlichen Innenraum freigelegt und schnell klar, warum die 100.000 Euro-Grenze, wenn überhaupt, nur sehr schwerlich zu knacken sein dürfte. Zwei Sportsitze, die vom ersten Moment an für perfekten Halt sorgen. Zahllose Schalter und Knöpfe, die aber alle irgendwie ihre Berechtigung zu haben scheinen – das war es.

Viel Platz für Extrawünsche ist hier nicht. Ist fast alles angekreuzt, was es anzukreuzen gibt, sind eigentliche keine Wünsche mehr offen und unterm Strich rund 93.000 Euro zu zahlen. An die Sonderausstattung wie Leder-Alcantara-Sitze und das Sport Chrono Paket lässt es sich sehr schnell gewöhnen. An das laute Gluckern unzähliger Liter Super Plus, die in regelmäßigen – und kurzen – Abständen im Tank verschwinden, leider auch.

Klar, der Boxster ist Tankwarts Liebling. Ein Sportwagen kann ja gar nicht sparsam sein. Die Frage ist nur, wie viele Liter in die Akustik-Entfaltung gehen, und wie viele wirklich als Vortrieb auf der Straße landen. Ein Normverbrauch von 9,9 Litern auf 100 Kilometern lässt jedenfalls nichts Gutes erwarten: 15 Liter dürften in der Realität leicht zu erreichen sein.

Mehr Impressionen vom neuen Porsche Boxster Spyder der Bildergalerie

Text: Press-Inform / Marcel Sommer