Hatz auf den Porsche 911

Fahrbericht Mercedes AMG GT S

Die Jagd ist eröffnet

Der Porsche-Jäger: Kein Serien-Mercedes fuhr je sportlicher, kein Mercedes seit dem legendären Ur-SL aus den 50er Jahren machte mehr Spaß als der neue AMG GT S. Gefahr für den bisher unantastbaren 911er und eine Backpfeife für BMW.

Man will nur eines: nie mehr aussteigen. Die vier Fahrprogramme durchgeschaltet und die vor Aufregung feuchten Hände mit dem griffigen Steuer verzahnt. Stark auf der Geraden, lustvoll in den Kurven – vorausgesetzt, es wird nicht zu winkelig für den Zweisitzer.

Wir lassen den Hund von der Leine, wir genießen die Raserei. Die Straßen von San Francisco machen wir unsicher mit einer spektakulären Sportskanone: mit dem Mercedes AMG GT S. 

Cooles Sportwagendesign, intelligente Fahrprogramme und bis zu 510 PS in einem schmucken Zweitürer, der auf der Rennstrecke genauso glänzt wie auf Küstenstraßen oder Autobahnen.
 

 
 

 

GT und GT S kommen im März 2015

Wir halten Ausschau: Porsche 911, wo bist Du? Zu gern würden wir dem Zuffenhausener Halbgott mal die Zähne zeigen; oder vielmehr: den Allerwertesten. Doch obwohl die 911er-Dichte in Südkalifornien hoch ist, lässt sich kein Boxer blicken. Haben wohl Angst.

Das können wir verstehen. Sitzen wir doch in der 510-PS-Ausführung. Der stärkere der beiden. Das Doppelpack aus Mercedes AMG GT und GT S, je nach Staffage mindestens 115.430 bzw. 134.351 Euro teuer, kommt im März 2015 auf den Markt. Alles andere als ein Schnäppchen, doch immerhin rund 70.000 Euro günstiger als der SLS-Vorgänger, der ebenfalls bei AMG in Affalterbach gebaut wurde.

Dabei wird es nicht bleiben. Wer den klangprächtigen Achtzylinder mit seiner doppelten Turboaufladung startet, wird aus klangfarbigen vier Litern Hubraum zwischen bassigen Grollgeräuschen vernehmen, dass Versionen wie Roadster, GT3 und Black Series nur eine Frage der Zeit sind.

Cruiser und Renner

Mercedes greift insbesondere mit dem 510 PS starken Mercedes AMG GT S, 4,55 Meter lang und vor mühsam zurückgehaltener Energie schier überquellend, nicht nur Porsche 911 und Audi R8 und schaut belustigt auf ein dreizylindriges Öko-Wägelchen wie den BMW i8.

Vielmehr fährt der bei 310 km/h abgeregelte Krawallmacher gegen die Besten der Besten von Ferrari, Corvette, Aston Martin oder McLaren. Das Furiose im AMG GT S ist mehr Super als Sportwagen. An die endlos lange Motorhaube muss man sich gerade auf der Rennstrecke oder im scharfen Galopp auf der kurvenreichen Landstraße erst gewöhnen, um über die präzise Lenkung perfekte Einlenkpunkte zu ertasten und die Vorderräder zentimetergenau zu platzieren.

Der Grund liegt nicht nur im Design, sondern insbesondere daran, dass der klassenhöhere SLS ein zentrales Element in GT und GT S transferiert hat: der sonore Achtzylinder liegt so weit als möglich hinter der Vorderachse, um das Fahrverhalten rennstreckentauglich zu machen.

Wilde Freude, wenn das Heck ausschlägt

"Wir haben hier eine Gewichtsverteilung von 47:53", erklärt Entwicklungsleiter Jochen Hermann. Das werde insbesondere durch die Aluminiumkarosse und Magnesiumelemente ermöglicht.

Ein paar Minuten später zeigt der Mercedes AMG GT S auf der selektiven Rennstrecke von Laguna Seca, was er kann. Das Fahrverhalten ist weitgehend neutral, das Heck schwänzelt beim Vollgas am Kurvenausgang leicht und es stellt sich am Steuer wieder diese wilde Freude ein.

Kein Zweifel: Die Jagdsaison ist eröffnet. Mit diesem Kaliber entgeht uns das schnellste Wild nicht mehr.

Für einen Supersportwagen ziemlich schwer

Vier Liter Hubraum. Doppelturbo. Jeder Motor von Hand gebaut. Dazu brüllt die grandiose Power des aufgeladenen Achtzylinders, wenn es mit 375 kW / 510 PS und 650 wild trommelnden Newtonmetern Drehmoment herauf zur legendären Korkenzieherkurve am höchsten Punkt der Strecke geht.

Bei der Bergabpassage danach ist jedoch das alles andere als geringe Fahrzeuggewicht zu spüren. Über 1,6 Tonnen sind kein Pappenstiel für einen Supersportwagen, der nur über die Hinterachse angetrieben wird.

Das siebenstufige Doppelkupplungsgetriebe ist zur besseren Gewichtsverteilung daher an der Hinterachse verbaut. Eine Trockensumpfschmierung sorgt auch bei entsprechenden Querkräften im Grenzbereich für eine geregelte Ölversorgung. Die hungrige Bremse beeindruckt nicht weniger als der Kraftmeier unter der Endlos-Haube.

Gangwechsel mit dem Nassrasierer

Eine halbe Stunde später wummert der Mercedes AMG GT S im leichten Trab Richtung Monterey, als könnte er kein Wässerchen trüben. Der müde fließende Verkehr gibt einem die Möglichkeit, sich den Innenraum genauer anzuschauen.

Bereits im Renntempo fielen die lieblosen und sich analog drehenden Runduhren ins Auge. Während die Rennsitze mit verstellbaren Seitenwangen perfekt passen, sind die dominanten vier Lüftungsausritte in der gigantischen Mittelkonsole zu viel des Guten. Zwei weniger hätten es auch getan und die Becherhalter unter der Abdeckung scheinen wichtiger zu sein, als eine perfekte Anordnung von Schaltern und Getriebewahlhebel.

Einige Schalter befinden im Dach zwischen den Sonnenblenden, das soll wohl an ein Jet-Cockpit erinnern. Es wirkt ein bisschen wie Effekthascherei. Noch mehr stören die mächtigen Tast- und Drehmodule am Mitteltunnel für Fahrmodi, ESP, Start-Stopp-Automatik oder Klappenauspuff. Diese lassen sich am besten mit dem Unterarm bedienen, während der Getriebehebel eher wie der Kopf eines Nassrasierers anmutet.

Die Kraft kann man auch hören

Alles nicht ideal, doch wenn stört das, wenn einen der doppelt aufgeladene Achtzylinder bei einem Tritt aufs Gas dieser Welt entschwinden lässt? 0 auf Tempo 100 in 3,8 Sekunden dürfte den Freundeskreis des Piloten mehr interessieren als der in Aussicht gestellte Normverbrauch von 9,4 Litern Super auf einer Strecke von 100 Kilometern, die dann weder durch die Innenstadt noch über eine Rennstrecke führen sollte.

Ändert jedoch wenig an dem grandiosen Gesamteindruck. Denn die sportlichen wie die visuellen Qualitäten des doppelsitzigen Sportcoupés namens Mercedes AMG GT S sind trotz des hohen Alltagsnutzens mehr als beeindruckend.

Für die meisten Kunden dürfte die 462 PS starke GT-Version mit 304 km/h Höchstgeschwindigkeit und 600 Nm Drehmoment für 20.000 Euro weniger keinen nennenswerten Unterschied machen. Sein Kofferraum fasst eben auch 350 Liter. Das reicht für mehr als zwei Helme und Rennanzüge.

Mehr zum Mercedes AMG GTS in der Bildergalerie.

SLS: Der Vorgänger des AMG GT S

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Text: Press-Inform / Stefan Grundhoff