Fahrbericht: BMW 220d Gran Tourer

BMW baut einen Van

Der Volks-Bayer

Mit dem 2er Gran Tourer versucht BMW, großen Familien ein neues Format schmackhaft zu machen. Bis zu sieben Sitze und ein gewaltiger Kofferraum sind nicht überraschend für eine Großraumlimousine. Doch wollen Familien unbedingt sportlich fahren?

23. April 2015

Als BMW den 2er Gran Tourer mit den Worten „Yes, BMW can!“ auf der Bühne vorgestellt, wird einiges klar. Der Münchener mit seinen fünf oder auf Wunsch sieben Sitzen ist ein Lückenfüller in noch unbekanntem Terrain. Er ist als Angebot an BMW-Fans zu verstehen, die irgendwann eine Familie gründen und dann 1er oder 3er hinter sich lassen (müssen).

Bisher mussten sie dann umsteigen, auf VW Touran oder Opel Meriva zum Beispiel, oder – o Graus! – auf eine Importmarke; und gingen BMW bis auf Weiteres verloren. Das musste der Hersteller natürlich verhindern. Also zimmerte man schnell eine Großraumlimousine, die sich äußerlich von gewissen Konkurrenzprodukten wenig unterscheidet. Aber BMW-üblich unterm Anzug ordentlich die Muskeln spannen kann.

Das Einsteigermodell 216i ist ab 26.950 Euro erhältlich. Wer jedoch seine sieben Sitze oder das maximale Ladevolumen von bis zu 1.905 Litern oft nutzt, ist mit dem selbstzündenden Topmodell 220d am besten aufgehoben. Die beste Ausstattungs-Variante Luxury Line kostet mit 43.750 Euro fast doppelt so viel.

 
 

 

Hinten gibt es Platz ohne Ende

Der 4,56 Meter lange und 1,80 Meter breite BMW jagt im ungewohnten Revier von VW Touran und Co. Großfamilien mit sportlich ambitionierten Eltern, oder schlicht BMW-Fans mit Kindern sind die Zielgruppe. Ob sportliches Fahren gut für das Wohlbefinden auf der Rückbank ist, wollen wir bezweifeln – aber Diversifikation steht nun mal im Management-Lehrbuch.

Dass die dynamisch beschleunigten Kinder ruhig im Säuglings- oder Kleinkindalter sein können, zeigt der Volks-Bayer sehr eindrucksvoll mit der Zulassung für drei Universal-Kindersitze in der zweiten Sitzreihe. Warum bekommt das der 21 Zentimeter kürzere Bruder Active Tourer nicht hin, trotz gleicher Breite? Ganz einfach: Die Sitzbank ist insgesamt um vier Zentimeter verbreitert worden, ohne dabei die Fahrzeugbreite anzutasten.

Das Resultat kann sich sehen lassen. Auch dann noch, wenn bei mit ausgewachsenen Mitfahrern vollbesetzter zweiter Sitzreihe die beiden Äußeren mit ihren Oberkörpern recht regen Fahrzeugkontakt pflegen.

1,7 Tonnen wiegt der Gran Tourer

Allerdings betrifft dies nur die Arme und nicht die Köpfe. Auf der leicht erhöhten zweiten Sitzreihe können auch großgewachsene Passagiere ohne Kopfschmerzen Platz finden. In der letzten, der dritten Reihe – die ist bei Kindern besonders beliebt – gilt dies übrigens auch.

Solange die zweite Reihe keinen Gebrauch von den 13 möglichen Zusatzzentimetern macht, um die die Rückbank im Verhältnis 60:40 verschoben werden kann. Es gilt natürlich auch bei den Bayern, dass ganz hinten nur die ganz Kleinen sitzen können.

Sollte dem Fahrer die Geräuschkulisse aus den hinteren (aber alles andere als billigen) Plätzen zu laut werden, hilft nur eines: Gas geben. Und das lässt sich mit dem mächtige 1,7 Tonnen schweren Gran Tourer überraschend gut.

Diesel in 7,6 Sekunden auf 100 km/h

Wenn Sie also etwas überholt, das von hinten wie eine Fusion zwischen VW Touran und Ssangyong Rexton aussieht – das ist wahrscheinlich ein Grand Tourer. Aus dem 2,0 Liter großen Reihenvierzylinder-Dieselmotor des 220d holt der Fahrer im Höchstfall 140 kW / 190 PS und ein maximales Drehmoment von 400 Newtonmetern. Die 8-Gang-Automatik arbeitet gewohnt fehlerfrei und macht einen Tempo 100-Sprint in 7,6 Sekunden möglich.

Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 218 Kilometer pro Stunde. Mit seinem Spritverbrauch von normierten 5,1 Litern lässt er sich erwartungsgemäß nur im Laborfahren. Die elektromechanische Zahnstangen-Servolenkung lässt sich vom komfortablen, nicht allzu direkten Einlenken durch einen einfachen Knopfdruck sportlich, direkt einstellen.

Gleichzeitig wird die Gasannahme spontaner und das Fahrwerk wird spürbar straffer. Vor allem bei Letzterem ist die Spreizung deutlich erfahrbar. Unebenheiten werden im Komfortmodus hervorragend weggebügelt, während der Sport-Modus einen sehr direkten Kontakt zum Untergrund gewährleistet.

3. Sitzreihe kostet saftigen Aufpreis

Ob sich der preisliche Mehrwert eines BMW 2er Gran Tourer gegenüber der etablierten Konkurrenz tatsächlich lohnt, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Was allerdings für ihn spricht, ist die Beibehaltung seiner sportlichen Familienzugehörigkeit. Typisch BMW eben. Wer den Sportmodus für sich entdeckt hat und ein paar Minuten mal nicht durch den Rückspiegel ins voluminöse Heck schaut, vergisst schnell, wieviel Liter Stauraum und wieviel Sitzplätze er mit sich herumschleppt.

Bei einem solch hohen Einstiegspreis sollten die saftigen 900 Euro für die dritte Sitzreihe jedoch auch noch drin sein. Zumal sie lediglich 33 Kilogramm mehr Gewicht ins Auto bringen. Sie tun es für Ihre Kinder, denn – wie schon gesagt – der Nachwuchs sitzt am liebsten im Heck; weit weg von kontrollierenden Eltern.

Dass bei Benutzung der 3. Sitzreihe der zuvor noch so gewaltige Kofferraum auf 145 Liter schrumpft, ist nicht ganz unbeachtlich, sofern noch ein Kinderwagen mitgeführt werden soll. Da nützen auch die 39,3 Liter Stauraum (die Zahl haben wir aus der BMW-Pressemappe) nichts, der aus zahllosen Ablagen, Fächern und nahezu geheimen Höhlen besteht. Die Aufgabe, jedes Fach zu finden, eingehend zu untersuchen und mit Plüschtieren vollzustopfen, dürfte zumindest für eine ruhige Fahrt ausreichen.

Weitere Informationen über den ersten BMW-Van in der Bildergalerie.

Text: Press-Inform / Marcel Sommer