Kraftprotz ohne Dach

Bentley Continental Speed GT Cabrio

Eine Handvoll PS mehr

Bentley hat den Continental Speed GT aufgerüstet: Das gigantische Triebwerk leistet nun 635 PS, und auch optisch wurde der Supersportwagen retuschiert

11. Juli 2014

Manchmal gibt Wohlstand eine gewisse Form der Gelassenheit. Zumindest wäre diese beim Erwerb eines Bentley Continental Speed GT Cabrio angebracht. Denn: Wer sich ein Auto für mindestens 232.764 Euro in die Garage stellt, sollte die rasend schnell wechselnden Zahlen auf der Zapfsäule mit einem Lächeln quittieren.

Sonst hat man mit dem Kraftfprotz aus Crewe garantiert keinen Spaß. Die Belohnung für die Gelassenheit ist beeindruckender Fahrspaß, der dem vielzitierten Begriff der "Mühelosigkeit" gerecht wird. Schon bei 2.000 U/min steht das maximale Drehmoment von 820 Nm zur Verfügung. Noch besser: Die Kraft lässt bis zu rund 5.000 U/min nicht nach.

Damit gleitet die Fahrmaschine wahrhaft entspannt dahin. Wer das Verdeck öffnet, hat dann die Wahl zwischen einem sanft die Haare kraulenden Lüftchen (Windschott und Scheiben oben) oder echtem Cabrio-Feeling. Dann muss aber alles eingeklappt beziehungsweise versenkt sein.

 

 
 

 

Rund 1 PS pro Millimeter Fahrzeuglänge

Von außen ist der Bentley Continental Speed GT des Modelljahres 2015 nur an Kleinigkeitenzu erkennen. Schweller, Spoilerlippe und Diffusor sind jetzt in Wagenfarbe lackiert. Auch unter dem Blechkleid bleibt im Prinzip alles beim alten. Die britische VW-Tochter hält bei seinem Continental- Flaggschiff eisern an der W12-Motorentechnik fest. "Wir haben rund ein PS pro Millimeter", verkündet Motorenentwickler Ian Malpas mit breiter Brust.

Der W12-Motor mit den verschränkten Zylindern ist 653 Millimeter lang und stemmt mittlerweile 635 PS auf die Kurbelwelle. Die Vitaminspritze für das Continental-Flaggschiff ist aber nicht rezeptpflichtig. Mit einem maximalen Drehmoment von 820 Newtonmetern bringt der W12-Motor jetzt zehn PS und 20 Nm mehr auf die Leistungswaage. Die Briten sind stolz auf dieses etwas eigentümliche Triebwerk, das der Rolls-Royce-V12-Herrlichkeit die Stirn bietet: 70.000 W12-Motoren haben das Werk in Crewe seit 2003 verlassen.

Seitdem haben die englischen Ingenieure an das VW-Aggregat noch einmal Hand angelegt, ihm zwei Turbolader verpasst und die Innereien, wie Kolben und Ventile noch einmal gründlich überarbeitet. Damit ist die Entwicklung noch nicht zu Ende. "Das ist der jüngste, aber nicht der letzte W12-Motor", sagt Produktmanager Paul Jones.

Bei all dem Luxus fällt Hartplastik sofort ins Auge

Akustisch hält sich der Top-Continental vornehm zurück. Selbst bei Vollgas malträtiert das Motorengeräusch nicht die Ohren der Insassen. Trotz aller sportlichen Technik beherrscht der Nobel-GT seine Grundkompetenz aus dem Effeff. Im Innenraum herrscht fast schon opulenter Luxus: feinstes Leder verbreitet im Zusammenspiel mit sorgsam ausgesuchten Wurzelholzapplikationen eine wohnliche Atmosphäre, die jeden Kilometer zum Vergnügen werden lässt.

Das Holz-Furnier stammt von kalifornischen Walnussbäumen und die Bentley-Experten achten darauf, dass die Maserung bei jeder Garnitur, die in ein Auto kommt, identisch ist. Ähnliches gilt auch für das exquisite Leder: Ingesamt acht Häute sind nötig, um ein Bentley Continental Speed GT Cabrio auszustaffieren. Beim Coupé ist es eine mehr. Das Leder wird von Hand bearbeitet.

Die Manufaktur-Künstler brauchen 25 Stunden, um die Kontrast-Nähte für den Innenraum des Bentley Continental GT fertigzustellen. Die Sitze sehen nicht nur gut aus, sondern sind auch sehr bequem. Optisch verwöhnen edle Chromringe und glänzende Schalter das Auge. Bei all dem sorgfältig präsentierten Luxus fällt das Volkswagen-Navigationssystem, das ein Hartplastikrahmen ziert negativ ins Auge.

Besser nicht auf die Tankuhr schauen

Positiv macht sich dagegen das Antriebsmoment bemerkbar. Wenn der Continental GT Speed mit Volldampf seine Bahnen zieht, fließen 4.000 Liter Luft durch seinen Kühler. Pro Sekunde, wohlgemerkt. Die Höchstgeschwindigkeit reisst mit 327 km/h (Coupé 331 km/h) auch förmlich ein Loch in die Luft.

Die Kraft, die der 635- PS-W12-Motor entfaltet, ist beeindruckend. Das Spiel mit dem Gaspedal mutiert zur Sprint-Orgie: Jede kleine Bewegung der Zehen wird in Vortrieb umgesetzt. Bei soviel Vergnügen sollte man lieber nicht auf die Tankuhr schauen. Denn die Nadel der Kraftstoffvorratsanzeige bewegt sich dann ziemlich schnell nach unten.

Nicht verwunderlich: Der Durst des 2,3 Tonnen schweren Luxus-Geschosses übersteigt im Alltagsfahrbetrieb bei weitem den angegebenen Durchschnittsverbrauch von 14,5 l/100 km.

Die riesigen Walzen werden kaum gefordert

Aber deutlicher Mehrverbrauch ist auch kein Problem. Der Continental Speed GT beherrscht nämlich genauso eine deutlich dynamischere Gangart. Da hilft es, dass das ansehnliche GT-Speed.Cabrio zehn Millimeter tiefer über den Asphalt flitzt, als ein herkömmlicher Continental.

Außerdem ist Karosserie bei der sportlichen Top-Variante steifer und das Fahrwerk einen Tick härter. Geht es um die Kurven, zieht der zackige Bentley souverän seine Bahn. Das liegt zum Großteil an dem Allradantrieb, der im Verhältnis 40:60 (Vorder- zu Hinterachse) für Traktion sorgt. Selbst in schnell genommenen Kurven werden die 275-Zoll-Walzen nur selten gefordert.

Wenn man es doch einmal übertreibt, hebt der Bentley Continental Speed GT artig die Hand und kündigt das langsam herannahende Ende der Haftungsgrenze mit einem gut beherrschbaren Schieben über beide Achsen an.

Weitere Details zum Bentley Continental Speed GT Cabrio in der Bildergalerie

Stärken

 
  • Kraft
  • feine Verarbeitung
  • knackiger Vortrieb

Schwächen

 
  • Zu wenig Assistenzsysteme
  • VW-Navigations-System
  • hohes Gewicht
Text: Press-Inform / Wolfgang Gomoll