Fahrbericht: Audi R8 V10 2. Generation

Die 2. Generation des Italio-Bayern

Der Lambo aus Ingolstadt

Obwohl weitgehend technisch identisch mit dem Lamborghini Gallardo, wurde der Audi R8 bisweilen als Weichspül-Ferrari verspottet. Auch in 2. Generation ist der R8 ein Italo-Bayer geblieben. Das schadet ihm aber überhaupt nicht.

20. Juli 2015

Wenn Sie einmal die Gelegenheit haben sollten, einen neuen R8 zu fahren, dann genießen Sie es! Ganz einfach, weil dieser Sportwagen einer aussterbenden Art angehört. Es ist ein Gruß aus glorreicher Vergangenheit, dem auch das moderne Kleid und die digitale Verbrämung seinen nostalgischen Hauch nicht nehmen können.

Machen wir uns nichts vor: Die Zeit der mächtigen Sauger (nicht Saurier), die bei jeder Bewegung des Gaspedals fast schon lustvoll aus vollen Rohren losjubeln und mit einem mächtigen Bariton die Lust am Verdichten, explosionsartigen Verbrennen und dem freien Atmen ohne Turbo-Unterstützung zelebrieren, neigt sich unweigerlich dem Ende zu.

Wir werden diese Musik vermissen: die eines ungebändigten Zehnzylinders. Danach kann man süchtig werden: Diese Arie aus genussvollem Schlürfen, zornigem Ausbrechen aus zehn Vulkanschloten und grollendem Ausatmen lässt dem Fahrer in kürzester Zeit auf den Unterarmen ein Gänsehaut-Mittelgebirge enstehen.

 

 
 

Ein Blick auf die Rücklichter

Die Inbrunst der Benzin-Oper nimmt zu, je schärfer man den R8 stellt. Vor allem im Dynamik-Fahrmodus lässt das Zehnzylinder-Orchester seinem Fortissimo freien Lauf. Da ist es übrigens egal, ob man im Basis-R8-V10 mit "nur" 397 kW / 540 PS sitzt oder in der (noch) stärkeren Variante mit 449 kW / 610 PS.

Klar erledigt der stärkere R8 auf dem Papier alles schneller und im Rennfahrer-Jargon damit besser, aber der normale R8 V10 zeigt ja ohnehin schon 99 Prozent der Blech-Kollegen die Rücklichter. In nur 3,5 Sekunden ist aus dem Stand die 100-km/h-Marke erreicht und die Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h kennt auch nur wenige Gegner.

Der Durchschnittsverbrauch liegt bei den ersten Testfahrten bei 13,1 Litern pro 100 Kilometer 1,7 Liter mehr als angegeben, aber immer noch erträglich – natürlich nicht für Golf-Fahrer, wohl aber im elitären Club der Supersportwagen. Ein Joker im Benzinspar-Poker ist das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Die schnellen und harmonischen Gangwechsel sind für den Verbrauch bedeutsam.

Wie auf Schienen aus der Kurve

Wenn man den Dynamik-Modus mit dem Performance-Knopf unten am Lenkrad würzt, halten sich die Assistenzsysteme weitgehend zurück und man kann mit dem Audi R8 richtig Spaß haben. Erst wenn das im Hintergrund jederzeit präsente ESP erkennt, dass es zu einem Abflug kommen kann, wirft die Elektronik den Rettungsanker. Doch der Spielraum für den Rennspaß des Piloten ist gigantisch.

Lässige Drifts und das Carven am Grenzbereich lassen nicht nur erfahrene Sportfahrer frohlocken. Da zeigen sich auch die Vorteile des neuen hecklastig ausgelegten Allradantriebs, der mit einer Lamellenkupplung das Drehmoment je nach Bedarf zwischen den beiden Achsen hin und her schieben kann. Von null bis hundert Prozent ist alles möglich. Dank einer Differenzialsperre hinten unterstützt durch mechanischen Bremseingriffen an einzelnen Rädern lenkt der R8 fast gierig ein.

Beim Herausbeschleunigen aus den Kurven geht das Drehmoment nach vorne und die Vorderachse zieht den 1.595 Kilogramm leichten Audi wie auf Schienen aus der Kurve heraus. Dabei bedienen sich die Audi-Ingenieure eines technischen Kniffs, indem sie die Räder der Vorderachse bei diesen Fahrsituationen etwas schneller drehen lassen.

Der Kofferraum ist nicht alltagstauglich

Durch diese gelungene Abstimmung sowie den gut abgestimmten Komponenten lässt sich der R8 fast mit spielerischer Leichtigkeit schnell bewegen und steht in der Agilität seinem bösen Zwilling Lamborghini Huracan tatsächlich in nichts nach. Doch was ebenso beeindruckend ist, wie die Athletik des Ingolstädter Sport-Flaggschiffs ist die Alltagstauglichkeit.

Damit ist nicht der Kofferraum gemeint, der gerade mal 112 Liter fasst, sondern der Federungskomfort. Durch die Carbon-Wanne ist die Karosserie sehr verwindungssteif (40 Prozent mehr als beim Vorgänger) und die Dämpfer schlucken selbst grobe Wellen, mit einer Entspanntheit, von der sich manche Limousine eine Scheibe abschneiden kann.

Einfedern, ausfedern – das war es auch schon. „Wir haben immer wieder von unseren Fahrern gehört, die an der Entwicklung des R8 maßgeblich beteiligt waren, dass straff nicht gleich sportlich ist. Da springt das Auto nur hin und her“, erklärt Quattro-Chef Heinz Hollerweger.

Langstreckentauglicher Innenraum

Dies wird vor allem die Audi-Händler in China und den USA freuen, wo Komfort groß geschrieben wird. Und den bietet der Innenraum: Ganz im Gegensatz zum Heringsdosen-Klischee, für das Sportwagen so berüchtigt sind, lässt es sich in dem Zweisitzer auch auf langen Strecken gut aushalten. Die Sitze sind bequem und bieten viel Seitenhalt, was bei der Kurven-Lust, die den Fahrer gewissermaßen serienmäßig packt, sobald er in den R8 nur hineingeklettert ist, eine große Rolle spielt.

Die Instrumententafel ist typisch Audi-modern. Soll heißen: Das aus dem TT bekannte frei programmierbare Display übernimmt auf dem 12,3-Zoll-Bildschirm alle visuellen Aufgaben. Das Bedienkonzept erreicht allerdings nicht die Eingängigkeit eines BMWs iDrive oder auch des Command-Systems von Mercedes.

Gut, die Anzeigen selbst sind gestochen scharf. Allerdings lassen sich die beiden virtuellen Rundinstrumente nicht groß anzeigen, wie das beim kleinen Bruder der Fall ist. Neben den Instrumenten im Mini-Format gibt es noch die Option, sich den Drehzahlmesser groß und zentral auf das Display zaubern zu lassen.

Laserscheinwerfer für 3.380 Euro

Die optischen Gimmicks jedoch sind geradezu witzig: Sobald man sich dem Begrenzer nähert, verfärbt sich das Kreis-Segment erst grün, dann gelb und schließlich rot. Das haben die Audi-Vertriebsstrategen gemacht, um eine Unterscheidung zu den anderen Modellen zu generieren. Allerdings sollte man es dem Geschmack des Fahrers überlassen, welches Instrumenten-Layout er bevorzugt.

Mit einem Basispreis 165.000 Euro ist der Audi R8 um rund 37.000 Euro – oder knapp zwei Golf – billiger als der um 20 PS stärkere Porsche Turbo S. Mit noch etwas mehr Geld kann man sich etwa einen Audi R8 V10 plus mit 610 PS (187.400 Euro) kaufen oder den R8 mit Sonderausstattungen versehen.

Davon erwähnenswert zum Beispiel das Laserlicht für 3.380 Euro, bei dem die Laserscheinwerfer das LED-Licht ergänzen und so den Bereich etwa 250 Meter vor dem Auto deutlich erhellen. Das wird den ersten Audi R8 Fahrern helfen, durch den Herbst zu kommen. Ab dann steht der Audi R8 nämlich beim Händler.

Mehr von der 2. Generation des Audi R8 sehen Sie in der Bildergalerie.

Text: Press-Inform / Wolfgang Gomoll
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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