Fahrbericht: Audi A4 (5. Baureihe)

Audis Mittelklasse wächst über sich hinaus

A4 = Oberklasse

Autsch! Der neue Audi A4 tut der Konkurrenz von BMW und Mercedes besonders weh. Effizienter denn je setzen die Ingolstädter auf sechs Zylinder – und bekennen ganz unverhohlen: Die Gegner des A4 sind E-Klasse und 5er!

14. September 2015

Nichts Neues ist auch eine Neuigkeit: Der neue A4 wirkt seinem Vorgänger wie aus dem Gesicht geschnitten. Einzig das Grinsen des Kühlegrills ist etwas breiter geworden, genau genommen um acht Zentimeter. Ein selbstgewisses Grinsen: Audi will sich mit dem Auto selbst übertreffen und attestiert ihm bereits vor dem Marktstart „Oberklasse“.

Oha, ein selbstbewusstes Statement – zugleich fragen wir uns, was aus dem A6 werden soll; verdrängt der in Kürze den A8? Doch bevor darauf eine Antwort in Aussicht steht, bleibt ausreichend Gelegenheit, den neuen A4, Plattform B8, auf den Wahrheitsgehalt seiner geistigen Väter zu untersuchen.

Da fällt – erst einmal – nicht ganz so viel auf. Erst wenn der Drei-Liter-Diesel zündet, fällt geübten Horchern etwas auf: Der klingt schon im Leerlauf so satt, so seltsam volltönig. Kein Wunder: Hier stampft ein Sechszylinder!

 
 

Wiedergeburt des Sechszylinder-Motors

Natürlich versucht Audi sich über den Antrieb zu positionieren: BMW bringt seinen erfolgreichen Dreier ganz überwiegend mit Vierzylinder-Triebwerken und hat mittlerweile sogar Dreizylinder ins Modellprogramm geholt, was in der Branche heiß diskutiert wird. Mercedes seinerseits schließt Dreizylindern vehement aus; bietet die erfolgreichen Volumendiesel in der C-Klasse jedoch auch nur mit vier Zylindern an.

Audi nun geht beim neuen A4, der offenbar äußerlich kaum noch zu verbessern schien, einen anderen Weg. Neben den 2.0-TDI-Varianten mit 122, 150 und 190 PS will man insbesondere Dienstwagenfahrer mit ebenso klang- wie imagestarken Sechszylindern zu den vier Ringen locken.

Neben dem 200 kW / 272 PS starken Dreiliter-Selbstzünder soll es insbesondere dessen kleinerer Bruder richten, der aus ebenfalls drei Litern Hubraum 160 kW / 218 PS und 400 Nm Drehmoment zwischen 1.250 und 3.750 U/min holt.

Downsizing scheint nur ein Trend zu sein

Audi dreht den Downsizing-Trend damit um und behauptet ganz frech, dass es die Autoentwickler in den vergangenen Jahren mit immer kleineren Triebwerken auch schon einmal übertrieben hätten. So wurde beim ab November erhältlichen neuen A4 aus einem 1,8 Liter großen Vierzylinder-Turbobenziner zum Beispiel ein besonders sparsames Zweilitermodell mit 190 PS und 4,8 Liter Normverbrauch.

In der Über-200-PS-Dieselliga bietet die Konkurrenz ausschließlich zwei Liter große Vierzylinder und verärgert jene Kunden, die Laufruhe und Durchzug eines Sechszylinders besonders zu schätzen wissen. Audi hat die offene Flanke in München und Stuttgart erkannt und setzt hier schmerzhaft den Hebel an. Oberhalb von A1 und A3 sollen alle künftigen Audis einen Einstiegssechszylinder bekommen.

Der lockt den Limousinen-Interessenten schon auf dem Papier mit einem Normverbrauch von 4,2 Litern Diesel auf 100 Kilometern. Zu einem Vier- oder Dreizylinder greift niemand mehr, der sich nach ein paar Kilometern den sonoren Klang und den kraftvollen Durchzug des 1,5 Tonnen schweren Fronttrieblers gewöhnt hat.

Suche nach dem nächsten Gang

Besonders mit dem abgespeckten Audi A4 tut sich das halbe Dutzend Zylinder spürbar leicht. Bergauf, bergab, auf Landstraße, in der City oder mit mächtig Dampf auf der linken Spur der Autobahn ist man mehr als standesgemäß unterwegs – und das ohne Reue. Das Doppelkupplungsgetriebe hat bei sportlicher Gangart im Automatikmodus jedoch schon einmal Probleme, den nächsten Gang zu finden. Da macht die ZF-Achtgang-Automatik der Allradversion einen besseren Eindruck.

Dabei ist der kleine Sechszylinder kein bulliger Kraftprotz, der aus allen Lebenslagen anschiebt, als gäbe es kein Morgen. Doch dafür gibt es den größeren Bruder mit 272 PS / 600 Nm und ab 2016 noch einen Diesel-PS-Protz mit rund 350 PS. Bereits die 218-PS-Version schafft Dank der bis zu 120 Kilogramm Mindergewicht im Vergleich zum A4-Vorgänger den Spurt 0 auf Tempo 100 in rund sechs Sekunden und läuft bei 250 km/h in das elektronischen Fangnetz. Das ist schon okay.

Im übrigen sollte man jedoch die Allradversion grundsätzlich ebenfalls in Erwägung ziehen. Angesichts von kraftvollem Drehmomentund entsprechendem Tatendrang kommt beim frontgetriebenen A4 die Vorderachse nicht nur in engen Kehren bisweilen an ihre Haftungsgrenze und ein Teil der Motorleistung muss weggeregelt werden.

Fahrwerk steht dem Motor in Nichts nach

Genauso fein wie der Sechszylinder schlägt sich das neu entwickelte Fahrwerk, das sowohl vorne als auch hinten über eine Fünflenkerachse verfügt. Erst ab den 190-PS-Varianten ist der Fahrprogrammschalter „Drive Select“ serienmäßig. Das variable Fahrwerk muss jedoch ebenso extra bezahlt werden, wie LED-Scheinwerfer, Navigationssystem, Head Up Display oder klimatisierte Sitze.

Wieso es zwei adaptive Fahrwerke und nicht eines mit entsprechender Spreizung gibt, wird wohl ein Ingolstädter Geheimnis bleiben. Die Kombination aus einem cW-Wert von 0,23 und dem ebenfalls aufpreispflichtigen Dämmglas macht den neuen Audi A4 zu einer wahren Flüsterlimousine, die aus einer höheren Klasse entsannt wurde.

Dazu tragen auch die hochwertigen Anzeigen, Verkleidungen und Bedienmodule bei, die den A4 hier erneut vorbei an den Hauptkonkurrenten Mercedes C-Klasse und 3er BMW schieben, wenn nicht gar in Richtung E-Klasse und 5er.

Display sieht aus wie nachgerüstet

Geschmacksache bleibt jedoch der zentrale Navigationsbildschirm, der ungelenk mittig am Armaturenbrett montiert wie eine Nachrüstlösung aussieht. Abgesehen vom Nachtsichtassistenten bietet der Audi A4 die Sicherheitssysteme, die bislang nur das hauseigene Topmodell A8 bot.

Teilautonom geht es zum Beispiel überaus entspannt über die Autobahn. Über 15 Sekunden hält der A4 Spur und Abstand zum Vordermann bis man weder die Hand ans Lenkrad legen muss.

Nervig allein die blinkende Verkehrszeichenanzeige, die einen oberlehrerhaft darauf hinweist, zu schnell unterwegs zu sein. Gut, dass die Sitze auch auf längeren Strecken Entspannung bieten und das Platzangebot insbesondere im Fond gewachsen ist. Der Laderaum fasst klassenübliche 480 Liter.

Der Basispreis für den serienmäßig mit Klimaautomatik, Xenonlicht, schlüssellosem Zugang und Soundsystem ausgestatteten Audi A4 1.4 TSI liegt bei 30.650 Euro. Kauftipp ist der mindestens 43.100 Euro teure Audi A4 3.0 TDI. Und vielleicht besser noch bis Anfang 2016 warten; dann gibt es den kleinen Sechszylinder auch mit dem sinnvollen Quattro-Antrieb – und das wird der Konkurrenz für noch mehr Kopfzerbrechen bescheren.

Weitere Informationen in der Bildergalerie.

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Stärken

 
  • Gute Fahrleistungen
  • sehr gutes Geräuschniveau
  • zahlreiche Assistenzsysteme
  • geringer Normverbrauch

Schwächen

 
  • Mäßige Serienausstattung
  • teure Extras
  • bisweilen nervöses Doppelkupplungsgetriebe
Text: Press-Inform / Stefan Grundhoff