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Kaufberatung: Gebrauchte Cabrios

Gebrauchte Cabrios: Ein Blick unters Dach muss sein

Frühlingszeit ist Cabriozeit - immer wieder erwischt man sich bei dem Gedanken, sich einen offenen Flitzer zuzulegen. Dabei gilt es ein paar Dinge zu beachten.

Das waren noch Zeiten: In der Frühzeit des Automobils gab es fast nur Cabrios. Wer sich gegen die Unbill des Wetters besser schützen wollte, musste für die geschlossene Karosserie Aufpreis zahlen. Das hat sich seit langem umgekehrt. Cabrios kauft man heute bewusst und ist bereit, für den Genuss des Offenfahrens ein paar Scheine mehr auf den Tisch des Händlers zu legen. Ein paar Scheine?

Tatsächlich kann der Preisunterschied bei bestimmten Gebrauchtwagen wie dem 3er von BMW oder den älteren Mercedes-Coupés der 124er-Baureihe immens sein. Sind geschlossene Exemplare der 3er-Baureihe E30 (Baujahre 1982 bis 1994) für ein paar Hunderter zu bekommen, kosten gepflegte Cabrios des gleichen Typs locker das Zehnfache.

Ansprüche haben sich gewandelt

Doch Cabrios haben nicht unbedingt eine höhere Qualität als die geschlossenen Versionen. Die Zahl der möglichen Schwachstellen ist sogar höher. Und noch etwas sollte man bedenken: Bei kaum einer Fahrzeuggattung ist die Zahl der Fehlkäufe so hoch wie bei Cabrios. Die Ansprüche der Fahrer(innen) haben sich über die Jahre stark gewandelt.

Wer in den 70ern beispielsweise einen Alfa Spider kaufte, der wusste, worauf er sich einlässt: Hinter der Spider-Windschutzscheibe herrscht schon ab Landstraßentempo ein heftiger Wind im Cockpit. Das empfinden manche Käufer als unkomfortabel, in neueren Cabrios sitzt man deshalb ruhiger: Vor allem bei vielen französischen Cabrios sorgt eine weit zum Fahrerkopf gezogene Frontscheibe für Ruhe im Cockpit. Wird dann noch das Windschott aufgeklappt, ähnelt der Frischlufteffekt eher dem eines Schiebedaches.

Welcher Typ sind Sie?

Klären Sie also spätestens bei der Probefahrt, welcher Typ Cabriofahrer Sie sind. Und schauen Sie bei einem betagten Cabrio sehr genau hin.

Die Besichtigung des Cabrios sollte beim Dach beginnen. Ob aus Stoff oder Kunststoff, Schäden sind leicht auszumachen. Das bezieht sich auf Risse wie starke Knickstellen im Verdeckmaterial, aber vor allem auf die Nähte. Diese leiden unter zu häufigen Besuchen in der Waschstraße sowie mangelnder Pflege. Genau kontrollieren sollte man auch den Übergang zwischen Heckscheibe und Dach. Die hier sitzende Dichtung ist entscheidend für die Dichtigkeit.

Eine Heckscheibe aus Kunststoff hat mehrere Nachteile. Ihr Austausch ist beispielsweise oft so teuer, dass man einen kompletten Dachwechsel in Auftrag geben könnte. Zudem sind gerade Kunststoff-Heckscheiben nicht immer beheizt und damit weniger wintertauglich. Und schließlich sind sie wesentlich empfindlicher als Heckscheiben aus Glas.

Dämmung, Gestänge und Dichtungen

Oft übersehen wird die Dämmung des Daches. Zwischen der Außen- und der Innenhaut des Daches sitzt oft eine Dämmung gegen Geräusche und Kälte. Dringt Feuchtigkeit ein, quillt diese Dämmung auf. Das kann man besonders deutlich von der Seite sehen: Durch die aufgequollene Dämmung hebt sich die Dachhaut an – hin und wieder so weit, dass man das Gestänge sehen kann.

Überhaupt, das Gestänge. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist nicht der Tausch der Dachhaut das teuerste, sondern das Gestänge. Es muss einwandfrei funktionieren, darf nicht schwergängig oder gar verzogen sein. Ebenso lohnt sich ein Blick in den Verdeckkasten. Sind hier Spuren von Feuchtigkeit zu finden, wird das Dach (sowie das Gestänge) in Mitleidenschaft gezogen. Hier die Dichtung mit dem Finger abfahren.

Das gilt im Prinzip auch für Klappdach-Cabrios wie den VW Eos oder den Peugeot 206 CC. Es entfällt natürlich die Kontrolle des Verdeckstoffes. Die Schwachstelle dieser Cabrios sind die Dichtungen. Damit die Klappdächer im Kofferraum möglichst wenig Platz wegnehmen, sind die eigentlichen Dächer oft in mehrere Segmente unterteilt. Diese müssen einzeln gegeneinander abgedichtet werden, was die Zahl der potentiellen Wassereinbrüche erhöht. Auch die oft sehr komplizierte Dachmechanik muss einwandfrei funktionieren.

Feuchtigkeit? Dann riecht‘s modrig

Bevor man die Funktion des Daches durch Öffnen prüft, lohnt noch der Nasentest. Lassen Sie dazu das Cabrio eine Zeit lang geschlossen. Empfängt einen der Innenraum dann mit einem modrigen Geruch, ist Wasser eingedrungen. Das beleidigt nicht nur den Geruchssinn, sondern führt auch durch Kondensation zu Rost.

Feuchtigkeit kann noch weitere Schäden anrichten. Beispielsweise verfügen aktuellere Cabrios meist über eine Lederausstattung. Die wird von Feuchtigkeit ebenso wie durch langes Parken in der prallen Sonne geschädigt. Heben Sie auf jeden Fall die Bodenteppiche an, um nach Stock- oder Wasserflecken zu fahnden.

Wenn das Rückgrat weich ist

In Tests neuer Cabrios liest man öfter den Begriff „Verwindungssteifigkeit“. Dieser Ausdruck gibt an, wie stabil das gesamte Rückgrat des Fahrzeugs im Vergleich zur geschlossenen Variante ist. Um das zu verstehen, muss man sich kurz die Konstruktionsweise moderner, selbsttragender Karosserien anschauen. Unter ihnen liegt kein stabiler Fahrzeugrahmen wie bei Oldtimern, sondern durch eine geschickte Konstruktion stützen sich die Blechflächen gegenseitig.

Bei Cabrios fehlt nicht nur das Dach: Auch Türen oder Hauben können keine tragende Funktion übernehmen. Schaut man sich ein Cabrio von der Seite an und denkt sich Türen und Dach weg, dann wird Folgendes deutlich: Auf Höhe der Vordersitze besteht das Blechgerüst nur aus dem Fahrzeugboden sowie den Seitenschwellern.

Der Bordstein-Test

Dieser Schwäche begegnen die Hersteller mit verstärkten Frontscheibenrahmen, die neben dem Überschlagschutz auch stabilisierende Funktionen übernehmen. Die Hauptlast der Stabilität liegt jedoch bei den Verstärkungen im Unterboden sowie den Schwellern. Diese Teile sind deshalb hoch belastet. Hier muss gründlich nach Rost- oder Schweißstellen gesucht werden.

Um eine gefährliche Verwindung festzustellen, kann man einen weiteren, einfachen Test durchführen. Dazu fährt man das auf Auto einen höheren Bordstein. Aber nur mit einem Rad, so dass das ganze Fahrzeug unter Spannung steht. Nun müssen sich alle Hauben und Türen sowie das Verdeck genauso gut öffnen und schließen lassen wie vorher.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Die meisten Cabrios werden eher für Ausflüge genutzt. Verzichtet man auf Fahrmaschinen wie eine AC Cobra oder einen Lamborghini Gallardo, ist die Mechanik der Cabrios deshalb meistens weniger belastet als bei den entsprechenden geschlossenen Varianten.

Text: SH