Kaufberatung: Offroad-Klassiker

Geländewagenfahren wie damals

Die ganz harten Kerle

Für das wilde, ursprüngliche Leben: Wer mit einem mehr als 30 Jahre alten Geländewagen unterwegs ist, muss hart im Nehmen sein. Komfort? Fehlanzeige! Dafür schlagen sich die alten Kisten wacker durch die Botanik. Doch Vorsicht: Auf dem Markt ist viel Schrott im Angebot

10. März 2015

Im Rückspiegel betrachtet, bewundere ich heute meine Genügsamkeit als 20jähriger: Bei minus 5 Grad ohne Heizung stundenlang über die Autobahn in einem zugigen Blechkasten, der als Dach nur eine ungefütterte Kunststoffplane besaß. Und als es zurück gehen sollte, sprang er nicht mehr an – Batterie tot.

Aber wenn der VW 181 auch fast keine Ausstattung besitzt, eines hat er modernen Autos voraus: die Handkurbel! Also stieg ich schlotternd aus, setzte im tiefen Schnee die Kurbel am Käfermotor an und kurbelte stoisch 20 Minuten lang, bis der 1600er stotternd lief. Warm war mir inzwischen auch geworden.

Doch schöner war es im Sommer, wenn ich im Kübel mit heruntergeklappter Frontscheibe, ausgehängten Türen und Fliegerbrille vor der Nase sehr verwegen zur Eisdiele kurvte. Die Ladies fanden den Kasten auch ganz cool, aber mehr als einmal wollte keine mitfahren.

 

 
 

 

Nur etwas für hartgesottene Kämpfer

Die Anekdote legt den Schluss nah: Echte Geländewagen sind immer auch echte Kämpfertypen. Kein Zufall: In aller Regel geht ihr Ursprung auf den Krieg zurück. Ihre Konstrukteure trieb stets die gleiche Frage um: Wie transportiere ich vier Personen und deren zentnerschwere Ausrüstung bzw. Bewaffnung möglichst in Luftlinie (und möglichst billig) von A nach B (und zwar schneller als der Feind)?

So ist es kein Wunder, dass die meisten Offroad-Youngtimer zumindest auf militärische Ahnen zurückgehen – wenn sie nicht selbst im 1. Leben bei der Truppe „gedient“ haben. Das ist also der Fuhrpark, auf den Freunde dieser urigen Mobile zurückgreifen müssen (und die meisten tun es gern).

Ausnahmen bestätigen hier die Regel: Der berühmte Land Rover wurde 1948 anfangs vorwiegend für zivile Einsatzzwecke konstruiert, obwohl sicher schon damals eine spätere militärische Verwendung absehbar war.

Von VEBEG-Offroadern die Finger lassen

Selbst die Expeditionsreisenden, Rettungsdienste sowie Kommunen, die sich später für diese Geländegänger begeistern konnten, kamen erst an zweiter Stelle. Viele der heute angebotenen Geländewagen sind deshalb Veteranen der jeweiligen Armeen oder Kommunen, die ihre alten Autos irgendwann ausmusterten. Das gilt beispielsweise für das Mercedes G-Modell, das bei der Bundeswehr die Bezeichnung „Wolf“ trägt.

Ständig werden pensionierte Wölfe bei der VEBEG zur Versteigerung angeboten. Das ist die Verwertungsstelle der Bundesrepublik Deutschland, die neben Schiffen, Flugzeugen und Feuerwehrautos eben auch ausgemusterte Fahrzeuge der Bundeswehr verhökert. Privatpersonen sollten davon jedoch besser die Finger lassen, denn die dort angebotenen Vehikel sind regelmäßig bis an die Verschrottungsgrenze abgenutzt.

Das trifft auch auf die aktuell angebotenen Wölfe zu. So lautet zum Beispiel die Zustandsbeschreibung für das Los 1509440.004, einen Mercedes 250 GD aus dem Baujahr 1990: „Vorderachse Gelenkgehäuse beschädigt, Abgasanlage reparaturbedürftig, Verteilergetriebe undicht, Korrosionsschäden mit teilweisen Durchrostungen, alters- und nutzungsbedingter Verschleiß.“

Unterboden zeigt Verschleiß deutlich

Die klare Botschaft: Nicht nur die Bundeswehr, sondern auch alle anderen Armeen dieser Welt unterhalten Geländewagen für den Kampf – und eben nicht, um damit vor dem nächsten Club zu posieren. Im Gelände steigt der Verschleiß nun mal dramatisch an.

Daher ist die wichtigste Prüfung bei der Inaugenscheinnahme eines alten Offroaders: Ein gründlicher Blick unter den Wagen (was bei Gebrauchtwagen ohnehin ratsam ist). Kratz- und Schleifspuren – gerne unter frischem Unterbodenschutz versteckt – sowie übermäßige Verschmutzung deuten auf ein hartes Autoleben hin.

Besonders belastet werden im Gelände das Fahrwerk sowie die Differentiale und Getriebe. Wer im Gelände die Todsünde begeht und ständig kuppelt, kann auch hier mit erhöhtem Verschleiß rechnen. Auch das spricht eher gegen Fahrzeuge aus Militärbeständen: Hier haben sich zuvor sehr viele, oft nur gering vorgebildete Personen ohne große Hemmungen an dem Auto „ausprobiert“, die Gefahr von Vorschäden durch schlechte Behandlung ist entsprechend groß.

Besser einen Wolf von zivilem Vorbesitzer

Der Oldtimerexperte vom ADAC, Carsten Graf, warnt ebenfalls vor solchen Fahrzeugen: „Die Entscheidung für oder gegen das Auto hängt natürlich vom Einzelfall ab. Aber: Sie können vor der Versteigerung keine Probefahrt unternehmen, die G-Modelle der Bundeswehr wurden hart rangenommen.“

Hinzu komme noch, dass Ersatzteilpreise – typisch Mercedes – exorbitant hoch sind. Für den Laien heißt das: Machen Sie einen großen Bogen um ein solches Schaf im Wolf-Pelz. Wer selbst bei der Truppe war, weiß aus eigener Anschauung, wie dort mit Technik umgegangen wird.

Und wer trotzdem einen olivgrünen Oldie haben möchte, sollte besser bei mobile.de suchen. Hier ist das Angebot wesentlich höher als beim Bund. Zudem sind viele Fahrzeuge darunter, die schon einen privaten Vorbesitzer hatten. Mit anderen Worten: Eventuelle Schäden aus Bundeswehrzeiten sind wahrscheinlich schon repariert. Für so einen Wagen im guten Zustand werden aber auch um die 15.000 Euro fällig.

Geländewagen können anstrengend sein

Um mit so einem urigen Gefährt unterwegs zu sein, nehmen Besitzer echter Geländewagen alter Prägung einige Entbehrungen auf sich, von denen die Fahrer moderner SUV nichts wissen. Stabile Leiterrahmen aus der Frühzeit der Autokonstruktion, grobstollige Reifen und maximale Bodenfreiheit mit einem hohen Schwerpunkt sorgen auf der Straße für zumindest gewöhnungsbedürftige Fahreigenschaften.

Man spürt einfach jede Betonfuge. Fahrkomfort wird nicht geboten, und wer sich im Innenraum eines alten Land Rovers umschaut, bekommt eine sehr klare Vorstellung davon, was „Zweckmäßigkeit“ bedeutet. Sitze sind folglich reine Sitzgelegenheiten, hinsichtlich der Bequemlichkeit mit Kirchenbänken vergleichbar. Keinerlei Zierrat, kaum Verkleidungen, nur blankes Metall.

Da auch Dämmmaterial sehr sporadisch verwendet wird und der Luftwiderstand aufgrund nahezu senkrechter Fahrzeugfront meist abenteuerlich hoch ist, sind Daueretappen auf der Autobahn ein sehr spezielles – und bei hohem Tempo teures – Vergnügen.

Prinzipiell einfache, aber robuste Technik

Für Marc Ziegler, Redakteur beim ältesten Fachmagazin für Geländewagen in Deutschland, „Off Road“, gibt es trotzdem zahlreiche Gründe, die für die Anschaffung eines Geländewagen-Oldies sprechen. „Geländewagen sind, ihrem Einsatzzweck entsprechend, sehr robust gebaut. Dadurch haben sie das Potenzial, deutlich länger zu halten als viele andere Fahrzeuggattungen.“

In den meisten Fällen basieren die Fahrzeuge auf Leiterrahmen mit aufgeschraubten Karosserien, erklärt Ziegler, der privat einen 89er Mitsubishi Pajero mit V6-Benziner fährt. Die ließen sich, so der Offroad-Experte, zum Beispiel für Restaurationen relativ einfach voneinander trennen und dann reparieren.

Ziegler weiter: „In jedem Fall sollte man aber prüfen, wie gut das Auto in der Vergangenheit konserviert wurde. Schließlich ist mit dem Einsatz im Gelände immer auch eine enorme Verschmutzung verbunden, und Salzwasser und Sand vom letzten Strandausflug setzen auch dem dicksten Stahl enorm zu.“

Das Auto hält oft mehr aus als der Fahrer

Elektronische Assistenzsysteme sind bei den Offroad-Oldies natürlich nicht an Bord. Damit gibt es keine Hilfen beim Erklimmen unwegsamer Steigungen oder ähnlichen Herausforderungen. Was für manche Fahrer ein Graus ist, macht für andere einen wesentlichen Teil des Reizes alter Geländewagen aus: Ob man durchkommt oder steckenbleibt, hängt zum größten Teil von den Fähigkeiten des Fahrers und nicht von elektronischen Fahrprogrammen ab.

Marc Ziegler: „Viele kaufen genau aus diesem Grund einen alten Geländewagen. Der ist nicht überfüllt mit moderner Technik, und was nicht da ist, kann auch nicht kaputtgehen. Sehr viele Fahrer setzen ihren Wagen deshalb tagtäglich im Alltag ein.“ 

Mehr über Offroad-Youngtimer in der Bildergalerie.

Offroad-Oldie-Suche bei mobile.de

Geländewagen-Klassiker

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund / Roland Wildberg