Daran erkennen Sie Unfallwagen

Daran erkennen Sie Unfallwagen

Crash-Kurs für Auto-Detektive

Vertrauen ist gut, Kontrolle erspart viel Ärger. Mit diesen simplen Kniffen können Käufer feststellen, ob der Gebrauchtwagen ihrer Wahl auch wirklich „unfallfrei“ ist.

Gebrauchtwagenkauf ähnelt einem Krimi: Jedes Auto ist ein Tatort. Es wimmelt daran und darin von Spuren der jahrelangen Nutzung. Auch überstandene Unfälle und instandgesetzte Schäden lassen sich kaum komplett übertünchen. Jede Reparatur hinterlässt ebenfalls erkennbare Spuren. Während im Krimi schlimmstenfalls der Täter entkommt, bleibt man beim Kauf eines überteuerten Schrottfahrzeugs persönlich auf dem Schaden sitzen.

Also, an die Arbeit: Spuren entdecken – und richtig deuten. Dazu brauchen Kaufinteressenten nicht zwingend eine starke Lupe wie Meisterdetektiv Sherlock Holmes – aber emotionsfreie Beobachtungsgabe, eine gewisse Kombinationsfähigkeit und vor allem eine sachliche Herangehensweise.

 

 
 

„Laien sind gefühlsmäßig oft zu dicht dran“

Genau daran mangelt es aber vielen Käufern. Taxieren und verhandeln ist nicht jedermanns Sache. Manchmal gewinnt auch die Laune Oberhand über den Verstand.

„Laien sind gefühlsmäßig oft zu dicht dran“, sagt Hans-Ulrich Sander, Sachverständiger vom TÜV Rheinland. Wer aber ein Fahrzeug unbedingt haben wolle, könne nicht mehr unvoreingenommen urteilen und laufe so Gefahr, selbst offensichtliche Mängel zu übersehen oder aus dem Haben-Wollen-Reflex heraus zu ignorieren. Sanders Tipp: „Nehmen Sie sich einen unbeteiligten Dritten mit, am besten natürlich einen, der etwas von Autos versteht.“

Im besten Fall wird der Wagen billiger

Thomas Schuster von der Sachverständigenorganisation KÜS sieht es ebenso: „Sogar ich selbst lasse mich immer von einen Kollegen begleiten, wenn ich ein Auto kaufen will – dafür kenne ich mich zu gut.“ Auch Sherlock Holmes hatte schließlich stets seinen Dr. Watson dabei, der geduldig jeden Fall mit ihm diskutierte. Im besten Fall entlarvt das Vier-Augen-Prinzip Schäden, die zu einer Preisermäßigung führen; im schlechtesten kommt ein Kauf nicht in Frage – das kann hart sein, erspart aber Ärger, Nerven und meistens bares Geld.

Wer keinen Watson zur Hand hat: Für 60 bis 80 Euro kann bei Sachverständigen-Organisationen wie TÜV, Dekra, KÜS und anderen ein Begleiter mit Spürsinn und Sachverstand gebucht werden, der zur Autobesichtigung mitfährt, mitguckt und ein – rechtlich unverbindliches – Kurzgutachten erstellt. Er ist wie der Kollege von der Spurensicherung, der auch stets sein Köfferchen mit der richtigen Kriminaltechnik dabei hat.

Lackschichten-Messgeräte funktionieren nur auf Stahl

Das enthält ein professionelles Lackschichten-Messgerät – damit lässt sich herausfinden, ob irgendwo an einer Stahlkarosserie der Lack ausgebessert wurde. Es kostet ab 400 Euro und ist für Gelegenheitsnutzer einfach zu teuer. Natürlich sind auch im freien Handel Messgeräte für ab 30 Euro erhältlich, doch die liefern nur sehr grobe Ergebnisse. Spachtelwüsten entlarvt ein simpler Magnet; hält der nicht an der Karosserie, mangelt es an Blech.

Schwieriger ist es mit Aluminiumkarosserien, die vor allem Audi produziert, oder Kunststoff-Teilen, die etwa in Corvette-Sportwagen verwendet werden. Hier hilft nur eine besonders aufmerksame Sichtprüfung. Sander: „Achten Sie auf Klebereste, Farbnebel und scharfe Kanten vom Abkleben. Kein Mensch kann so gleichmäßig lackieren wie ein Werks-Roboter.“

„Sie können ein Auto nicht in fünf Minuten kaufen“

Selbst ganz ohne Experten und deren Hilfsmittel lassen sich viele Spuren leicht selbst erkennen. „Wichtig ist bereits die Vorbereitung: Sie sollten das Modell schon vor der Besichtigung ein bisschen kennen“, sagt Sander vom TÜV Rheinland. Ebenso essenziell: Zeit. „Sie können ein Auto nicht in fünf Minuten kaufen – alles anschauen, Fußmatten hochnehmen, den Unterboden inspizieren, eine Autobahnfahrt, das geht nicht in großer Eile.“

Einen weiteren Hinweis liefert das Umfeld des Verkäufers: Ist es ein Händler mit weiteren Angeboten, sollten Sie auch auf diese Autos nebenan einen Blick werfen. „Wenn die gepflegt und gut repariert aussehen, erlaubt das einen Rückschluss auf die grundsätzliche Einstellung des Anbieters“, sagt KÜS-Ingenieur Schuster.

Billigere Fabrikate haben werksseitig ungenaue Spaltmaße

Das Auto Ihrer Wahl sollte sich der Privatermittler nur bei Tage und gutem Licht anschauen. Eine Taschenlampe und ein Maßband gehören zur Detektivausstattung, um in düstere Winkel hineinleuchten und Karosserieteile sowie Spaltmaße taxieren zu können. Schuster: „Die Spaltmaße sind ein Hinweis auf Ausbesserungen: Weichen sie an einer Stelle stark ab, liegt der Verdacht nahe, dass hier ein Unfallschaden repariert wurde.“ Allerdings: Billigere Fabrikate wie z. B. Dacia haben von vornherein ungenaue Spaltmaße.

Nach dem Rundgang um den Wagen empfiehlt der KÜS-Ingenieur den Blick unter die Motorhaube: „An den Federdomen der Vorderachse und der Frontmaske selbst lässt sich sehr gut erkennen, ob ein Frontschaden ausgebessert wurde.“ Dabei sollte man auch die Lackfarbe im Motorraum mit dem äußeren Lack vergleichen. Ist der der Lack im Motorraum stärker abgenutzt oder ausgeblichener als außen, wurde das Fahrzeug nachlackiert.

Betrüger machen sich keine große Mühe beim Reparieren

„Wichtig ist auch, das Auto gründlich von möglichst vielen Perspektiven und aus verschiedenen Richtungen zu mustern“, sagt Hans-Ulrich Sander vom TÜV Rheinland. Farbschattierungen und -nebel, Staubeinschlüsse und so genannte „Läufer“, die auf eine nachträgliche und oberflächliche Behandlung mit der Sprühdose hinweisen, entdeckt man mitunter erst, wenn man in die Hocke geht bzw. unterschiedliche Lichteinfallwinkel testet.

Die Grundregel ist einfach: Betrüger machen sich keine große Mühe, sie wollen schnelles Geld machen und setzen darauf, dass der Käufer von der Materie nichts versteht. „Je älter ein Fahrzeug ist und je billiger es angeboten wird, umso größer die Gefahr, dass daran unsachgemäß herumgemurkst wurde“, sagt Sander. Daher sei es auch unbedingt empfehlenswert, unter den Wagen zu schauen. „Diese Kandidaten sind aller Erfahrung nach nur oberflächlich aufgearbeitet – spätestens ein Blick von unten zeigt dann die Mängel“, sagt Thomas Schuster.

Im Zweifel muss ein Kfz-Sachverständiger ran

Beulen im Tank, in der Ölwanne oder dem Unterboden werden ebenso wie unsichtbare Rostschäden von Pfuschern meist ignoriert, sie fallen beim Blick von unten aber sofort auf. Prüfen Sie auch das Reifenprofil – ungleichmäßig abgefahrenes Profil deutet auf eine falsch eingestellte Spur hin, das könnte durch einen Unfall verursacht worden sein. Will oder mag der Verkäufer widersprüchliche Indizien nicht kommentieren – Finger weg. Oder ab zu den Profis. Hans-Ulrich Sander: „Früher oder später kommt keiner um den Sachverständigen herum.“ Der löst auch verzwickte Fälle.

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Text: rg/fayvels büro | Bildmaterial: GTÜ