Manipulation am Kilometerstand

Wie erkennt man gefälschte Tachos?

Die Dunkel-Ziffer

Bei Gebrauchtwagen lauert immer die Gefahr von Tacho-Fälschung – denn für Kriminelle ist der Betrug ein Kinderspiel. Seit kurzem kämpft nun eine Initiative darum, dass bessere Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Es gibt nur ein Problem

25. September 2014

Kriminalität kann so einfach sein: Den Kilometerstand eines Autos zurückstellen, das ist leider kinderleicht. Einfach im Internet die Schlüsselworte „Tacho justieren“ in die Suchmaschine eingeben, und flugs spuckt sie Hunderte von Adressen aus.

Die Experten machen auch Hausbesuche. Mit ein paar Fingertipps auf der Touchscreen zaubern sie einen fünf Jahre alten Gebrauchtwagen zum Jahreswagen zurück. Einen Golf zu „drehen“ kostet ab 80 Euro. Sogar brandneue Modelle, die erst 2013 auf den Markt kamen, können bereits umgemodelt werden.

Verblüffend, wie ungeniert diese Dienstleistung im Internet angeboten wird – obwohl es sich um eine eindeutige Straftat handelt. Doch die Täter haben offenbar keine Befürchtung, dass die Polizei zu Besuch kommen könnte.

 

 
 

 

Tachomanipulation kaum nachweisbar

„Die betrügerischen Verkäufer leider auch nicht“, sagt Arnulf Thiemel vom ADAC. Der Verband setzt sich seit längerem dafür ein, dass Autos gegen die Manipulation besser geschützt werden. Kein Fahrzeugmodell ist gegen Eingriff geschützt. Nach Ansicht des ADAC tut die Autoindustrie zu wenig.

Offenbar ist der Zugang über die OBD(On Board Diagnosis)-Schnittstelle ein Scheunentor für jeden, der nur ein passendes Gerät und etwas Kenntnis hat. Und auch die Manipulationsgeräte kosten nur ein paar hundert Euro. Die kleine Korrektur läuft in Sekunden ab und hinterlässt zumeist keine Spuren – es ist also nur selten möglich, den Tachobetrug in der Software selbst aufzudecken.

Auch die üblichen Ratschläge für Gebrauchtwagenkäufer helfen meist nicht, sagt Arnulf Thiemel: „Sorgfältige Kriminelle erneuern auch Pedalgummis und Sitzbezüge, frischen abgegriffene Lederlenkräder wieder auf und manipulieren selbstverständlich alle relevanten Steuergeräte.“ Ein Anbieter wirbt sichtlich stolz damit, gleich ganze „87 Steuergeräte“ zu überschreiben.

Hohe Laufleistung nicht erkennbar

2011 unternahm das bayerische Landeskriminalamt eine Razzia, die Furore machte: 120 Personen wurden festgenommen, unzählige manipulierte Fahrzeuge samt Unterlagen beschlagnahmt. Das konnte nur funktionieren, weil über zwölf Monate zahllose Telefonate in mehreren Fremdsprachen abgehört wurden.

Unter den vierrädrigen Beweismitteln war auch ein 5er BMW mit 130.000 Kilometer Laufleistung. „Es wurde ein Kaufbeleg gefunden, nach dem der Wagen in Italien mit 700.000 km auf dem Tacho angekauft wurde“, erzählt der ADAC-Experte.

Die Verjüngungskur an dem Fahrzeug war so geschickt, dass auch nach der Aufdeckung des Betrugs niemand dem BMW diese hohe Laufleistung angesehen habe.

Wo sich der Betrug besonders lohnt

Am meisten lohnt sich die Schummelei bei einem Sportwagen: Wird dessen Tacho von 150.000 auf 50.000 Kilometer zurück programmiert, kann der Wert des Fahrzeugs um mehr als 12.000 Euro steigen – hat das Kraftfahrzeugtechnische Institut (KTI) kürzlich ermittelt.

Bei einem Kleinwagen lohnt sich der Reset schon viel weniger: Hier führt eine vergleichbare Aktion lediglich zu unter 500 Euro Wertsteigerung.

Besonders attraktiv ist Kilometerschwindel bei Leasingrückläufern: Große Dienstwagen, die in kurzer Zeit gewaltige Strecken zurücklegen, sehen nach außen hin noch sehr neu aus; hier fällt die Verjüngung am wenigsten auf.

Jeder dritte Gebrauchtwagen betroffen

Tatsächlich ist bei Autos mit relativ hoher Laufleistung die Betrugsgefahr am höchsten: Über alle Klassen hinweg lohnt sich die Manipulation dort am meisten; im Schnitt sind knapp 5.000 Euro für ein paar Sekunden Hacking drin.

Dagegen bringt die Halbierung von 100.000 auf 50.000 Tachokilometer erheblich weniger. Auch die Bereinigung einer Laufleistung von 150.000 auf nur noch 100.000 km bringt lediglich rund 2.000 Euro.

Der Schaden pro Fahrzeug liegt durchschnittlich bei 3.000 Euro. Nach den Ermittlungen in Bayern schätzte das dortige LKA, dass jedes dritte Auto in Deutschland einen gefälschten Tachostand besäße.

Hersteller an Schutz nicht wirklich interessiert

Laut der Experten KTI ist die elektronische Mogelei nicht nachweisbar. Sorgfältige Prüfung der Fahrzeug-Historie stellt allerdings eine gewisse Chance dar, die Betrüger zu überführen: Korrekte Werkstattrechnungen, Eintragungen im Serviceheft, Ölwechsel- und Service-Aufkleber im Motorraum und HU-Bescheinigungen enthalten immer auch den Kilometerstand und ein Datum, so dass sich bereits mit Hilfe von 3-4 solcher Daten die Glaubwürdigkeit (oder Zweifelhaftigkeit) einer Fahrzeug-Biographie recht gut nachprüfen lässt. Auch der Kontakt zu den Vorbesitzern (stehen in der Zulassungsbescheinigung) sollte nicht gescheut werden.

Doch warum lässt sich der Tachostand überhaupt nachträglich verändern? Die Hersteller argumentieren, bei einem Schaden und Austausch des Geräts müsste der neue Tacho auf den alten Stand gebracht werden.

Der ADAC hält das für eine Schutzbehauptung. Vielmehr diene die Schnittstelle dazu, Neuwagen nach längeren Werksprobefahrten wieder auf „Null“ zurückzustellen. Auch verkauften viele Hersteller gebrauchte Tachos von entsorgten Fahrzeugen nach Aufbereitung und Null-Stellung als Ersatzteile erneut; dieses Geschäft wollten sie sich nicht entgehen lassen.

Summe summarum: Weder Hersteller noch Versicherer seien an wirksamem Schutz interessiert, da ihnen kein messbarer Schaden entsteht.

Initiative gegen Tachomanipulation e.V.

„Den Schaden haben wieder einmal diejenigen, die ohnehin über wenig Geld verfügen“, so Thiemel vom ADAC. Nämlich Gebrauchtwagenkäufer. Um der Schattenbranche das Handwerk zu legen, hat sich die „Initiative gegen Tachomanipulation“ e.V. gegründet. Einer ihrer Ansatzpunkte: der Gesetzgeber. Er soll die Dokumentation von Kilometerständen anordnen.

Denn bisher ist es in Deutschland nicht gesetzlich vorgeschrieben, die Laufleistung und andere Fahrzeugdaten zu speichern und zum Beispiel Käufern zugänglich zu machen. In den USA sammelt zum Beispiel der Dienstleister Carfax seit Jahren auf Wunsch des Fahrzeughalters die Daten seines Vehikels und macht sie gegen Gebühr potenziellen Käufern zugänglich.

Bestes Beispiel hierfür sei Belgien, „wo seit der gesetzlichen Verpflichtung zu einer regelmäßigen Tachostanderfassung der Anteil gefälschter Kilometerstandangaben um 90 % gesunken ist“, steht auf der Website der Initiative.

Angebote zu günstig, um wahr zu sein

Einer ihrer Gründer ist der Autofahrer-Club AvD. Er hat selbst vor ein paar Jahren eine Datenbank für Fahrzeugdaten angelegt, die auf freiwilliger Basis genutzt werden kann.

Der ADAC hält solche Datenbanken dagegen für problematisch: „Was, wenn bereits gefälschte Daten eingestellt werden?“, sagt Arnulf Thiemel.

Überdies sammeln viele Datenbanken Informationen erst mit der ersten HU, die in Deutschland nach drei Jahren ansteht. Zu diesem Zeitpunkt seien Leasingfahrzeuge aber zumeist schon vom Kunden zurückgegeben, die Fälscher waren dann oft schon am Werk.

Finger weg von verdächtigen Angeboten

Wer auf Dokumente nicht zurückgreifen kann, dem hilft nur kühle Rechnung: Durchschnittlich ist ein deutscher Pkw 12.000 Kilometer pro Jahr unterwegs; Stadtautos deutlich weniger, Oberklasse-Pkw mit Dieselmotor erheblich mehr. Hat ein Auto eine erheblich abweichende Laufleistung, sollten Sie argwöhnisch werden.

Liegt keine einleuchtende Erklärung vor, muss der Schluss gezogen werden: Das Angebot ist zu attraktiv, um wahr zu sein. Finger weg!

Weitere Informationen in der Bildergalerie.

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund