Interview: Tachomanipulation

Gebrauchtwagenkauf: So entdecken Sie die Tricks

„Tachobetrug geht schnell und einfach“

Im Interview mit Markus Sippl, Leiter ADAC Fahrzeugtechnik, spricht mobile.de mit dem Fachmann über Tachomanipulation.

 
 

mobile.de: Wer manipuliert Ihrer Ansicht nach Tachos? Machen dies nur organisierte „Banden“ oder auch „seriöse“ Kfz-Händler/- Betriebe und u. U. auch Privatpersonen?

Markus Sippl: Tacho-Betrug geht schnell und einfach, ist kaum aufzudecken. Das kann prinzipiell jeden in Versuchung führen, der mit dem Verkauf eines gebrauchten Autos zu tun hat – ob Halter oder Händler.

mobile.de: Welche Fahrzeugtypen werden um welche Kilometerstände manipuliert?

Markus Sippl: Bei teureren Fahrzeugen ist die Wertsteigerung größer. Doch auch bei "Brot-und-Butter"-Autos liegt der Mehrerlös in jedem Fall um ein Zigfaches höher als der fürs Manipulieren bezahlte Preis (je nach Auto 50 bis 500 Euro).

mobile.de: Wie leicht ist Tachomanipulation heute?

Markus Sippl: Bei den allermeisten Autos genügt es, das Manipulationsgerät an die OBD-Buchse anzuschließen und dann dem Menü auf dem Touchscreen zu folgen. In 30 Sekunden ist alles erledigt. Wenn der Kilometerstand auch in anderen Steuergeräten abgelegt ist, wird er dort – je nach Qualität des eingesetzten Systems und Softwarestandes – ebenso manipuliert.

Was könnten Hersteller dagegen tun?

Markus Sipplmobile.de: Gibt es analog zum Diebstahlschutz im Fall der Tachomanipulation Fahrzeughersteller, die Ihre Systeme besser bzw. weniger gut schützen? Welche sind das?

Markus Sippl: Manche Hersteller treiben einen höheren Aufwand als andere. Doch jedes Auto taucht über kurz oder lang in den offen zugänglichen Preislisten der Tacho-Trickser auf und ist dann manipulierbar. Die wollen damit ja ihren Reibach machen!

mobile.de: Erleichtert moderne Fahrzeugelektronik eine Manipulation eher oder erschwert sie sie?

Markus Sippl: OBD-Schnittstelle und CAN-Bus sorgen für eine Verbindung zu allen Steuergeräten und damit zu allen denkbaren Speicherorten für den Kilometerstand. Es gibt aber sehr wohl Technologien, um unerlaubte Zugriffe zu verhindern. Sie müssen nur eingebaut werden.

mobile.de: Welche Forderungen stellen Sie an Fahrzeughersteller bezüglich der Sicherheit von Fahrzeugsystemen um Tachomanipulation zu verhindern?

Markus Sippl: Es muss aktuelle Technologie eingesetzt werden, die sich in anderen Branchen (z. B. Pay-TV, Kreditkarten) längst bewährt hat, um den Verbraucher vor großem Schaden zu bewahren. Denn neben dem überhöhten Gebrauchtwagenpreis kann es ihn ein zweites Mal treffen – wenn etwa wegen dem gefälschten Kilometerstand ein Zahnriemenwechsel nicht rechtzeitig gemacht wird und es zu einem tausende Euro teuren Motorschaden kommt.

Manipulation ist schwer aufzudecken

mobile.de: Ist Ihnen bekannt, welche Kosten Fahrzeugherstellern pro Fahrzeug entstehen würden, um Ihre Produkte signifikant manipulationssicherer zu machen?

Markus Sippl: Das kostet laut Experten – selbst auf Seiten der Fahrzeughersteller – etwa ein bis zwei Euro pro Auto. Bei drei Millionen Neuzulassungen pro Jahr bedeutet das einen Mehraufwand von etwa sechs Millionen Euro – das ist nur etwa ein Tausendstel des Schadens, der damit vermieden werden könnte. Ein besseres Verhältnis von Aufwand zu Nutzen ist schwer vorstellbar. Doch bisher sehen die Fahrzeughersteller wenig Veranlassung, denn der Schaden trifft ja nicht sie, sondern "nur" die Gebrauchtwagenkäufer.

mobile.de: Gibt es Methoden/Werkzeuge, die eine Tachomanipulation aufdecken können?

Markus Sippl: Derzeit hat der Verbraucher keine Möglichkeit, einen Tacho-Betrug zuverlässig zu entlarven. In einzelnen Fällen kann eine Unplausibilität des Kilometerstandes bei einer Abfrage der Historie in der Fachwerkstatt aufgedeckt werden. Wenn ein Auto jedoch kurz vor dem Kundendienst manipuliert wird, dann steht die falsche Laufleistung sogar in der Historie des Herstellers.

Text: SHell