Ersatzteile aus dem 3D-Drucker

3D-Druck: Ersatzteile selbst nachfertigen

Autofabrik im Wohnzimmer

Druck-Zuck: Schon heute könnten viele Auto-Ersatzteile bequem per 3D-Drucker produziert werden. Für seltene Klassiker, deren Teileversorgung eingestellt wurde, wäre das ideal. Doch leider gibt es ein rechtliches Problem

25. Februar 2016

Bestellst Du noch? Oder druckst Du schon? Es hört sich toll an: Mit Hilfe von 3D-Druckern kann bald jeder ganz einfach Auto-Ersatzteile ausdrucken, der teure Gang zum Händler und das lange Warten auf die Lieferung entfällt dann.

Neue Technologien revolutionieren angeblich – wieder einmal – die ganze Welt. Diesmal sind unter anderem Gebrauchtwagen- und insbesondere Youngtimerbesitzer dran. Wer ein altes Auto sein Eigen nennt, kennt die nervigen Probleme, wenn mal wieder ein seltenes Ersatzteil benötigt wird: Entweder folgt eine ewig dauernde Suche, oder aber die Teile sind sehr teuer. Oder beides.

Vor allem Kleinteile aus dem Innenraum wie zum Beispiel der Halter des Innenspiegels aus Kunststoff können einem so das Geld aus dem Sparschwein ziehen. Wenn sie überhaupt lieferbar sind.

3D-Drucken ist an sich sehr einfach

Doch Abhilfe ist nah: Wenn das Teil nicht vorrätig ist, kann man es einfach dreidimensional ausdrucken. Das geht im Prinzip kinderleicht: Benötigt wird nur ein dreidimensionales Modell des gewünschten Teils.

Das findet man entweder im Netz, oder aber eine Vorlage wird eingescannt. Ist die Vorlage kaputt (wozu sollte man sonst eine neue benötigen?), stört das auch nicht: Es gibt bereits Software, die beschädigte Objekte digital „repariert“.

Diesen Scan sendet man an einen spezialisierten Dienstleister, der es ausdruckt, zuschickt – und fertig. Die Qualität der Drucker für den Heimgebrauch reicht hierfür allerdings bisher noch nicht aus.

Ganze Autos werden schon 3D-gedruckt

Was da alles möglich ist im 3D-Druck, hat unlängst Audi demonstriert. Im Maßstab 1:2 haben die Ingolstädter ein Exemplar ihres Auto Union Typ C-Rennwagens aus 1936 reproduziert.

Das fahrfähige Exemplar (siehe => Bildergalerie) ist trotz des betagten Vorbildes hochmodern: Alle Metallteile des geschrumpften Rennwagens wurden ausgedruckt. Längst arbeiten alle Autohersteller weltweit an der Möglichkeit, diverse Teile bis hin zu ganzen Autos einfach auszudrucken.

Das US-Startup => Local Motors hat bereits 2014 begonnen, ein Auto in Kleinserie zu bauen. Der klobige Kunststoff-Klotz ist zwar noch keine Konkurrenz für die etablierten Hersteller, aber er fährt.

Für Laien noch zu aufwendig

Ist das wirklich so einfach? Nicht ganz. Worauf man achten muss, zeigt ein Besuch im Hamburger Hauptquartier von Wulf Gaertner Autoparts. Diese Firma ist ein familiengeführtes Unternehmen, welches weltweit rund 1.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Unter der Marke Meyle ist sie Hersteller von Autoersatzteilen, die ganz klassisch zumeist aus Metall oder Kunststoff hergestellt werden. Fahrwerk- und Lenkungsteile, Bremsscheiben, solche Dinge eben. Ersatz- und Verschleißteile, die die meisten Autofahrer nur bemerken, wenn die Werkstatt zum Tausch mahnt.

Andererseits beschäftigt sich Meyle bereits seit 2001 intensiv mit dem Thema 3D-Druck. Ein passender Begriff war für die Wiederauferstehung längst vergriffener Ersatzteile auch gefunden: „digitale Restaurierung“ nennt Meyle das.

Zufall brachte MEYLE zum 3D-Druck

Am Anfang der Geschichte stand für die Entwicklungsingenieure ein simples Problem: Wie viele Autobesitzer bereits erfahren mussten, sind nicht alle Ersatzteile gleichermaßen haltbar.

Ob das die ausgeschlagenen Gummibuchsen von BMW-Vorderachsen sind, die rostigen Endtöpfe der Opel-Auspuffanlagen oder die gelängten Steuerketten mancher VW-Modelle: Obwohl keinesfalls => gefährliche Fälschungen, gibt es Verbesserungsbedarf auch bei Originalteilen, die von Autoherstellern selbst vertrieben werden.

Unter der Marke Meyle-HD bietet das Unternehmen Ersatzteile an, bei denen bekannte Schwächen ausgemerzt wurden. Besser als original, gewissermaßen. Darauf gibt Meyle vier Jahre Garantie. Um die ursprünglichen Ersatzteile nachweislich zu verbessern, müssen meist viele Prototypen gebaut und so lange erprobt werden, bis die Teile das Prädikat Meyle-HD verdienen.

Nur für den internen Gebrauch

Für den internen Gebrauch im Unternehmen entstand folglich ein hoher Bedarf bei Meyle. Wie nun diese Prototypen schnell und in großen Zahlen produzieren? Die Lösung lag auf der Hand: 3D-Druck ein. Denn das ist einer der Vorteile von 3D-Druckern: Die Umsetzung geht zügig, einfach und weitgehend automatisiert.

Der eigene 3D-Druck war anfangs als Notlösung gedacht, wie Andreas Pfeffer, Leiter Business Development bei Meyle erklärt: „Es gab einfach keinen, der uns die Prototypen schnell in der passenden Qualität liefern konnte“.

Neben den Prototypen für die Besser-als-Original-Teile könnte man meinen, das Unternehmen habe mit der Nachfertigung von nicht mehr lieferbaren Autoersatzteilen ein neues, lukratives Geschäftsfeld entdeckt – doch dem ist nicht so.

Fans demonstrieren das Potenzial

Das hat mehrere Gründe: „Meyle liefert eigentlich nicht an Privatpersonen, sondern versucht all das zu produzieren, was die Ersatzteil-Großhändler an die Werkstätten liefern, wo das Auto des Kunden zur Reparatur ist“, so Pfeffer. Dass man beispielsweise eine Lenksäulenverkleidung im 3D-Verfahren für den historischen Datsun 240Z eines Kunden fertigte, sei „reine Liebhaberei von hier arbeitenden Autofans“. Ein umsatzträchtiges Geschäft ist dies nicht, dazu sind die Auflagen für eine Firma wie Meyle einfach zu klein.

Ein weiteres Problem des 3D-Drucks ist jedoch grundsätzlicher Natur. Anhand des bereits erwähnten Spiegelhalters für einen Ford 12M (1950er-Jahre) erschließt sich das rasch: Als erstes muss ein Muster her, das zu scannen ist, dann wird die Kopie ausgedruckt, und sie muss auch noch nachgearbeitet werden (z.B. durch Entgraten).

Das macht für den Spiegelhalter dann rund 350 Euro „Entwicklungskosten“ sowie jeweils 32 Euro bis zu einer Auflage von zehn Stück. Ein riesiger Aufwand für ein Teil, das man früher wahrscheinlich als Pfennigartikel bezeichnet hätte.

Wer einfach loslegt, wird zum Piraten

Das Verfahren dazu nennt sich „Reverse Engineering“ und bedeutet nichts anderes als „umgekehrtes Konstruieren“. Das Endprodukt liegt vor einem, jetzt muss man herausfinden, wie man davon eine Kopie anfertigt. Und genau jetzt ist das böse Wort gefallen: Kopie.

Autoteile unterliegen bestimmten Schutzrechten. Seit langem kämpfen Heerscharen von Anwälten darum, wem das Urheberrecht auch an so profanen Teilen wie dem Spiegelhalter gehört.

Klar ist: Wer einfach drauflosdruckt und sich so mit der Rechtsabteilung eines Autoherstellers anlegt, wird schnell der Produkt-Piraterie beschuldigt. Um zuvor Genehmigungen zu erhalten, braucht es aber Zeit, Geduld und noch mehr Geld.

Vor Druck erst sämtliche Rechte einholen

Mercedes-Fahrer gehören zu den bevorzugten Old- und Youngtimerfans. Der Hersteller selbst hat ein gelagertes Ersatzteil-Sortiment von rund 460.000 verschiedenen Teilenummern der Marken Mercedes-Benz, smart und FUSO. Im Bedarfsfall beschafft Mercedes weitere 240.000 Teile für den Kunden, das ist viel mehr als bei der Konkurrenz. 15 Jahre nach Auslauf einer Baureihe übernimmt Mercedes-Benz Classic den technischen Support. Und doch: Auch wenn die Ersatzteilversorgung derart gut ist, das eine oder andere Teil wird fehlen.

Auf Nachfrage regiert der Daimler-Konzern jedoch wie erwartet: „Eine Vervielfältigung von Produkten darf nicht gegen Schutzrechte verstoßen. Dies gilt unabhängig davon, mit welchem Medium solche Vervielfältigungen erstellt werden. Das erfordert bei jedem Einzelteil eine konkrete Prüfung, ob z.B. Marken, Patente, Designrechte oder Urheberrechte verletzt werden“, lautet die offizielle Antwort.

Mit anderen Worten: Auch wenn Sie nur ein kleines, längst vergriffenes Ersatzteil benötigen, Sie müssten die Produktion dessen von Mercedes (bzw. dem betroffenen Hersteller) prüfen und freigeben lassen. Diese Haltung ist übrigens Standard in der Branche.

Jedes Mal wieder neu bezahlen

Das erklärt auch, warum es keine Teilelisten schon eingescannter und druckfähiger Ersatzteile gibt – man muss den Abmahn-Anwälten die Arbeit nicht noch erleichtern. Wahrscheinlich auch deswegen finden sich beim größten Marktplatz für fertige Scans, Thingiverse, kaum Reproduktionen von Ersatzteilen.

Dagegen der Hersteller Honda lässt immerhin zu, dass kostenlos ganze Autos nachgedruckt werden können, allerdings nur Modelle. Bei Ford kostet selbst dieses Ansinnen Geld.

Und so wird der nächste Ford-Fan mit einem Auto im Maßstab 1:1, wenn er nicht zufällig von dem schon eingescannten Spiegelhalter hört, wieder bei einem anderen Betrieb 350 Euro für die Vorbereitung zahlen müssen.

Die treuesten Fans werden bestraft

Man könnte vielleicht noch verstehen, dass die Hersteller sich das Geschäft mit vorhandenen Ersatzteilen nicht verderben lassen wollen. Aber insbesondere solche Marken, in deren Ersatzteilvorrat riesige Lücken klaffen (dazu gehören Ford, Opel, alle Japaner und auch Audi), machen durch diese Blockadehaltung gerade denjenigen das Leben schwer und teuer, die mit viel persönlicher Hingabe die Historie der Hersteller pflegen.

Bis es hierfür eine Lösung gibt, müssen Youngtimer-Fans also weiterhin tapfer im Internet stöbern (z.B. bei => eBay Motors), in => Foren oder Stammtischen netzwerken oder über Teilemärkte und Klassikerbörsen streifen.

Für den Eigenbedarf drucken scheint zwar rechtlich unbedenklich; doch dafür ist die Technik vorläufig wohl noch zu aufwendig. Wie 3D-Druck im Detail funktioniert, sehen Sie in der => Bildergalerie.

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund