Keyless Klau: Auto weg in Sekunden

Kriminalität: Autoknacker werden zu Hackern

Erst Keyless Go, dann Keyless Klau

Gegen die Autoklau-Methode mittels Abfangen des Funkschlüssel-Signals („Keyless Go“) gibt es kein wirklich praktisches Mittel. Doch jetzt bietet ein Experte elektronische Abwehr an, die angeblich jedes Fabrikat schützt.

  • Der schlüssellose Zugang („Keyless Go“) ist für Autodiebe ein offenes Tor. Bisher hat kein Hersteller ein Mittel dagegen.
  • Sofortigen Schutz gibt es nur, wenn die Funktion abgeschaltet oder der Schlüssel mechanisch abgeschirmt wird.
  • Ein Experte bietet zusätzliche elektronische Sicherheitstechnik an. Sie heißt „Secukey“ und kostet 248 Euro.

Keyless Go auch für Diebe bequem

Sie haben es doch nur gut gemeint: Um dem Autofahrer das lästige Suchen nach dem Autoschlüssel zu ersparen, bringen fast alle namhaften Hersteller seit etwa 15 Jahren auf breiter Front die „Keyless Go“-Systeme auf den Markt.

Dabei trägt der Autofahrer den Sender beispielsweise in Form einer Chipkarte bei sich. Nähert er sich dem Auto, schließt es sich automatisch auf. Einsteigen, Startknopf drücken, und los kann es gehen. Keyless bedeutet übersetzt aus dem Englischen „schlüssellos“, der Begriff „KEYLESS GO“ ist übrigens eine eingetragene Wortmarke der Daimler AG.

Leider hat die Unterwelt es inzwischen weiterentwickelt: „Keyless Klau“ wird ein neuer Trend genannt, der sich die Bequemlichkeit des Systems immer häufiger zunutze macht. Mit dem Effekt, dass Kfz-Diebstahl mit Keyless Go für die Täter ähnlich bequemlich wird wie das Abschließen für die Eigentümer.

Autoklau, so komfortabel wie nie

Die Zahl der Diebstähle mit dieser Methode explodiert dabei förmlich. Im vergangenen August veröffentlichte das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz (LKA-RP) eine Mitteilung, nach der sich in den vergangenen Wochen die Zahl der Autodiebstähle per Keyless Go stark erhöht hätte.

Das LKA-RP registrierte „drei im Bereich des Polizeipräsidiums Koblenz, zwei im Bereich des Polizeipräsidiums Mainz.“ Darüber würde man sich heute freuen: Kürzlich wurden 180 Autos innerhalb von ein paar Tagen auf diese Weise in Mecklenburg-Vorpommern entwendet.

Das Knacken per Keyless Go ist so simpel, dass eine rapide Verbreitung dieser „Arbeitsweise“ zu befürchten ist.

Drei Arbeitsgänge auf einmal

Um das zu verstehen, muss man sich die verwendete Technik anschauen. Nähert sich ein Autobesitzer seinem Keyless Go-Fahrzeug, passieren drei Dinge: Der Sender (im Autoschlüssel) schließt sich mit der Bordelektronik des Autos kurz. In Bruchteilen von Sekunden werden Codes ausgetauscht, Schlüssel und System kommunizieren miteinander.

Wurde der Schlüssel erfolgreich identifiziert, schließt sich der Wagen auf, Wegfahrsperre und Lenkradschloss werden entschärft und der Wagen schaltet die Zündung an. Nur noch den Starterknopf drücken, und der Motor läuft.

Das funktioniert jedoch nur im Bereich von ein paar Metern. Verlässt der Besitzer wieder das Auto, schließt sich das System von selbst ab – doch Auto wie auch Schlüssel bleiben in Bereitschaft, und genau das machen sich Hacker zunutze.

Zwei Stationen überbrücken die Distanz

Mit einem sogenannten Funkwellenverlängerer ist es möglich, den Abstand zwischen Autoschlüssel und Auto zu überbrücken, um der Bordelektronik vorzugaukeln, der Besitzer stehe vor dem Auto.

Parken Sie nachts den Wagen vor dem Haus und befindet sich der Sender z.B. in der Jackentasche an der Garderobe, so reicht das für Autodiebe. Sie müssen nur die Schlüsselfrequenz vor der Haustür einfangen und über zwei Funkstationen dem Auto zuzuleiten. 

Es gibt also ein Abfang-Gerät und eine Schlüssel-Attrappe. Die künstlich verlängerte Funkstrecke dazwischen kann auch mehrere Kilometer lang sein.

Nachts oder im Supermarkt passiert es

Das LKA-RP beschreibt den Diebstahl per Funkwellenverlängerer (auch: Car Scanner) so: „In der Praxis sieht das Vorgehen der Täter folgendermaßen aus: Einer steht am Fahrzeug mit einem Car-Scanner in der Tasche, und ein weiterer Täter steht mit einem Scanner in der Nähe der Haustür, da viele Autofahrer ihren Autoschlüssel in der Nähe der Haustür aufbewahren.“

Die Funkwellenverlängerer überbrücken den Weg bis zum Komplizen am Auto – und los kann es gehen. Die Geräte sind dabei so kompakt, dass sie in eine Laptoptasche passen. Vorbei die Zeiten, als sich Autodiebe mit einem Brecheisen oder gar Draht am Auto selbst zu schaffen machen mussten.

Der Autodiebstahl de Luxe von heute sieht im Vorbeigehen so aus, als ob ein scheinbar ganz normaler Mensch auf dem Weg zur Arbeit in sein Auto steigt und davonfährt.

Autoklau im Selbstversuch

Diese Masche ist seit ungefähr fünf Jahren bekannt, doch es dauerte ein wenig, bis man den Dieben auf die Spur kam. Das war für die Bestohlenen anfangs nicht einfach: Da die Keyless Go-Technik als sicher galt, wurden sie als Versicherungsbetrüger verdächtigt. Einer, der sich vor Gericht verteidigen musste, wandte sich an Udo Hagemann. Der ist Kriminologe, Sachverständiger und betreibt die Firma Bundpol Security Systems in Berlin.

Für die Gerichtsverhandlung baute er den Prototyp eines Funkwellenverlängerers und demonstrierte dem Richter so, wie einfach der Wagen zu knacken ist – quasi im Vorbeigehen. „Ich war selbst erstaunt, wie leicht das geht“, so Hagemann gegenüber mobile.de.

Die genaue Funktionsweise will er nicht verraten, um den Autodieben die Sache nicht noch einfacher zu machen. „Inzwischen aber gibt es in Osteuropa Funkwellenverlängerer mit der entsprechenden Software für rund 35.000 Euro zu kaufen. Das klingt zwar teuer, aber das haben die Diebe mit ein paar Autos wieder drin.“

Hier sind Profis am Werk

Rund 19.000 Autos wechseln in Deutschland jährlich illegal den Besitzer. Täter sind zumeist Profis, wie das Bundeskriminalamt beobachtet: „Die Überwindung von elektronischen Sicherungseinrichtungen, der Fahrzeugtransport, die teilweise Zerlegung der Fahrzeuge in Einzelteile, die Fälschung oder Verfälschung von Fahrzeug-Identifizierungsmerkmalen oder Fahrzeugpapieren sowie der Absatz der entwendeten Fahrzeuge erfordern eine umfassende Logistik und sprechen für die hohe Professionalisierung.“

Mit den Keyless Go-Systemen kann diese Entwicklung quasi demokratisiert werden – nur leider in die falsche Richtung. Standen früher Besitzer von Luxuslimousinen wie Mercedes S-Klasse, Audi A8 oder SUV von Range Rover oder der beliebte BMW X5 im Fokus der Autodiebe, kann heute praktisch jedes Auto mit Keyless Go geknackt werden.

Udo Hagemann: „Die Systeme werden in immer mehr Autos und Fahrzeugklassen eingebaut. Renault beispielsweise liefert seine Autos nur noch so aus. Daher: Gefährdet sind ALLE Autos mit diesem System“.

Sicherheitssystem selbst entwickelt

Natürlich ist hier zuerst die Autoindustrie gefordert, sichere Schlüsselsysteme zu entwickeln. Bis es soweit ist, könnte ein System namens „Secukey“ helfen. Bundpol hat es entwickelt, es soll alle Fabrikate schützen. Kosten: 248 Euro. Vor einigen Wochen betrug der Preis noch 580 Euro, offenbar erlaubte die hohe Nachfrage diese drastische Preissenkung. Hagemann: „Wir sind von Bestellungen förmlich überrannt worden.“

Wer diese Investition vorläufig nicht tätigen will: Eine Metalldose tut es auch – etwas dicker als eine Konservenbüchse muss sie aber schon sein. Einfach den Schlüssel zuhause in dieses Behältnis legen, z.B. eine Wechselgeld-Kassette, und der Schlüssel kann nicht mehr um sich funken.

Ein weiterer Tipp, allerdings nicht für jeden: „Damit Fremde nicht ungehindert in die Nähe des Fahrzeugs kommen, ist es am besten, den Wagen in der Garage zu parken und diese auch abzuschließen“, so der Experte Walter von der R+V-Versicherung. Natürlich ohne Keyless Go.

Notlösung: Drei Lagen Alufolie

Der nächste Tipp ist noch hilfloser: Wer weder Garage noch Metallbox griffbereit hat (z.B. beim Restaurantbesuch), der kann ja den Kellner nach einer Rolle Alufolie fragen – gegen ein Trinkgeld ist das sicher kein Problem.

Die Alufolie wickeln Sie um Ihren Schlüssel. Und zwar in drei Lagen, das ist wichtig. Das glitzernde Metall hat den gleichen Effekt wie eine Blechbüchse oder eine Stahlbeton-Tiefgarage: Es schirmt das Funksignal dauerhaft ab.

Zum Einsteigen müssen Sie es natürlich wieder abwickeln. Das macht auch mehr Vorfreude aufs Fahren.

Keyless Klau und wie man ihn verhindert: Weitere Tipps gibt es in der => Bildergalerie.

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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