Schwerstbehindert - aber total mobil

VW-Bus-Fahren nur mit zwei Fingern

Gelähmt und doch am Steuer

Derk Hille ist fast vollständig querschnittsgelähmt. Dass der 55-Jährige heute wieder sein Auto im Alltag steuern kann, verdankt er drei Dingen: 1. der Kunst der Ärzte, 2. seinem ungeheuren Willen – und 3. der technischen Sonderausstattung seines VW T5.

  • Dank Technik können viele Schwerstbehinderte heute wieder selbst Auto fahren.
  • Spezialisierte Umrüst-Werkstätten passen die Autos individuell an.
  • Einige Hersteller bieten Behinderten bis zu 20% Neuwagen-Rabatt.

Derk Hille lernte fast alles zweimal

Wenn Derk Hille am Steuer seines VW T5 sitzt, dann ist alles beinahe wie früher. Er fährt, er lenkt, gibt Gas und bremst – und musste doch das alles erst vor kurzer Zeit ganz neu und unendlich mühsam erlernen für sein zweites Leben.

Sein erstes endete im Februar 2012: Da fiel Hille in seinem Haus die Treppe hinunter. Dabei brachen zwei Wirbel seiner Halswirbelsäule. Seitdem gilt er als fast vollständig querschnittsgelähmt.

Er überlebte zwar, muss aber ganz von vorn anfangen: Das Sprechen zum Beispiel sogar selbstständiges Atmen. Das gelang ihm erst acht Wochen nach dem Unfall wieder. Heute steuert Hille sein eigenes Auto. Was für ein technisches Wunder.

Sein Auto wurde technisch angepasst

Das verdankt der Mann einer Spezialwerkstatt, der Firma Kardomo aus Berlin. Sie baute einen VW T5 so um, dass Hille heute allein durch das Bewegungsvermögen von Daumen und Zeigefinger einsteigen, starten und täglich zur Arbeit fahren kann.

Sein „kompletter Querschnitt“, wie Hille selbst seine zerstörte Gesundheit nennt, hatte ihn in sich selbst eingesperrt. Tretraplegie heißt der medizinische Ausdruck hierfür: Eine Querschnittslähmung, die auch Arme und Beine einschließt.

Hille steckte in einem Körper, der ihm nicht mehr gehorchte. Unmittelbar nach dem Unfall konnte er nur die linke Hand bewegen und damit auf eine Alphabets-Tafel zeigen. So kommunizierte er in der ersten Zeit mühsam mit der Außenwelt.

Mit einer Hand Gas geben und bremsen

Heute, nach diversen Operationen, ungezählten Stunden Ergotherapie und Training kann er wieder sprechen und die rechte Hand benutzen: Sie drückt Knöpfe, hält Gegenstände fest, zum Beispiel einen Schlüssel. Das klingt sehr eingeschränkt, und das ist es auch. Aber für Hille genügt es, um am Leben festzuhalten.

Wie? Das führt er am Auto gern vor: Per Fernbedienung öffnet der Rollstuhlfahrer die Seitentür seines roten VW T5 Caravelle. Er drückt einen Knopf, eine Rampe klappt aus. Der Rollstuhl fährt nun auf die Rampe, die ihn im nächsten Schritt mitsamt Fahrer in die Höhe liftet.

Hille manövriert den Rollstuhl nach vorn links – dorthin, wo sich in einem normalen VW-Bus der Fahrersitz befindet. Eine Halterung im Boden rastet ein, der Rollstuhl ist nun fest verankert. Die Rampe verschwindet, die Tür klappt zu. Geschafft. „Sobald ich im Auto sitze, fühle ich mich zu Hause“, sagt Hille.

Wie umfangreich das Auto auf die besonderen Bedürfnisse des Querschnittsgelähmten angepasst wurde, zeigt die => Bildergalerie.

Umrüstung kostete rund 42.000 Euro

Im ersten Leben war Hille stolz auf seine 1,86 Meter Körpergröße und liebte das handwerkliche Arbeiten. Er war als Flugzeugmechaniker bei Air Berlin tätig. Heute versieht er notgedrungen Innendienst, er wurde auf Softwareentwicklung umgeschult. Nicht mal winken kann er. „Ist schon traurig, wenn man plötzlich so ein Grobmotoriker ist“.

Eineinhalb Jahre nach dem Unfall fing der Brandenburger wieder an zu arbeiten. Bei seinem alten Arbeitgeber. Im Unternehmen ist man ihm „extrem entgegen gekommen“. Das betrifft nicht nur das neue Aufgabengebiet, sondern auch den Umbau des Büros: Elektrisch öffnendet Automatiktüren und eine barrierefreie Toilette wurden eigens für ihn installiert.

Besonders dankbar ist der 55-Jährige jedoch der Firma Kadomo in Berlin. Sie hat für rund 42.000 Euro den VW T5 umgerüstet. „Nicht nur mein Auto wurde umgerüstet, auch mir selbst wurde Mobilität und somit ein Stück Lebensqualität wiedergegeben. Darüber bin ich sehr glücklich.“

Zentraler Drehknopf für 14 Funktionen

Dreh- und Angelpunkt des behindertengerechten Autos ist ein zentrales Bedieninstrument, das Derk Hille mit seiner rechten Hand voll im Griff hat: Der „Commander Multidrehknopf“ steuert bis zu 14 Funktionen im Fahrzeug, zum Beispiel Hupe, Blinker, Licht usw.

Für einige dieser Funktionen gibt es zwar auch die Möglichkeit der Sprachsteuerung, „die ist aber bei Weitem nicht so sicher und zuverlässig wie der Commander“, sagt Kadomo-Werkstattleiter Lars Plomann. Die Spezialisten haben auch noch eine Lenkgabel mit Lenkkraftverstärkung am Steuerrad montiert, in die Hille seine Hand einklemmen und so auch ohne Fingerfunktion mit nur leichtem Druck nach rechts und links fahren kann.

Gas und Bremse bedient Derk Hille ebenfalls mit einem sensibel eingestellten Handgriff. „Das musste ich erst üben – anfangs hat mein Beifahrer regelmäßig an der Frontscheibe geklebt, so stark reagiert das Handgas“, scherzt er.

Deutlicher Preisnachlass für Behinderte

2003, im „Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen“, begannen Autohersteller damit, Kunden mit Behinderungen Rabatte bis zu 20 Prozent auf Neuwagen zu gewähren. Mittlerweile bieten fast alle Automobilkonzerne Kunden unter bestimmten Voraussetzungen einen Preisnachlass.

„Da immer mehr Hersteller diesen auch gezielt kommunizieren und zu einem Verkaufsinstrument machen, steigen die Verkaufszahlen insgesamt an“, weiß der Gründer und Vorsitzende vom Bund behinderter Auto-Besitzer, Achim Neunzling. „Zudem verzichten seit Jahren immer mehr Hersteller auf die Merkzeichen im Ausweis, was die Nutzergruppe wesentlich erhöht hat.“

Für Derk Hille ist das Autofahren eine der wenigen Konstanten, die trotz Unfalls geblieben sind. Er fährt allein zur Arbeit, zu Freunden, zum Einkaufen, zu den Therapiestunden. Mittlerweile kann er auch ganz sanft Gas geben und abbremsen, ohne dass Beifahrer einen Schreck bekommen. Und während der Fahr hört Hille Radio oder Hörbuch. Ein bisschen wie früher, in seinem ersten Leben.

So steuert Derk Hille seinen umgerüsteten VW T5 Caravelle: Details in der Bildergalerie.

Spezialfahrzeuge für Behinderte bei mobile.de

Die Suchmaske von mobile.de bietet eine Fülle von Optionen mit Millionen Kombinationsmöglichkeiten; und natürlich auch die Option „behindertengerecht“. Allerdings ist das nur ein relativ grobes Kriterium – wie der Bericht über Derk Hille zeigt, sind die Anforderungen individuell höchst verschieden.

Wer also bei mobile.de nach einem behindertengerechten Fahrzeug sucht, muss die jeweilige Einrichtung genauestens prüfen. Und sollte auch ein Häkchen bei der Option „fahrtauglich“ setzen, um Pannenfahrzeuge auszuschließen. Derzeit erfüllen mehr als 1.300 Angebote diese Kriterien:

Behindertengerechte Fahrzeuge bei mobile.de

Text: Anne Klesse