Warum Verbrauchsangaben falsch sind

VW-Abgas-Affäre greift um sich

Die Diesel-Krise

Die Abgas-Affäre um VW in den USA ist keine Überraschung: Wer sich ein wenig mit Verbrauchsangaben bei Neuwagen beschäftigt hat, kennt das Problem. Der eigentliche Skandal: Alle Hersteller schummeln seit langem bei den offiziellen Verbrauchsangaben, doch der Staat sieht weg
 

 
 
23. September 2015

Die Empörung ist riesig: In den USA drohen dem Volkswagen-Konzern nach dem Manipulationsskandal um geschönte Abgaswerte extrem harte Strafen. Das Unternehmen gab zu, seine Dieselmodelle mit einer hochentwickelten Software ausgestattet zu haben, die den Abgaswert bei Prüfungen beschönigt.

Sofort fiel der VW-Aktienkurs in den Keller. Insgesamt geht es um rund elf Millionen Vierzylinder-Modelle von Volkswagen der Modelljahre 2009 bis 2014. Nun droht eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar – hinzu kommen Strafverfolgung wegen Betruges und hohe Kosten durch Rückrufe.

Die strafbaren Handlungen ereigneten sich offenbar 2005, als der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn noch gar nicht im Amt war – es nützte ihm nichts: Bereits am Mittwoch trat Winterkorn zurück. Das Schuldeingeständnis kam einfach viel zu spät: Seit über einem Jahr sollen VW die Vorwürfe bekannt sein, ohne dass etwas geschah.

VW hat es in USA zu weit getrieben

Inzwischen wurde bekannt, dass VW auch in Europa mogelte. Auch hier ist manipulative Software, die Messungen erkennt und den Verbrauch entsprechend schönt, verboten. Doch der VW-Skandal ist nur die Spitze des Eisbergs: Sämtliche Hersteller stellen bei uns Verbrauch und Schadstoffausstoß ihrer neuen Modelle besser dar, als sie in der Realität schaffen. Das hat zwei Ursachen: 1. Die Mess-Norm ist praxisfremd und kommt bei allen Autos auf 10-15 Prozent niedrigere Verbrauchs- und Abgaswerte. 2. Die Vorschriften sind insgesamt sehr lax und lassen sich kreativ auslegen.

Hierzulande lohnt die Manipulation, um mit einem vermeintlich niedrigen Verbrauch zu werben, in in Amerika dagegen mit niedrigen Emissionen. Beides korreliert miteinander. Volkswagen hat es in den Vereinigten Staaten einfach zu weit getrieben: US-Wissenschaftler fanden heraus, dass in Konzernmodellen von VW und Audi mit 2-Liter-TDI ein System zur zusätzlichen Reinigung der Diesel-Abgase im normalen Fahrbertrieb immer abgeschaltet ist – nur für Prüfungen wird es selbsttätig aktiviert.

Dieses System besteht aus einem zusätzlichen Katalysator mit Harnstoffeinspritzung („Ad Blue“) , der die gefährlichen Stickoxide (NOx) reduziert. Ohne dieses Bauteil sind die Abgaswerte so schlecht, dass der Wagen die strengen NOx-Grenzen in den USA nicht erreicht. Das Abschalten hat – abgesehen von mehr NOx im Abgas – weitere Effekte: mehr Leistung und weniger Verbrauch.

Werte, die man im Realbetrieb nie erreicht

Aufgedeckt wurde der Betrug erst, als mehrere Fabrikate nicht nur im Labor, sondern auch auf der Straße gemessen wurden. Dabei kam heraus, dass im realen Betrieb VW-Produkte mit dem 2-Liter-TDI um das 40fache mehr Stickoxide emittieren. Der Vorwurf: das routinemäßige Abschalten des Extra-Katalysators, denn dieser Automatismus führt zu weit mehr Schadstoffen im Alltagsbetrieb, als VW offziell behauptet hat.

Wie kann ein Computer erkennen, ob ein Auto auf der Straße oder dem Prüfstand fährt? Die Kombination aller Sensoren im Fahrzeug registriert, ob Querbeschleunigungskräfte vorhanden sind und sich das Lenkrad dreht, wie etwa bei einer Fahrt durch die Kurve. Unterbleibt das, kann ein Straßenbetrieb ausgeschlossen werden – dann schaltete die VW-Software scheinbar automatisch auf „Prüfzyklus“ um.

Experten nehmen an, dass der Trick dazu diente, die Wartung zu vereinfachen: In normalem Betrieb muss regelmäßig „Ad Blue“ nachgefüllt werden, angeblich wollte VW den Kunden diesen zusätzlichen Aufwand ersparen, um das Produkt attraktiver zu machen.

Auch in Europa wird munter manipuliert

Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland (VCD): „Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass neben Volkswagen auch andere Konzerne die Abgaswerte manipulieren, und das nicht nur in den USA. Die EU muss ehrliche Tests ohne Wenn und Aber beschließen, damit Betrügereien ein Ende haben.“ Auffällig: Auch Benzinmotoren verbrauchen in schöner Regelmäßigkeit real viel mehr Kraftstoff, als die Hersteller offiziell kommunizieren.

Eine Studie des amerikanischen Forschungsinstitutes ICCT hat bereits 2014 dokumentiert, was Manipulationen an den Verbrauchswerten bedeuten. So verbraucht laut ICCT beispielsweise der Audi A6 (Baureihe C7) in der Realität 50 Prozent mehr, als im Prospekt angegeben. Es wird munter manipuliert: Bei den Messfahrten werden Spaltöffnungen an Türen und Dach abgeklebt, besonderes Leichtlauföl in den Motor gefüllt, Reifen um einige Bar höher aufgepumpt, um die Haftreibung zu reduzieren. Anrüchig, aber erlaubt.

Für ihre Untersuchung bedienten sich die Analysten des ICCT acht verschiedener Datenquellen aus vier europäischen Ländern: Deutschland (ADAC), die Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz. Betrachtet wurde der Zeitraum zwischen 2001 und 2013, insgesamt wurden die Daten von mehr als einer halben Million Pkw ausgewertet.

Die Abweichung wächst von Jahr zu Jahr

Das Resultat: Die durchschnittliche Abweichung zwischen Herstellerangaben und der Realität steigt mit den Jahren immer weiter an. Lag sie 2001 noch bei acht Prozent, waren es 2013 bereits knapp 38 Prozent. Allein zwischen 2007 und 2013 verdoppelte sich der Unterschied. Das hat Folgen:

  • Autofahrer bezahlen pro Jahr durchschnittlich rund 450 Euro an zusätzlichen Spritkosten;
  • Der CO2-Ausstoß aller Autos und damit deren Umweltfreundlichkeit ist real um die Hälfte schlechter als die offiziell verkündeten Werte;
  • In den Niederlanden ist die Kfz-Steuer wesentlich höher als bei uns. Durch die angeblich niedrigeren CO2-Werte der Autos verliert das kleine Land jährlich 3,4 Milliarden Euro an Steuereinnahmen. Für Deutschland sind es immerhin 240 Millionen.

Hybridautos ohne Stromladung gemessen

Wie groß die Unterschiede sind, hat der ADAC gerade an einer Reihe von Plug-In-Hybridautos getestet, die laut NEFZ mit sagenhaft niedrigen Verbrauchswerten aufwarten können. Plug-In-Hybridautos haben einen zusätzlichen Elektroantrieb und können extern geladen werden, der NEFZ begünstigt diese Autos. Eine dicke Luxuslimousine wie der Mercedes S 500 Plug-In kommt demnach auf einen offiziellen Verbrauch von nur 2,8 Litern auf 100 km/h.

Die Ergebnisse des ADAC nach dem eigenen, praxisnäheren EcoTest sprechen dagegen eine andere Sprache. Die tatsächlichen Verbräuche weichen danach teils um über 100 Prozent von den Herstellerangaben ab. Woran das liegt: Die Akkus der Plug-in-Hybriden werden bereits vor dem Test voll geladen, doch diese Ladeleistung wird ins Energieverbrauchs-Endergebnis nicht aufgenommen. Auch das grenzt an Betrug. Und alle machen mit.

Im Einzelnen (Herstellerangaben in Klammern): Mercedes S 500 Plug-In: 5,2 Liter auf 100 Kilometer (2,8l); Mitsubishi Outlander PHEV: 4,2 Liter (1,9l); Toyota Prius Plug-In Hybrid: 3,6 Liter (2,1l) und VW Golf GTE: 3,3 Liter (1,5l). Da die Abgaswerte direkt vom Verbrauch abhängen, ergibt sich schon ohne Manipulation eine riesige Abweichung.

Realverbrauch zeigt eine Online-Community

In den USA sind bereits erste Sammelklagen von Autokäufern gegen VW anhängig, die Schadensersatz wegen gesunkenen Wiederverkaufswerts ihrer Volkswagen- und Audi-Modelle herausholen wollen. Ob rückwirkend die Betriebserlaubnis für Fahrzeuge, die mit der betrügerischen Software ausgerüstet sind, erlischt, scheint unwarscheinlich. Klar ist: Wer einen VW oder Audi mit dem 2.0-Liter-Diesel besitzt, wird mit einem Rückruf rechnen können.

Doch ein Gutes hat der Skandal in Übersee sicher auch für die Situation hierzulande: Die NEFZ-Norm, die aufgrund ihrer schwammigen Bestimmungen schon so oft kritisiert wurde, wird mit Sicherheit bald überarbeitet – und macht hoffentlich einem Messverfahren Platz, dass weniger Raum für Manipulationen bietet und realistischere Zahlen liefert.

Wer wissen will, was sein Auto im Realbetrieb verbraucht, schaut bei der Community Spritmonitor nach: Dort tragen Tausende Autofahrer regelmäßig und aus freien Stücken ihren Kraftstoffverbrauch ein. Mehr als eine halbe Million Fahrprofile sind in der Datenbank vorhanden, die Nutzung ist kostenlos. Und schon auf den ersten Blick sieht jeder: Der Realverbrauch liegt regelmäßig mehr als 15 Prozent über dem, der im Werbeprospekt steht. Mindestens.

Krasse Differenz: Was Autos laut Prüfnorm verbrauchen und was in der Realität, zeigt die Bildergalerie.

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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