TÜV-Report 2016: Vorsicht, Mängel!

TÜV identifiziert die schlechtesten Gebrauchtwagen

Wo die Prüfer fündig werden

Es kann jetzt etwas weh tun: Die HU-Statistik des TÜV bringt auch in diesem Jahr die Negativ-Liste – die Autos mit den meisten Defekten. Es sind in der Regel die billigsten Produkte, und wer sie kauft, spart nur bis zur ersten Reparatur. Doch auch einige angebliche Premium-Autos sind dabei.


 
 
19. November 2015

Zweimal im Jahr haben Gebrauchtwagen-Höker das große Muffensausen. Das erste Mal im Frühjahr, wenn der Dekra-Gebrauchtwagenreport erscheint – und jetzt wieder im Herbst, denn der TÜV-Report ist das Gegenstück: die schonungslose Abrechnung mit mieser Qualität und schlechter Pflege.

Diese Statistik kennt keine Lieblingsmarken, keine Vetterle-Wirtschaft und auch keine politische Korrektheit: Sie rechnet stur aus, wie viele Fahrzeuge eines Typs im Jahr durch die Hauptuntersuchung (HU) gerasselt sind und warum. Auch die durchschnittliche Fahrleistung wird ermittelt, was einen weiteren Rückschluss auf die Langzeitqualität zulässt.

Und so kommt es, dass nicht nur Stars gefeiert werden, sondern auch jede Menge Loser ans Tageslicht kommen. Das sind keineswegs nur Billig-Modelle aus fernen Ländern, oh nein – die Pfuscherei hat es schon immer auch im guten, alten Europa gegeben, und natürlich bedeutet „Made in Germany“ auch nicht automatisch bessere Qualität.

Warum Sportwagen oft glänzen

Doch ist der TÜV-Report komplett wörtlich zu nehmen? Nicht ganz: Die Statistik will mit Verstand gelesen werden. Häufige Ausfälle eines Autos in der HU sind nämlich nicht ausschließlich auf mangelnde Qualität in Konstruktion und Fertigung zurückzuführen.

Sondern zu einem fast ebenso großen Anteil auf den Willen und die finanziellen Möglichkeiten seiner Eigentümer, ihren Besitz über die Jahre fit zu halten. Manche wollen nicht, manche können nicht, und manche wissen darüber nichts.

So stellt die seit Jahrzehnten wiederkehrend gute Platzierung von Sportwagen und Roadstern – von vielen Medien regelmäßig frenetisch und blauäugig gefeiert – nicht unbedingt eine Kaufempfehlung dar, denn genau hier schlagen Pflege- und Nutzungs-Intensität des Halters besonders deutlich durch.

Viele Autos wurden nie geliebt

Mit anderen Worten: Sportwagen und lässige Zweisitzer werden mindestens von ihren Erstbesitzern gut gepflegt, denn die können sich das leisten. Zugleich schonen sie ihre vierrädrigen Lieblinge, bewegen sie nur im Ausnahmefall und werfen auch selten Zementsäcke in den Kofferraum.

Umgekehrt landen viele an und für sich gelungene, aber auch preisgünstige Konstruktionen von Anfang an bei Kundengruppen, die entweder für den Erhalt ihrer Vehikel wenig ausgeben können oder wollen – oder die mit den Autos nicht eben liebevoll umgehen, sondern sie im erbarmungslosen Dauereinsatz herunterrocken. Warum sollte man sie schonen? Sie müssen ran.

Es ist fast wie beim Menschen: Ein Mangel an Liebe lässt Autos ziemlich schnell alt und krank werden. Das trifft häufig auf günstige Kleinwagen von Importmarken zu, die bereits in ihrem 1. Leben weder Status noch Glamour vermitteln. Sie werden ungerührt verbraucht und erst dann repariert, wenn es dringend notwendig ist. Also oft erst, nachdem sie durch die HU gerasselt sind.

Preis und Qualität hängen zusammen

Dennoch können auch diese so genannten Mängelriesen ein guter Kauf sein – wenn Sie zum Beispiel einen Verkäufer erwischen, der das Auto entgegen dem Mainstream wirklich gepflegt hat. Danach lohnt es sich zu suchen.

Auch lohnt es sich, die besonders häufig auftretenden Mängel der jeweiligen Modelle genauer anzuschauen: Der Ölverlust eines Mini der aktuellen Generation, der bereits nach der 3. HU mehr als sechs Prozent der Fahrzeuge plagt, ist unbedingt gravierender als der starke Verschleiß an den Bremsscheiben beim Kleinwagen Toyota Aygo – denn die sind weit weniger aufwändig zu beheben. Bremsen sind wie Gelenke, Auspuff und Dämpfer Verschleißteile; mit ihrem Nachlassen ist zu rechnen, der Austausch hält sich bei den meisten Marken finanziell im Rahmen.

Wobei auch hier Qualität und Preis häufig zusammenhängen: Wer ein hochwertiges Auto kauft, das im TÜV-Report ganz oben steht, sonnt sich vielleicht eine Zeitlang in der Gewissheit, vor bösen Überraschungen sicher zu sein. Doch irgendwann sind auch beim besten Gebrauchtwagen neue Bremsen oder Lenkungsdämpfer fällig – und bei den Premium-Produkten kommt das viel teurer.

Selbst der TÜV-Report hat Lücken

Auch das sollten sich Autokäufer vergegenwärtigen: Die HU-Statistik bildet natürlich nur ab, was die Prüfer bei den hunderten deutschen TÜV-Stützpunkten zu sehen bekamen. Wer sein Auto lieber bei einer der zahlreichen kleineren Organisationen (z.B. KÜS, GTÜ etc.) vorführte, fällt durchs Raster. Doch was noch wichtiger ist: Wird ein Auto schon vor dem TÜV-Termin von einer guten Werkstatt geprüft, kommen eventuelle Mängel gar nicht erst ins Protokoll.

Genaue Erhebungen hierzu gibt es nicht. Doch der Verdacht liegt nahe, dass dies vor allem Firmenwagen und viele Privatautos betrifft, die „Scheckheft gepflegt“ werden, also alle vorschriftsmäßigen Inspektionen erhalten, idealerweise in einer Markenwerkstatt. Daraus folgt zwangsläufig der Schluss, dass gerade Premiummarken in der HU-Statistik eventuell ein wenig besser wegkommen, als sie in Realität wirklich sind.

Fest steht auch: Eine neue Baureihe, die lediglich ein oder zwei HU absolviert hat, lässt über ihre Langzeitqualität noch keinen Schluss zu. Wer sein Auto also lange fahren möchte, kann nur auf eine Baureihe bauen, die bereits sieben Jahre oder länger auf dem Markt ist. Dann erst zeigt sich, wie solide die Konstruktion und ihre Baugruppen tatsächlich sind.

Extremfälle, von der ersten HU an

Was für Schlüsse sollten Autokäufer aus der Negativ-Liste ziehen? Grundsätzlich rät der TÜV von Autos ab, die eine hohe Mängelquote aufweisen. Andererseits: Wirklich krasse Mängel-Kandidaten sind selten geworden, die Qualität von Gebrauchtwagen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Auch Rost ist kaum noch ein Thema. Grundsätzlich sollten Sie wissen, was bestimmte Reparaturen an ihrem bevorzugten Modell kosten – kündigt sich bei dem Auto, das sie kaufen möchten, ein Problem an, sollten sie diese Kosten vom Kaufpreis abziehen – oder es nicht kaufen.

Aber wenn Sie ein besonderes Modell einfach begeistert, ob nun wegen des Designs, der Fahrleistungen oder anderer Eigenschaften? Dann sollten Sie beim Kauf zumindest besonders vorsichtig sein. Das bedeutet, für die Besichtigung und Probefahrt die Hilfe von Experten hinzuzuziehen, etwa durch einen Gebrauchtwagen-Check beim ADAC, beim TÜV, der Dekra oder einer anderen Prüf-Organisation.

Problematisch sind vor allem die Extremfälle: Konstruktionen, bei denen der TÜV-Report in fast allen Baugruppen häufige Defekte registriert – und das oftmals bereits von der ersten HU an. Das ist kaum mit mangelnder Pflege zu entschuldigen. Hier hilft nur eins: einfach nicht kaufen.

Die häufigsten Mängel-Kandidaten sehen Sie in der Bildergalerie.

Text: Ralf Bielefeldt / fayvels büro