Erkennen Sie dieses Modell?

Fotograf begibt sich unter die Räder

Ein Käfer auf dem Rücken

Wer einen Gebrauchtwagen kauft, sollte auch immer einen Blick auf den Unterboden werfen. Der Fotograf Kay Michalak hat kein Auto und will auch keins. Dennoch hat er Unterboden fotografiert, gleich 15mal. Wieso denn das?

9. September 2015

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Das gilt übrigens auch für Autos: Wir sehen stets nur Äußerlichkeiten, das schmucke Blechkleid, die modischen Radkappen, die Stilabzeichen ihrer Entstehungszeit. Das, was man uns sehen lassen will.

Was wir nicht sehen, hat Kay Michalak abgebildet: Die ungeschminkte Seite der Konsum-Ikonen, nämlich ihren Unterboden. Über mehrere Jahre hat der freiberufliche Fotograf immer mal wieder – wenn Geld da war – eine Halle gemietet, einen Kranwagen bestellt und Autos von unten fotografiert. Die Idee hat er gemeinsam mit seinem Freund, dem Designer Sven Völker entwickelt. Die Umsetzung kostete 500 Euro pro Tag, sagt er.

Warum der Aufwand? „Ich bin immer auf der Suche nach etwas, das es noch nicht gibt“, beschreibt der 48jährige seine Motivation. Das hat er gefunden: So, wie Michalak die Autos verewigt hat, haben wir sie noch nie gesehen.
 

 
 

 

Die eigentliche Arbeit am PC

Das liegt an der raffinierten Inszenierung: Die Problemzonen der Autos sind perfekt ausgeleuchtet und gestochen scharf, zugleich scheinen sie schwerelos über dem Betrachter zu schweben. Wie ist das möglich?

Die simple Antwort: per Computer. Natürlich waren die Fahrzeuge an den Felgen aufgehängt. Michalak hat für das reine Knipsen zehn Minuten gebraucht. Die eigentliche Arbeit fiel für die Bearbeitung der digitalen Bilddateien an, das Verschwindenlassen der Kranwagen-Klauen dauerte Stunden.

Im Ergebnis sind sie also wegretuchiert, das aufgehängte Fahrzeug verliert buchstäblich die Bodenhaftung und scheint durch den Nachthimmel davon zu fliegen. Es lässt auch seinen eigentlichen Daseinszweck hinter sich, wird vollends zum Zentralgestirn im Universum des Zuschauers.

Das Gesicht von Malochern

Und tatsächlich faszinieren die umgedrehten Autos – selbst dann, wenn man wenig von Technik versteht. Wir erkennen Kabel, Profilbleche, Kühlrippen, Rohre und Reifen. Dazu unübersehbar die Spuren der Zeit: Einem Jaguar-Unterboden ist ein fettes Reparaturblech aufgeschweißt, ein Mini ist von reichlich Kantenrost befallen, ein Smart hat erkennbar häufiger unsanften Kontakt mit dem Bordstein gehabt.

Das, was sich da dem Beobachter mal geordnet, mal weniger geordnet präsentiert, ist alltägliche Ingenieurskunst – hier unten regiert kühles Effizienzdenken, Ästhetik ist letztrangig. Kein Designer hat sich herabgelassen, zu optimieren, wo keiner hinschaut. So gesehen ist die Unterseite auch die ehrliche Seite, das faltige, narbige und wettergegerbte Gesicht von Malochern.

Nicht umsonst sind Gebrauchtwagen-Käufer gut beraten, sich ein Auto stets auch von unten anzuschauen: Alle Schminkerei hört regelmäßig an den Türunterkanten auf, ein paar Millimeter tiefer ist die Biographie eines Fahrzeugs relativ leicht abzulesen. Auch das zeigt das Projekt „Auto Reverse“ (ein Wortspiel mit der englischen Übersetzung für die Kehrseite).

Blick unter die Bettdecke

Wer will, erkennt in Michalaks ambitioniertem Projekt sogar eine Milieustudie: Anstatt sich mit der aufgeputzten Oberfläche zu begnügen, sich mit greller Maskerade und platter Kostümierung abzufinden, wagt er den indiskreten Blick unter die Bettdecke. Und die Kamera deckt es auf: Da unten sind (auch) Autos einander ziemlich ähnlich. Ob Traumsportwagen oder Massen-Mobil, die nackte Technik variiert nur unwesentlich.

Auf den zweiten Blick dann machen die Bilder einfach nur Spaß: Wer sich damit beschäftigt, entdeckt feine Unterschiede, identifiziert Konstruktions-Details und zeitgenössische Technik. Welches Modell haben wir vor bzw. über uns? Wer Lust hat, kann dieses Ratespiel in der Bildergalerie einmal ausprobieren.

Und dann gibt es noch die dritte Ebene: Die der Kunst. Selbst in einer Galerie wären die dekorativen Druntergucker denkbar. Glatte Ästhetik der Technik. Michalak selbst bietet hochwertige Drucke an, die bei maximalen Abmessungen von 1,58 x 1,00 Meter schon sehr nahe am Original sind.

Langsam muss was Neues kommen

Das Kuriose dabei: Der Fotograf ist alles andere als ein Auto-Fan. Er interessiert sich nicht mal besonders für sie. Haben möchte er keins, allenfalls der E-Type würde ihm vielleicht für eine Probefahrt gefallen.

Am Ende des Gesprächs danach befragt, welches Auto er als nächstes an den Haken hängt, antwortet er beinahe schon genervt: „Im Grunde reicht es, langsam muss mal was Neues kommen“.

Wir sind gespannt, was er als nächstes im Fokus hat.

Und, erkennen Sie diese Modelle? Auf zum Ratespiel „Was ist das für ein Typ?“ in der Bildergalerie.

Text: Roland Wildberg