Himmlische Kasko für das Auto

Landpartie am Christophorus-Tag

Gott schütze diesen SLK

Manche hängen ein kleines Bild des Heiligen Christophorus ans Armaturenbrett, andere schwören auf Nazar, das orientalische Augen-Amulett gegen den bösen Blick. Doch wer ganz sicher gehen will, verschafft seinem Auto gleich den Rundum-Schutz

29. Juli 2015

Was machen die da bloß? An einem klaren Sonntagmorgen im Juli parken Hunderte von Autos an der Landstraße, inmitten hitzeflirrender Felder. Im Hintergrund steht eine Kirche.

Davor sind die Besitzer der Fahrzeuge versammelt, die zum Teil unhörbar die Lippen bewegen und ungeduldig im Kreis herumspazieren.

Wer jetzt, neugierig geworden, anhält, erlebt ein Spektakel ganz eigener Art – und wähnt sich um Jahrhunderte zurückversetzt. 

 
 

Garantiert ohne Seife

Es erscheint ein Mann mit seinen zwei Begleitern, alle in höchst feierlicher Kostümierung und gemessenen Schrittes. Die Begleiter tragen einen goldfarbenen Behälter, der einem Sektkübel ähnelt.

Betont würdevoll schreitet der Mann die Fahrzeugfronten ab, taucht hie und da einen goldblitzenden Stab in den Kübel. Und plötzlich schüttelt er den Stab in Richtung der Autos. Es spritzt durch die Gegend. Tropfen perlen an den Frontscheiben ab.

Seife enthalten sie offenbar nicht. Zu diesen rätselhaften Gesten aber machen die Fahrzeugbesitzer ernste Gesichter. Manche lächeln auch geradezu verzückt.

Vorwiegend in katholischen Gegenden

Wer jetzt noch nicht erraten hat, um welche Prozedur es sich hierbei handelt, dem sei verziehen. Er kann weder ein Autofahrer, noch römisch-katholischen Glaubens sein. Beides wichtige Voraussetzungen, um an einer so genannten Fahrzeugsegnung teilzunehmen.

Sie finden zumeist im Juli statt, vorwiegend in Regionen mit katholischer Bevölkerung, z. B. in Bayern und Nordrhein-Westfalen, aber auch in Niedersachsen.

Prominenter Besuch in Etzelsbach

Denn „seit wir die Ökumene haben, braucht sich bei dieser Veranstaltung kein Anhänger der anderen kirchlichen Lehren mehr ausgeschlossen fühlen“, sagt Pfarrer Franz-Xaver Stubenitzky.

Er, der der Gemeinde Steinbach in Thüringen vorsteht, wurde hier 2004 daneben zum Wallfahrtspfarrer der Marienkapelle in Etzelsbach. Etzelsbach im Eichsfeld – das ist ähnlich wie Steinerskirchen, Hohenmölsen-Teuchern oder Steinhöring ein Ort, der in der Öffentlichkeit wenig bis keine Prominenz genießt.

Wäre da vor vier Jahren für den Papstbesuch in Deutschland nicht zufällig die Wahl auf Etzelsbach gefallen.

Gottesdienst mit dem Papst

Und mit Benedikt XVI. reiste ein Mann an, der manchem der vielen Pilger sein ganz persönliches Heilserlebnis bescherte.

Hannelore S. aus Göttingen gehört zu ihnen. Sie hatte, so berichtet die ältere Dame, eine schlimme Arthritis in den Beinen, konnte vor Schmerzen kaum mehr gehen.

Dann fuhr sie am 23. September 2011 nach Etzelsbach, um zusammen mit dem Papst den Gottesdienst zu feiern.

Segen auch für den 190er

„Einige Wochen später“, erzählt sie, „ging es mir gesundheitlich schon viel besser.“ Und das ist bis heute so geblieben. Eine solch positive Erfahrung hinterlässt spürbar ihre Wirkung, ebenso auf den Glauben. Ein Dankgedicht schrieb Hannelore damals sogar.

Aus dieser Verbundenheit fährt sie auch in diesem Jahr wieder zu der Marienkapelle in Etzelsbach. Um das Ereignis von damals wieder in Erinnerung zu rufen. Um sich das Wunder, so hat sie es wohl empfunden, wieder vor Augen zu rufen.

Und aus dem Glauben heraus, auch für ihren alten Mercedes 190 etwas von dem göttlichen Segen gebrauchen zu können.

Friede den Autobahnen

Brauchen Fahrzeuge denn einen Segen mit richtigem Weihwasser? Markus Grabowski, Pfarrer von Rhumspringe im Untereichsfeld, muss da nicht lange überlegen: „Natürlich brauchen sie den, denn drin sitzen ja immer noch Menschen.“

Und Stubenitzky bittet in seiner Andacht sogar dafür, dass „aus unseren Autobahnen keine Kampfbahnen“ werden mögen.

Vielleicht sind sie das längst, aber Recht hat er trotzdem damit.

Kein Werbetrick der Kirche

Dennoch die Frage: Woher kommt der Brauch dieser Fahrzeugsegnungen? Handelt es sich um einen neuen Werbetrick der katholischen Kirche?

„Das nicht“, antwortet Probst Bernd Galluschke (Duderstadt) verschmitzt im Anschluss an eine Motorradsegnung, „aber geschicktes Marketing könnte man es schon nennen.“ Man nehme einmal an, die katholische Kirche wäre ein Fussballverein. „Da könnten wir auch nicht im Ernst erwarten, dass alle zu den Spielen ins Stadion oder gleich auf das Feld kommen, nicht wahr?“

Die Segnungs-Tradition ist alt

Die katholische Kirche will also bei einzelnen Gruppen in der Bevölkerung Boden gut machen, am Tage des Heiligen Christophorus (24. bzw. 25. Juli), und besonders bei Menschen mit fahrbarem Untersatz.

Das hat allerdings schon eine längere Tradition. „Christophorus ist einer der vierzehn Nothelfer und in dieser Funktion der Helfer gegen einen unvorbereiteten Tod“, erläutert Pfarrer Stubenitzky.

Nebenbei ist Christoph auch noch Schutzheiliger aller Reisenden – und damit automatisch für Autofahrer und Biker zuständig.

Früher segnete man Pferde

Natürlich war das nicht immer so. Früher segnete man nicht Auto und Motorrad, sondern eben alles übrige, was der Fortbewegung dient – Drahtesel, Pferde, Maultiere usw. Gesegnet, das soll nicht verschwiegen werden, wurde früher vieles. Felder, Häuser, zu Kriegszeiten allerdings auch Waffen.

Das kommt nicht mehr ganz so häufig vor. Aber Pferdesegnungen sind in vielen ländlichen Regionen tatsächlich nach wie vor ein Thema.

Eine Statistik, ob gesegnete Autos weniger Unfälle haben als ungesegnete, gibt es bisher nicht. Aber wenn es sich beweisen ließe, hätte es ja auch mit Glauben nichts zu tun.

Darum lassen Menschen ihr Auto segnen: Details in der Bildergalerie.

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund