Umsteigen: Vom Smart in den Jaguar

Wenn PS im Übermaß vorhanden sind

Die totale Raserei

Was macht ein Auto, das 300 km/h Spitze fährt, mit einem braven Familienvater, der an seinem Führerschein hängt? Unser Autor machte den Selbsterfahrungstrip. Vom kleinen Smart Fortwo stieg er um auf einen Jaguar F-Type R Coupé

11. März 2015

Da steht er. Mitten auf dem Hof. Meinem Hof. Ein Jaguar F-Type R Coupé in Lunar Grey. Zum Niederknien schön. Dieses Heck. Dieser Hüftschwung. Dieses Datenblatt: Fünfliter-V8 mit Kompressor, 550 PS, 300 km/h Spitze. Zwei Wochen bist du mein. Was wirst Du wohl aus mir machen?

Einen Raser? Einen Drängler? So viel automobile Allmacht, das verführt natürlich, erst recht einen Midlife-Crisis gefährdeten Probanden wie mich: 49 Jahre alt, verheiratet, drei Töchter, drei Punkte (in Flensburg). Da gilt es Obacht zu geben auf so einer britischen 106.800-Euro-Rakete.

 

 
 

 

83,3 Meter pro Sekunde

300 km/h Spitze – das ist schon verdammt schnell, auch wenn im Autoquartett der ein oder andere Überflieger mit noch mehr Vmax sticht. 300 km/h entsprechen einer Strecke von 83,3 Meter pro Sekunde. Das berühmte Fußballfeld, das gern für Vergleiche herangezogen wird, darf lauf DFB 90 bis 120 Meter lang sein. Wenn ich mit 300 km/h daran vorbeischieße, bleiben den Zuschauern schlappe 1,5 Sekunden Zeit, um zu erkennen, was da gerade vorbeifliegt. Ein lässig geschossener Elfmeterer ist gefühlt länger unterwegs.

Ich drücke auf den Entriegelungsknopf des bleischweren Zündschlüssels (Keyless, versteht sich). Schwupp – rechts und links schnappen die Türöffner aus dem Blech. Feines Gimmick. Setzt sich der F-Type in Bewegung, fahren sie wieder automatisch ein. Mit einem Geräusch, das an das Zischen der Türen zur Kommandobrücke der Enterprise erinnert. Ka-zschhh. Wundervoll.

Drinnen fährt beim Türöffnen das Lenkrad leicht in die Höhe, damit ich meine morschen Knochen besser einfädeln kann. Zeitgleich erheben sich die Lüftungsdüsen lautlos aus dem Armaturenbrett. So viel Aufmerksamkeit, ich bin gerührt.

Vorfreude macht sich breit

Das Lederlenkrad fühlt sich grandios an. Ein Handschmeichler. In der Mittelkonsole lockt kupfer-orangefarben der Startknopf. Ich drücke zaghaft drauf. Zack, schlagen die Nadeln von Tacho und Drehzahlmesser aus. Hinter mit bellen die vier Auspuffrohre kurz auf, ganz von allein, als wolle der Jag sein Revier markieren. Meine Frau schaut mich an, als wäre ich bescheuert. Doch alle Männer, die dieser Startprozedur beiwohnen, fallen auf die Knie vor Glück. Vorfreude macht sich breit.

Was geht ab bei 300 km/h? Verkehrstechnisch so ziemlich alles. Eine voll beladene Boeing 737-800 mit 189 Passagieren an Bord ist bei diesem Tempo bereits in der Luft, ein Airbus A380 hebt in Kürze (ca. 320 km/h) ab.

Von hinten kann nicht mehr viel kommen

Auf der linken Spur können dann nur noch sehr ausgesuchte Serienfahrzeuge vorbeiziehen. Der Porsche 911 Carrera S zum Beispiel (Vmax 304 km/h). Oder ein nicht abgeregelter BMW M5 (305 km/h). Auch Porsche Panamera Turbo (305 km/h), Mercedes-AMG GT S (310 km/h) oder Nissan GT-R (315 km/h) hätten noch das Recht, den linken Blinker zu setzen. Nebst Oldtimern wie dem Lamborghini Countach (309 km/h). 1974 durchbrach er als erstes Serienauto die 300-km/h-Schallmauer.

Und nun also ich. Oder auch nicht. Verstohlen mahnt ein Aufkleber neben dem Wahlhebel der 8-Gang-Automatik „Winterreifen. 240 km/h“. Auch gut. Bleibe ich halt auf dem Teppich. Passt schon. Ein Smart-Pendler wie ich muss sein Glück ja nicht überstrapazieren.

Kurz hinter meiner BAB-Anschlussstelle endet das Tempolimit. Heißt: Wenn ich Richtung Norden drauf fahre, darf sich der Jag völlig legal austoben. 4,2 Sekunden auf Tempo 100 versprechen die technischen Daten. Gefühlt sind es zweieinhalb. Geschenkt. So oder so kapierst du als Fahrer erst bei circa 120 Sachen, wie schnell du bereits bist. Dann fährt nämlich der Heckspoiler aus und grüßt im Rückspiegel.

Der F-TYPE R schiebt und schiebt und ...

Ich schenke dem Automatik-Bürzel einen Augenblick meine Aufmerksamkeit. Und verpasse, wie die Tachonadel mal eben die 200er-Marke vernascht. Als wäre es nix. Zack. Bamm. Bei 230 schaltet die himmlisch präzise arbeitende Automatik und treibt den Jag unbeirrt weiter. Bei 240 km/h mahnt das Gewissen: Denk an die Winterreifen, lass gut sein. Der Aufkleber wird mit Bedacht platziert worden sein. Reicht auch. Dass der F-Type R bis 300 km/h munter so weiter schiebt, steht nach dieser Performance außer Frage.

Ich atme laut durch, lasse den Jag kurz verschnaufen. Freie Bahn, wenig Verkehr, bestes Wetter. Im Augenwinkel registriere ich den Fahrprogrammschalter auf der Mittelkonsole. So eine Art aufrecht stehender Kipphebel. Nach vorn aktiviert er den Winter-Modus (zum Beispiel Anfahren im 2. Gang), nach hinten das Dynamik-Programm.

Bedeutet unter anderem: Der Auspuffsound schwillt an, beim Gaswegnehmen bollert es noch ein bisschen lauter, und die Getriebekennlinie wird auf Attacke gebürstet. Muha-harr, jetzt geht der Spaß erst richtig los.

Oscar-reifer Soundtrack

Das Beeindruckendste an der Karacho-Attacke ist neben der unfassbaren Beschleunigung, die der V8-Kompressor vorlegt, die Souveränität, mit der er zu Werke geht. Und der jederzeit betörende Sound. Endlässig und vornehm zurückhaltend beim Dahingleiten, infernalisch beim Beschleunigen: Die Akustiker von Jaguar haben einen Oscar-reifen Soundtrack komponiert.

Mit jedem Tritt aufs Gaspedal – ach was, mit jedem Antippen – setzt der F-Type R eine berauschende Klangwolke. Spätestens beim zweiten Mal Starten gibt das Grollen und Bollern und Spotzen dieses Überfliegers selbst automobilen Leisetretern ein gutes Gefühl. Irgendwie nett, wenn alle gucken, und die meisten davon hochachtungsvoll. Ist man als Smart-Fahrer ja nicht gewohnt.

Schwanengesang, 14 Tage später

Er ist weg. Sie haben ihn abgeholt. Und jetzt? Nach 14 Tagen und einigen hundert Kilometern auf der Überholspur ist klar, frei nach Loriot: Ein Leben ohne Jaguar F-Type R ist denkbar, aber nicht erstrebenswert.

Und, nein: Um zu dieser Feststellung zu gelangen, habe ich weder vor mir fahrende Autos bedrängelt, noch genötigt. Fortbewegungsmittel mit derart souveräner Leistung machen demütig. Wozu auffahren, wenn Dich der Tritt aufs Gaspedal an den Horizont beamen würde? Nötigen ist was für die anderen. Für die, bei denen bei 250 km/h die Elektronik eingreift.

Autos, bei denen das nicht passiert, zeigt die Bildergalerie.

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Text: Ralf Bielefeldt