Parkassistenten als Unfallursache

Autofahrer sind von Technik überfordert

Erst „Piep!“, dann „Knirsch!“

Es kracht, knirscht oder knackt rund 1000mal pro Tag auf Deutschlands Parkplätzen, wenn ein Autofahrer irgendwo gegenfährt. Peinlich, noch dazu rätselhaft: Obwohl immer mehr Autos mit elektronischen Parkassistenten aufgerüstet sind, nimmt die Zahl dieser Unfälle zu. Woran liegt es?

19. Mai 2015

Autofahren in Deutschland wird immer sicherer. Eigentlich. Denn es gibt eine seltsame Ausnahme: In den letzten zehn Jahren haben Park- und Rangierunfälle hierzulande um ein Drittel zugenommen. Besonders kritisch ist dabei das Rangieren und Ausparken: 84% der Schäden entstanden dabei.

Gemeinsam mit dem Automobilzulieferer Continental hat das Allianz Zentrums für Technik (AZT) mehrere tausend solcher Fälle untersucht. „Der Anteil von Park-Unfällen bei den Sachschäden im Kraft-Haftpflicht-Bereich beträgt 44 Prozent, bei Kollisionen in der Vollkasko 39 Prozent“, sagt Rüdiger Hackhausen, Leiter Schaden bei der Allianz Versicherungs-AG.

Wir sprechen hier von mehr als tausend Unfällen pro Tag, mit durchschnittlichen Schadenssummen von jeweils knapp 2.000 Euro. Wie kann das sein, wo doch immer mehr Autos mit Einpark-Assistenten, umgangssprachlich auch als Parkpiepser bezeichnet, ausgestattet sind?

 

 
 

 

Autofahrer ignorieren das Piepsen

Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang, hat die Allianz ermittelt: Sicherheitstechnik wirkt häufig gegenteilig, sie hat in den vergangenen Jahren viele Unfälle mit verursacht. Das betrifft vor allem die Parkpiepser, die eigentlich vor dem Rammen eines Pfeilers oder nebenan parkenden Fahrzeugen warnen sollen.

Eine ergänzende Studie des Versicherungskonzerns zeigte nämlich, dass optische oder akustische Warnsignale zu spät kommen oder im Stress, der Rückwärtsfahren für die meisten nun mal bedeutet, nicht wahrgenommen werden. Doch viele Autofahrer überhören die Piepser sogar ganz bewusst. Verkehrspsychologen nennen das „Risikokompensation“.

Das gab es schon einmal. Als in den 80er-Jahren langsam das Antiblockiersystem Einzug in die Autos hielt, versprachen sich alle eine Erhöhung der Fahrsicherheit. Logisch: Schließlich konnte ABS den Bremsweg bei schwierigen Fahrbahnzuständen entscheidend verkürzen, zudem blieb das Auto immer steuerbar.

Blind auf die Technik verlassen

Doch da hatten die Ingenieure die Rechnung ohne die Fahrer gemacht. Im Vertrauen auf die Technik gingen die Lenker am Steuer immer höhere Risiken ein. Mit der Folge, dass Autos mit ABS häufiger, nicht seltener in Unfälle verwickelt waren. Erst später, als der Fahrer das ABS durch seine zunehmende Verbreitung wieder „vergaß“, sanken zumindest auf Schnee die Unfälle.

Perfekt sind die Parkpiepser sowieso nicht. Die Allianz-Untersuchung zeigte, dass die in vielen Autos gegenwärtig eingebauten Einparkhilfen mit Warnfunktionen nur begrenzt geeignet sind, Park- und Rangierunfälle zu vermeiden.

Denn viele Hindernisse übersehen die Sensoren, weil die Fahrzeugseiten überhaupt nicht überwacht werden. Doch in der irrigen Annahme, die Technik sei ja da, verlassen sich viele Autofahrer buchstäblich „blind“ darauf.

Senioren verletzen Senioren

Die meisten der unfreiwilligen Parkplatz-Chaoten sind ältere Verkehrsteilnehmer ab 65 Jahren: Sie verursachen anteilsmäßig ein Drittel mehr Park- und Rangierschäden als 25 bis 64-Jährige.

Leider bleibt es oft nicht bei Sachschäden: Beim Rangieren, Ein- und Ausparken kommt es immer wieder zu Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern, die dabei teils schwerwiegend verletzt werden. Besonders auffällig ist, dass diese Unfälle laut Studie von den Autofahrern ausschließlich beim Rückwärtsfahren verursacht wurden.

Und zumeist erwischten sie dabei ältere Menschen: 60 Prozent der Unfallopfer zu Fuß oder auf dem Rad waren ebenfalls Senioren.

Parkplätze wachsen nicht mit

Für den hohen Anteil älterer Unfallverursacher hat die Studie eine einfach Erklärung gefunden: Im Alter lassen Reaktionsvermögen, körperliche Gelenkigkeit (also auch die Fähigkeit zum schnellen Schulterblick) und Sinnesorgane allgemein nach. Parallel zu diesem Rückgang gibt es aber auch Wachstum: bei den Autos. Insbesondere SUV und Großraumlimousinen wurden in den vergangenen zehn Jahren immer gewaltiger.

Was hingegen beharrlich nicht wuchs, war das vorhandene Parkvolumen: Die Abstellfläche für einen Pkw misst seit Jahrzehnten im Durchschnitt 5,00 mal 2,30 Meter. Unwahrscheinlich, dass das mehr wird. In den 1980er-Jahren, als der VW Golf I lediglich 1,63 Meter breit war, blieben also beim Rangieren rechts und links jeweils rund 28 Zentimeter.

Heute ist der Golf VII, längst nicht das größte Auto auf dem Markt, bereits 1,79 Meter breit. Er überragt den Urahn mit 4,25 Meter Länge sogar um 0,92 Meter. Der Raum zum Rangieren schwindet also, noch dazu in alle Richtungen.

Erst perfekte Technik dreht den Trend

Mit anderen Worten: Es wird knapp in Deutschland, immer öfter zu knapp. Dazu passt, dass an diesen Unfällen überproportional häufig SUV und Vans beteiligt sind. Sie verursachen 30% häufiger solche Crashs als Klein- oder Kompaktwagen.

Erschweren kommt hinzu, dass sich das Design der Fahrzeuge in den zurückliegenden Jahren stark wandelte. Aus aerodynamischen, aber vor allem stilistischen Gründen hat sich die Rundumsicht der Autos in den letzten Jahren stark verschlechtert. In modernen Personenwagen kann man das vordere Ende des Wagen über die Motorhaube kaum erahnen, nach hinten durch schlitzartige Rückfenster erst recht nicht.

Dieser Trend wird wohl nicht umzukehren sein. Das Problem dürfte also noch zunehmen – so lange, bis Autos „klug“ genug sind, den Fahrer vom Parken komplett auszuschließen. „Erst intelligente Fahrerassistenzsysteme wie automatisierte Parkhilfen und autonome Notbremssysteme für Rangiervorgänge werden künftig das Risiko deutlich minimieren helfen“, sagt Wolfgang Fey, Leiter des Segments Surround View im Geschäftsbereich Fahrerassistenzsysteme bei Continental. Ob wir wollen oder nicht.

Mehr Info über die Gefahren beim Einparken – und die voll automatisierte Zukunft – sehen Sie in der Bildergalerie.

Text: Portal-Manufaktur / Stephan Hellmund; Roland Wildberg