Gebrauchtwagen für unter 1000 Euro

So billig kann Autofahren sein

Ein Auto, mehr nicht

Mobilität jenseits der Eitelkeit: Wer nicht zwingend ein Status-Symbol braucht, sondern nur billig & bequem von A nach B kommen will, nimmt einen „Altwagen“. So beschreibt ein kundiger Buchautor alte Gebrauchtwagen, die auch nach 20 Jahren noch ein empfehlenswerter Kauf sind.

17. März 2015

Auf dem Genfer Autosalon war sie mal wieder prima zu beobachten: Die Inszenierung des Autos als Accessoire, als Must-have und Status-Symbol, das die eigene Person & Persönlichkeit überhaupt erst zur Geltung kommen lässt.

altwagen_19_cover

Dabei wird leicht vergessen, dass Autos auch einen ganz praktischen Zweck haben: als Fortbewegungsmittel! Und dazu müssen sie nicht mal schön aussehen. Sondern nur funktionieren.

„Das tun 20 Jahre alte Gebrauchtwagen auch“, sagt Ingenieur Matthias Knippel. Er hat viele davon besessen und kennt daher ihre Vorzüge wie Macken aus eigenem Erleben.

Sein Buch „Altwagen“ listet die gängigsten Modelle auf und vermittelt nebenbei noch grundlegendes Autowissen.

 

 
 

 

Altwagen: Technisch gar nicht so alt

Selbst 25 Jahre alte Autos sind heute nicht mehr alt, so sein provokatives Statement. „Die Fahrzeugtechnik war Ende der 1980er-Jahre schon sehr weit“, stellt Knippel fest, und fügt hinzu: „Alle grundlegenden Dinge, die Autos sicher, haltbar und komfortabel machen, waren damals schon erfunden.“

Dazu gehören zum Beispiel guter Rostschutz, aber auch Knautschzone und Scheibenbremsen. "Die Autogeneration der 1990er-Jahre ist in Sachen Qualität und Technik überhaupt nicht mehr vergleichbar mit dem, was 20 Jahre zuvor vom Band gelaufen war."

In seinem Buch weist Knippel anhand von Grafiken nach, wann die entscheidenden Fortschritte auf diesem Gebiet stattfanden. Spätestens Mitte der 1980er-Jahre, so zeigt die Statistik, ging zum Beispiel das Rostproblem drastisch zurück.

Verbrauch kaum höher als heute

Auch beim Spritverbrauch stehen viele Altwagen modernen Konstruktionen kaum nach: Knippel zeigt, dass die Motorentechnik offenbar seitdem keine wirklich großen Fortschritte mehr gemacht hat. „Wenn wir Benziner der 90er kaufen, verpassen wir nicht viel.“

Nur sehr junge Fahrzeuge seien spürbar sparsamer, doch dies wirke sich – etwa bei Hybridantrieb, Benzin-Direkteinspritzung und der Start-Stopp-Technologie – vor allem im Kurzstreckenbereich aus.

Wichtig dabei: Ein direkter Vergleich der offiziellen Verbrauchsangaben damaliger und heutiger Autos ist nicht möglich, weil zwischenzeitlich das Messverfahren geändert wurde – ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt... Und gerade die aktuelle NEFZ-Norm ist alles andere als zuverlässig; der Realverbrauch bei modernen Autos liegt mitunter bis zu 25% höher.

Diesel sind keine Option

Ein Problem vieler Altwagen stellen für Knippel die damals gebauten Dieselfahrzeuge dar: Sie emittieren viel Ruß und Stickoxide, weil Diesel-Katalysatoren und Partikelfilter für die meisten Modelle nicht angeboten wurden. Eine grüne Plakette ist für sie unerreichbar.

Auch heute gibt es für die meisten 1990er-Jahrgänge mit Diesel keine Abgasreinigung zum Nachrüsten. Deshalb rät der Autor von „Altwagen“ grundsätzlich vom Altwagen mit Diesel ab, so verlockend der niedrige Verbrauch diese Variante auch erscheinen lässt. Man sollte dabei vor allem bedenken, dass durch die hohe Steuer der Betrieb stark verteuert wird, so dass alte Diesel nur bei hoher Fahrleistung wirtschaftlich sind. Das führt dazu, dass die noch existierenden Altwagen mit Dieselmotor in der Regel schon stark verschlissen sind.

Knippel ergänzt: „Es ist auch ein guter Beitrag zum Umweltschutz, keinen Altwagen mit Diesel zu fahren.“ Nur bei Bussen hat der Autor auch Dieselmodelle aufgenommen, weil es hier kaum Alternativen gibt.

Sicherheit schon auf hohem Niveau

1970 kamen auf deutschen Straßen mehr als 19.000 Menschen ums Leben, heute sind es weniger als 3500 pro Jahr – und das trotz höherer Verkehrsdichte und gewachsenem Straßennetz. Der technische Fortschritt ist dafür nur teilweise verantwortlich; hinzu kommen Tempolimits, Fortschritte in der Rettungsmedizin, die stärkte Ahndung von Alkohol am Steuer und überraschende Faktoren wie die viel geringere Zahl an spielenden Kindern auf der Straße.

Es lässt sich also schwer darstellen, um wie viel unsicherer Altwagen gegenüber modernen Autos sind. Gehen Käufer also ein hohes Risiko ein, wenn sie Technik von 1990 kaufen? Airbags gab es allenfalls für die Fahrerseite, aber auch nur in Oberklasse-Modellen.

Hingegen waren bereits vielfach ABS (im VW Golf II ab 1987 als Zusatzausstattung verfügbar),  Sicherheitszelle, Sicherheitslenksäule, crashtestgeprüfte Karosserien, angepasste Windschutzscheiben und Armaturenborde etc. So zeigt eine aktuelle Abfrage bei mobile.de, dass von rund 120.000 Pkw aus den Baujahren 1985-2000 immerhin knapp zwei Drittel über ABS verfügen.

Hohe Laufleistung kann Vorteil sein

Bemerkenswert ist auch ein Tipp für den Kauf von Altwagen: Knippel ermutigt dazu, Autos mit 200.000 oder mehr Kilometern Laufleistung zu kaufen! Er begründet diese These mit dem problematischen Reparaturverhalten vieler Eigentümer alter Autos: Vorbesitzer verkaufen das Auto zumeist vor der so genannten „Midlife-Crisis“.

Die Midlife-Crisis bei Autos meint den Zeitpunkt, an dem viele teure Bauteile wie Lichtmaschine oder Kupplung ausfallen und erneuert werden müssen. Das ist erfahrungsgemäß nach 170.000 bis 200.000 km so weit. Um sich diesen Reparaturaufwand zu sparen, stoßen viele ihren Wagen mit einem Kilometerstand von um 150.000 km ab.

Hier drohen schon nach wenigen hundert oder auch tausend Kilometern teure Reparaturen. Knippel meint: „Ein durchrepariertes Auto mit 220.000 km ist oft ein guter Kauf, zumal die hohe Laufleistung viele Käufer abschreckt und diese Wagen daher günstig zu haben sind.“ Aber kann man sich sicher sein, dass diese Kilometerfresser nicht schon nach kurzem auseinander fallen? Eine Garantie gibt es natürlich nicht, aber Knippel sagt: „300.000 km und mehr sind heute im Regelfall ohne große Motorrevision erreichbar .“

KM-Stand allein wenig aussagekräftig

Voraussetzung für einen Kauf ist also, dass die zahlreichen Reparaturen der „Midlife-Crisis“ belegt werden können. Wobei die Gefahr, an einen Betrüger zu geraten, in dieser Fahrzeugklasse gering sei: Dafür ist der Altwagen-Markt, in dem es um 500 bis 2.000 Euro Umsatz geht, nicht profitabel genug.

Die Gefahr von Tachomanipulation hält der Autor dagegen auch jenseits der 200.000 Kilometer Laufleistung für gegeben. „Oft liegt die Manipulation Jahrzehnte zurück, so dass es ohnehin nicht mehr nachweisbar ist, wann und von wem sie stammt.“ Daher ist es für Käufer von Altwagen essentiell wichtig, entweder etwas über das Vorleben des Autos vom Vorbesitzer zu erfahren (Pflege, Vorreparaturen, eventuell sogar Fahrweise), oder durch Werkstattrechnungen, Prüfberichte etc. ein Vorleben zu rekonstruieren.

Allerdings: „Ganz so wichtig ist die nackte Laufleistung ohne hin nicht.“ Auch ein Auto mit nur 100.000 km kann stark verschlissen sein, wenn der Motor viele Kaltstarts, Kurzstreckenfahrten und zu selten gewechseltes Öl erleiden musste. Der allgemeine Pflegezustand sowie gutes Laufverhalten und keinerlei auffällige Geräusche sagt also eventuell viel mehr aus als die Laufleistung.

Wo sollte man Altwagen kaufen?

Knippel gibt zwei Tipps, wo der Käufer gute Chancen hat, einen guten Altwagen zu erstehen:

  • Kauf von Privat: In der Regel werden Altwagen von privat verkauft, was in der Zulassungsbescheinigung durch entsprechend lange Haltedauer klar erkenntlich ist. Hier sollte darauf geachtet werden, dass das Auto angemeldet (für eine Probefahrt) ist und eine gültige HU hat – so können Sie sichergehen, dass die wichtigsten Baugruppen funktionieren.
  • Zurechtgemachte Altwagen: Viele Kfz-Mechaniker nutzen eine Nebeneinnahmequelle, indem sie regelmäßig alte Autos für die HU „zurechtmachen“. Diese kundigen Bastler kennen sich mit dem konkreten Modell oft gut aus und wissen um dessen Schwachpunkte. Da sie günstig arbeiten, kann man beim Kauf durchaus Reparaturkosten sparen. Oft werden solche Fahrzeuge mit seltsamen Begründungen angeboten, etwa Freundin oder Schwester „kam nicht damit zurecht“ etc. – das soll erklären, warum der Wagen nur kurzzeitig im Besitz des Anbieters war. Damit soll verschleiert werden, dass es sich um Schwarzarbeit handelt. Aber das ist nicht das Problem des Käufers.

 

Auch Sportwagen sind enthalten

Knippels Buch ist ein echter Ratgeber: Er führt gründlich in das Thema ein, beschreibt die Autoentwicklung der letzten 30 Jahre, argumentiert sachlich und spart auch die vielen kleine und großen Probleme beim Altwagenkauf nicht aus. Konkrete Empfehlungen gibt er kaum; wohl aber zahlreiche Tipps und Entscheidungshilfen.

Knippels Expertise ist – neben einem Ingenieursstudium – seine langjährige eigene Erfahrung mit zahlreichen Altwagen: „Ich wechsle einfach gern“, sagt er von sich. Dass er sich auskennt, ist insbesondere dem Technikteil anzumerken. Hier wird auch klar: Es hilft, wenn sich der Leser etwas mit Autos auskennt, um aus „Altwagen“ den optimalen Nutzen ziehen zu können.

Im Hauptteil selbst stellt Matthias Knippel auf 170 Seiten die 82 gängigsten Altwagen vor. Das sind nicht nur vernünftige Klein- und Kompaktwagen, sondern auch Sportwagen wie der Porsche 928 oder Roadster wie der Mazda MX-5. Denn auch für diese Typen trifft es zu: Sie sind billig – im Vergleich zu modernen Autos ihrer Art.

Die besten Altwagen – und was sie kosten – sehen Sie in der Bildergalerie.

Text: Roland Wildberg