Wer sicher fährt, erhält Rabatt

Versicherung überwacht den Fahrstil

Big Brother an Bord

Autoversicherungen schauen ihren Kunden jetzt über die Schulter: Die neuen Telematik-Tarife funktionieren per digitaler App. Wer ihn wählt, muss sich überwachen lassen. Guter Fahrstil bringt bis zu 40 Prozent Rabatt. Doch was ist „gut“? Wir haben es ausprobiert

 
 
28. Oktober 2015

Auf dem Versicherungsmarkt bahnt sich eine kleine Revolution an: Anstatt Autofahrer wie bisher nur in Schadenfreiheitsklassen und Viel- bzw. Wenigfahrer einzuteilen und auf dieser Basis ihre Versicherungs-Prämien zu berechnen, haben einige Versicherer jetzt die Telematik entdeckt.

Das Konzept: Wer sich freiwillig beim Fahren beobachten lässt, erhält einen Rabatt. Natürlich funktioniert das nicht per Mitfahrer oder Videokamera. Der kleine „Big Brother“, der den Fahrstil des Versicherungsnehmers aufzeichnet, ist ein digitaler Datenspeicher, den man nach Abschluss des Telematik-Tarifs vom Versicherer erhält.

Wie funktioniert das? Wie viel lässt sich damit einsparen? Und für wen eignet sich das neue Tarifmodell? mobile.de hat einen Selbstversuch gemacht.

Gläsern gegenüber der Versicherung

Ein seltsamer Gedanke: Ich lasse mich freiwillig überwachen, bei jeder Fahrt, in jeder Sekunde. Der Versicherung gegenüber mache ich mich nackt, zumindest auf der Straße. Jedes ruppige Gasgeben, jedes starke Abbremsen dürfte also zu einer Abwertung führen. Will ich das wirklich?

Ich bin 52 Jahre alt, habe also meine wilde Autofahrer-Ära hinter mir. Auch mein Auto, ein 75 PS starker Renault Twingo vom Baujahr 2012, hat ein eher zurückhaltendes Temperament. Also kein Grund zur Befürchtung, dass bei jedem Ampelstart die Reifen quietschen und in jeder Kurve die Türgriffe am Boden schaben.

Mein Gegenüber ist die Versicherung sijox, eine Tochter des Versicherers Signal Iduna, die sich vorwiegend an junge Fahrer bis 30 Jahre richtet. Hier sieht die Branche auch das Potenzial der Telematik-Tarife. Die 18- bis 30jährigen Autofahrer, insbesondere die männlichen, sind die größte Risikogruppe.

Telematik-Tarif ist Wettbewerb

Durch die halsbrecherische Fahrweise einiger leidet aber die gesamte Altergruppe: Bis zu 250% des Einstiegstarifs müssen junge Fahrer zahlen. Das Angebot der Telematik-Versicherer: Lass Deinen Stil bewerten und spare einen erheblichen Teil der Prämie.

Natürlich ist das Produkt „AppDrive“ von sijox und ähnliche von VHV, S-Direkt und Axa nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit entstanden: Auf einem umkämpften Markt geht es vor allem darum, der Konkurrenz Kunden abzujagen – und der Kfz-Versicherungsmarkt ist so umkämpft, dass die Tarife seit Jahren kaum erhöht werden konnten.

Doch werden junge Leute diese Angebote nutzen und sich freiwillig beaufsichtigen lassen?

Gemessen wird weder Hupe noch Gestik

Der Schritt in die Überwachung hat so gar nichts mit George Orwells düsterer Zukunftsvision aus seinem Roman „1984“ zu tun: Ich bekommt Post. Ein gepolsterter Umschlag enthält eine kurze Bedienungsanleitung und einen TomTom Link 100-Stecker. Dieser Stecker wird mit der Diagnose-Schnittstelle (OBD) meines Twingo verbunden. Die finde ich innerhalb von zwei Minuten im Handschuhfach, Stecker montieren, fertig.

Jetzt noch die App auf das Smartphone herunterladen, registrieren, und los kann es gehen. Die ersten beiden Fahrten können meine Neugier nicht befriedigen. Die App teilt mir auf Anfrage mit, dass sie noch nicht über genügend Daten verfüge, um meinen Fahrstil zu bewerten.

Was überhaupt wird bewertet? Zum Glück nicht, wie oft ich die Hupe betätige. Es gibt auch keine Kamera, die registriert, wem ich einen Vogel zeige oder wem ich auf dem Bürgersteig hinterherschaue. Gemessen wird die Beschleunigung, die Intensität des Bremsens und das Tempo, mit dem ich durch die Kurven ziehe.

Immerhin: Ich habe Potenzial

Denn darum geht es: Je nach Fahrweise erhalte ich meinen persönlichen Score, der im besten Fall bei 100 liegt und mir bei einem angenommenen Versicherungstarif von 1.000 Euro im Jahr eine maximale Ersparnis von 400 Euro garantiert.

Nach den beiden kurzen Stadtfahrten ergibt sich die Gelegenheit, die Datenmenge mit einem Schlag zu vergrößern. Von Hamburg nach Düsseldorf und am gleichen Tag zurück, insgesamt 802 Kilometer. Und wie das so ist, wenn man mit einem nicht überreichlich motorisierten Auto schnellstmöglich ankommen will: Nur nicht den Schwung verlieren, heißt die Devise, aber das zieht auch einige Bremsmanöver nach sich.

Was die App natürlich registriert, und mir am Ende der Fahrt ein alarmierend rotes Display zu zeigen(siehe Bildergalerie). Nicht wirklich toll, das sieht man auch aus den Augenwinkeln. Immerhin: „Da geht noch was“, ermutigt mich die Software. Ich scheint also noch Potenzial zu haben, trotz meines hohen Alters...

Müde: Nur 50 von 1.000 Euro gespart

Das Endergebnis: Bei meinem eher müden Score von insgesamt 59 beträgt meine theoretische Ersparnis nach rund 3.500 Testkilometern nur 50 Euro von 1.000. Das jedoch kann ich nachvollziehen. Mein Fahrstil ist zeitweise eher ruppig, das hat die sijox-App schon nachvollziehbar erkannt (sie hätte auch meine Freundin fragen können, das hätte Zeit gespart).

Hätte ich meinen Zweitwagen mit über 300 PS für den Test ausgewählt, wäre ich wohl noch schlechter gewesen. Aber der hat noch keine OBD-Steckdose. Abgesehen davon, dass sein horrender Verbrauch mich bei dieser Langzeit-Studie ruiniert hätte. Der Fahrstil jedoch würde sich ändern, wenn es bei mir wirklich um Geld gegangen wäre. Bei 1.000 Euro Jahresprämie ließen sich bei sijox mit einem appgerechten Fahrstil satte 400 Euro pro Jahr sparen – das ist ein schlüssiges Argument.

Natürlich lohnt es sich grundsätzlich für Gesellschaft und Umwelt, denn rasantes Fahren verschleudert unnötige Energie, und jeder Verkehrsunfall weniger durch die Telematik-Tarife erspart unnötiges Leid. sijox-Sprecher John-Sebastian Komander: „Wenn alle etwas bewusster fahren, brauchen wir weniger Schäden zu begleichen. So haben wir alle etwas davon“. Und vor allem haben sijox und Mitbewerber vielleicht bald ein paar Kunden mehr (und die anderen ein paar weniger, das alte Spiel).

Zielgruppe scheint Datenschutz egal

Und wie steht es mit dem Gefühl des „Überwachtseins“, der ständigen Kontrolle wie bei der trashigen TV-Sendung Big Brother? Es verliert sich nahezu sofort. Dazu trägt natürlich bei, dass die App nach Angaben von sijox den deutschen Datenschutzbestimmungen entspricht.

Der Vorstandvorsitzende der sijox-Mutter Signal Iduna, Ulrich Leitermann: „Uns interessiert der unfallfreie Fahrer, nicht der gläserne“. Bei sijox würden nur drei Paramater aufgezeichnet: Kurvenkraft, Bremsen und Beschleunigung. Aber keinerlei GPS-Daten. sijox wisse daher, wie der Fahrer sein Fahrzeug bewege, nicht aber wo er das tue. Ein Bewegungsprofil aus den drei Parametern herzustellen, sei daher gar nicht möglich.

Diese Daten werden vom Dienstleister Akquinet aufbereitet und gespeichert. Die von sijox angesprochene junge Zielgruppe dürfte da wenig empfindlich sein: Wer bei Facebook & Co. unterwegs ist, sollte mit dem Datenschutz eher geringe Probleme haben. Das sehen die Versicherer offenbar auch so: Auf der sijox-Website steht über Datenschutz einfach nichts. Das Thema wird totgeschwiegen.

ADAC warnt vor Datenspeicherung

Wer den Tarif nutzt, sollte sich auch in anderer Hinsicht gewiss sein: Die Daten bleiben bis auf Weiteres gespeichert – und können auch von interessierten Dritten genutzt werden, z..B. der Polizei.

Darauf weist der ADAC hin: „Kunden sollten explizit darüber aufgeklärt werden, dass eine Nutzung ihrer Daten bei gravierenden Verstößen unter Umständen zum Verlust des Versicherungsschutzes führen sowie von Strafverfolgungsbehörden als Beweismittel angefordert werden kann“, sagt ADAC-Sprecher Jochen Oesterle. Dabei sollte nicht übersehen werden: Der ADAC bietet selbst Autoversicherungen an und arbeitet an eigenen Telematik-Tarifen.

Und natürlich kann die Datenspeicherung auch für den Autofahrer selbst von Vorteil sein: Steht nach einem Unfall Aussage gegen Aussage, würden die Daten der App wohl auch zur Entlastung eines Beschuldigten beitragen.

Ohne Teilkasko läuft nichts

Wird es also nach diesem weitgehend positiven Fazit bald nur noch Tarife geben, die den tatsächlichen Fahrstil statt Kriterien wie Wohnort, Unfallschäden und Marke, Alter und Laufleistung des Autos sowie das Alter der Fahrer heranziehen? Eher unwahrscheinlich.

Sicher ist, dass auch große Versicherungen wie Allianz oder der Marktführer HUK-Coburg mit seinen 10 Millionen Versicherten an Telematik-Tarifen arbeiten und diese wahrscheinlich bereits im kommenden Jahr auf den Markt bringen.

Doch dass wir alle in naher Zukunft zu Telematik-Tarifen greifen und neben dem Geldbeutel unsere Fahrweise verbessern ist zu weit gegriffen, viel zu weit. Denn die bislang aktiven Versicherer nehmen nach wie vor die üblichen Kriterien der Versicherungsverträge als Grundlage und gewähren dann bei guter Führung Rabatt.

Telematik-Tarife sind nicht für alle da

Der Maximalrabatt beträgt bei sijox bis zu 40 Prozent, VHV liegt bei maximal 30 Prozent, S-Direkt gewährt 20 Prozent und Axa noch 15 Prozent. Dagegen stehen aber Aufwendungen: Die notwendigen Geräte verursachen öfters Kosten, die Spanne reicht von null Euro bei sijox und 6,99 jeden Monat bei der VHV.

83,88 Euro jährlich kostet das also bei der VHV und diesen Betrag muss man sich auf jeden Fall an Rabatt erfahren, damit man in den grünen Bereich kommt. Setzt man diese 83,88 Euro mit den maximal möglichen 30 Prozent Rabatt bei guter Fahrung gleich, muss die Mindestprämie also 335,52 Euro im Jahr betragen, damit man überhaupt sparen kann.

Und das Angebot der Telematik-Tarife gilt nicht für jeden Fahrer: Beispielsweise liegt die Altersgrenze bei der Axa-Direktversicherung bei 25 Jahren maximal, bei sijox wie erwähnt bei 30 Jahren.

Technik ist nicht immer mit an Bord

Und sicher ist auch: Es wird komplizierter bei der Wahl der Versicherung. Manche Versicherer wie Sparkassen-Direkt bewerten beispielsweise Autobahntouren oder Fahrten bei Nacht grundsätzlich als unsicher. Bedeutet: Ein Pendler im Schichtdienst hat gar keine Möglichkeit, einen vernünftigen Rabatt einzufahren.

Auch ist die Frage, ob die technischen Gegebenheiten für die Installation der Hardware (siehe Bildergalerie) passen. Mein zweites Auto stammt aus dem Baujahr 1992 – und hat gar keine Schnittstelle für den OBD-Anschluss. Diese Motorkontrolle ist in Europa für Benziner erst seit 2001 Pflicht, für Diesel seit 2004.

Ältere Autos können eine OBD-Schnittstelle haben, müssen aber nicht. Ohne die Schnittstelle entfällt jeder Telematik-Tarif für Fahrer dieser Old- und Youngtimer, obwohl diese ihre guten Stücke doch meist zurückhaltend bewegen und sich vielleicht über eine zusätzliche Rabattschraube freuen würden.

Mehr Sicherheit durch die Boxen

Nicht verschwiegen werden soll, dass die Boxen in den Fahrzeugen oft noch weitere, sehr sinnvolle Dienste einziehen lassen. Bei sijox ist eine kostenlose Pannenhilfe inklusive, die VHV-Box setzt bei einem Unfall automatisch einen Notruf ab oder ortet den Wagen im Falle eines Diebstahls.

Trotzdem gilt: Wer sich jetzt für einen Telematik-Tarif interessiert, dem steht eine Menge Recherche ins Haus. Bislang sieht es so aus, als ob sich diese Tarife entweder für junge Fahrer oder Besitzer von sehr teuren Autos lohnen.

Wie funktioniert der Telematik-Tarif? Weitere Details zum Fahren mit „Big Brother“ an Bord in der Bildergalerie.

Bisherige Anbieter eines Telematik-Tarifs:

 

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund