Vergessener Ort: Autodromo Terramar

Werden hier jemals wieder Rennwagen fahren?

Die graue Geisterbahn

Das Autodromo Terramar war Spaniens erste Grand-Prix-Strecke. Doch die einstige Hochgeschwindigkeits-Piste blieb nur kurz in Betrieb. Obwohl sie seit Jahrzehnten verlassen ist, sind Steilkurven und Boxengasse noch immer gut erhalten. Gut genug für einen kleinen Track-Test.

27. Mai 2015

Salvador Mora ist ganz in seinem Element. Als der graue Seat Leon mit Karacho durch die mächtige Steilkurve brettert, nimmt der 71jährige die Hand vom Lenkrad und zwitschert wie ein Vogel.

„Das geht alles ganz einfach“, strahlt der rüstige Senior, dann pfeift er fröhlich weiter. „Hier zu fahren, kommt dem Fliegen am nächsten“, schwärmt der alte Mann dann noch. Er bewegt die Hände wie Flügel. Nur gut, dass der flugtaugliche Spanier weiß, welche Geschwindigkeit die Kurvenkonstruktion verträgt.

Und wenn er es nicht weiß? Über 90 Jahre ist diese graue Geisterbahn alt, seit 50 Jahren wird hier nichts mehr getan. Wenn der Beton nachgibt, dann fliegen wir wirklich... Aber Runde für Runde spult Moras Seat ab, und die erste Angst weicht einem Gefühl von Triumph. 

 
 

Uralte Reifenspuren im Beton

Später parkt Mora das Auto sogar mitten auf einer der beiden riesigen schiefen Ebenen, die eine Kurve ist. Dank der Gummireifen bleibt es in den bis zu 60 Grad geneigten Betonbühnen wie angeklebt stehen. Wir klettern mühsam heraus und kraxeln an dem künstlichen Hang entlang. Ein paar Meter weiter zeigt Salvador Mora auf Reifenspuren, die sich in dem Asphalt der Steilkurve verewigt haben. „Das hier ist ein Dunlop und das da ein Michelin“, ruft der spanischer Spurenleser uns zu.

Die Abdrücke sind gewissermaßen prähistorisch: Sie stammen noch aus dem Eröffnungsrennen, dem 1. Großen Preis von Spanien, der am 28. Oktober 1923 ausgetragen wurde. Es war die erste und letzte Weltmeisterschaft von Terramar. Da der Asphalt der hastig fertiggestellten Rennstrecke zum Zeitpunkt des Starts noch nicht ganz durchgetrocknet war, hinterließen die Reifen ihr Profil im Untergrund. 

So überdauert dieses Zeugnis von tollkühnen Piloten in ihren knatternden Kisten die Zeiten. „Anfangs fuhren sie weit unten, dann trauten sie sich mehr zu und gaben Gas, so dass die Fliehkraft die Autos immer weiter nach oben klettern ließ“, erklärt Salvador Mora.

Sogar der spanische König war da

Der Brite Louise Zborowski bretterte beim Auftaktrennen seinerzeit mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,2 km/h über die Asphaltplatten und umrundete die zwei Kilometer lange Strecke in seiner schnellsten Runde in 45,8 Sekunden. Am Ende jedoch überquerte der Franzose Albert Divo vor den Augen des spanischen Königs Alfons XIII., der den Kurs sogar höchstselbst eingeweiht hatte, als Erster die Ziellinie.

Ein strahlender Sieger, mehrere tausend begeisterte Zuschauer, eine für die damalige Zeit hoch moderne Rennpiste – eigentlich hätte für Terramar alles glatt gehen müssen. Doch eine Kleinigkeit haute nicht hin: Der Sieger ging leider leer aus.

Denn der Bauherr des Autodroms, ein reicher katalanischer Textilbaron, hatte schon bei der Finanzierung der Anlage ein wenig auf Kante genäht. Als der Grand Prix stattfand, war von zwei geplanten Tribünen erst eine fertig gestellt.

Steilkurven waren zu steil

Offenbar hatte die Leidenschaft für rasante Autorennen den kühlen Geschäftssinn von Francesc Armangué vollkommen übermannt: Als die Fahne sich erstmals für das Startfeld von Terramar senkte, war kein Geld mehr für eine Siegprämie übrig. Die Eintrittsgelder waren von erbosten Baufirmen gepfändet worden.

Die Reaktion von Divo, dem Sieger, ist nicht überliefert, doch sie dürfte ziemlich frostig gewesen sein. Auch die für damalige Zeit dramatisch steilen Kehren, die Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h ermöglichen, waren für die Piste kein gutes Aushängeschild: Die Rennfahrer sollen sich über die starke Neigung beschwert haben.

Zum Vergleich: Die legendäre Nordkurve der Berliner AVUS-Rennstrecke, 1937 gebaut, hatte nur eine Neigung von 43 Grad. Dennoch ereigneten sich dort mehrere tödliche Unfälle. Spätestens in den 1960er-Jahren galten Steilkurven als zu gefährlich für den Rennsport. Tatsache ist: In Sitges fand niemals mehr ein Grand Prix für Rennwagen statt. Und Armangués Firma war schon Ende der 1920er-Jahre pleite gegangen.

Rennstrecke gerät in Vergessenheit

Die Anlage, die den damals beachtlichen Preis von vier Millionen Peseten kostete, hat bis heute überlebt. In der ehemaligen Tribüne wohnt derzeit der Hausmeister. Die Piste wurde 2003 wieder für kommerzielle Veranstaltungen freigegeben. Seitdem finden hier unregelmäßig PR-Veranstaltungen statt. Die beste Rundenzeit, aufgestellt 1923 von Louis Zborowski, konnte erst 2012 der spanische Rallye-Fahrer Carlos Sainz in einem Audi R8 LMS unterbieten.

Nach dem Bankrott der erste Eigentümer ging die Strecke an den tschechischen Rennfahrer Edgar Morawitz. Der versuchte, den ramponierten Ruf von Terramar durch nationale Wettfahrten wieder herzustellen. Sogar einen Motorrad-Grand-Prix organisierte er. Doch es nützte nichts, nach dem spanischen Bürgerkrieg schliefen die Aktivitäten auf dem Ring endgültig ein. Das letzte offizielle Rennen fand 1955 statt.

Heute ist von dem Glanz der vergangenen Jahre nicht mehr viel übrig. Der Ring wirkt wie eine Geisterbahn. Die Tribünen sind verwaist und Gebäude-Ruinen stehen wie Gerippe eines Riesen-Dinosauriers inmitten der mediterranen Landschaft nahe dem verschlafenen Städtchen Sant Pere de Ribes. Rostige Stahlträger, Risse in den Wänden der Gebäude und Löcher im Straßenbelag verleihen dem Gepräge einen morbiden Charme.

Hühnerfarm zwischen der Piste

Lange Jahre war hier nicht das Röhren von Motoren, sondern nur das Gackern der Hühner zu hören: Die neuen Besitzer verwandelten das Autodromo Terramar in eine Farm. 250.000 Hühner pickten zwischen Boxengasse und Start-Ziel-Linie.

Aus den Boxen wurden Pferdeställe, und unter den Tribünen entstand eine Tierfutter-Produktion und der Asphalt, über den vor kurzen noch Rennwagen gerast waren, wurde genutzt, um Stroh zu trocknen und Futterreste aufzubewahren.

„Es sah aus, wie eine große Müllhalde. Aber diese Schutzschicht hat die Strecke vor dem Zerfall geschützt“, erzählt Salvador Mora, der als Direktor eine Initiative unterstützt, um das Oval wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.

Ein Ort für Oldtimer-Rennen

In Zukunft sollen hier wieder Oldtimer-Rennen stattfinden und ein Automobil-Museum entstehen, hofft der Freundeskreis. In der Mitte des Ovals steht übrigens ein weiterer Anachronismus: ein Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert, zu besten Zeiten als Heimstätte des Motorsportclubs genutzt, heute bewohnt von der Eigentümerin mit ihren zwei Möpsen Pushkin und Shiva. Führungen durch Terramar finden sporadisch auf Spanisch statt, nach Anmeldung per E-Mail.

Ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen der geisterhaften Atmosphäre – man hat auch gute Chancen, den überaus lebendigen Salvador Mora zu treffen, der vielleicht wieder einmal seinen Seat über die Steilkurve prügelt.

Der Genannte lächelt schelmisch und erzählt, dass er mit Freunden oft hier gefahren ist und mit einem allradgetriebenen Porsche einmal sogar die 230-km/h-Marke geknackt hat. Die Rundenzeit verrät der alte Herr aber nicht.

Mehr Impressionen aus Terramar in der Bildergalerie.

Text: Press-Inform / Wolfgang Gomoll