Motor-Monster: Honda NSX mit 573 PS

Neuzugang im 300-km/h-Club

Super, Sportwagen!

Der Honda NSX ist das neuste Mitglied im exklusiven Club der 300er. Und selbsternannter 911-Turbo-Jäger. Reicht es dafür? 

 
 
5. November 2015

Willkommen, Honda NSX, im exklusivsten Auto-Club der Welt – dem der 300-km/h-Supersportler. Honda NSX, haben wir das nicht schon irgendwann mal gehört? Richtig: Vor über 20 Jahren kam der erste Honda NSX, damals bereits ein Affront: Ein japanisches Supercar. Bis zu 270 km/h schnell. Und gut 145.000 D-Mark teuer.

Sechsstellig?! Für einen Japaner?! Das passte damals so gar nicht in die Köpfe der Supersportwagengemeinde. Dafür passte das Auto umso besser – auch wenn die selbsternannten superschnellen Superreichen fachkenntnisreich wetterten: „zu schwer“. 1.392 bis 1.460 Kilogramm. Ansichtssache, aus heutiger Sicht.

Der brandneue Nachfolger wiegt 1.725 kg. Und das ist tatsächlich schwer für ein Mitglied des elitären Clubs der „Ü300“, der mehr als 300 km/h schnellen Supersportwagen. Dort gilt man mit plus 1.500 kg als latent adipös. Aber dazu später mehr.

Nach Europa kommt der NSX nächsten Sommer

Ab Frühjahr 2016 wird der Honda NSX dieser Liga der ehrenwerten Gentlemen-Spielzeuge angehören. Dann rollt er in Anna, Ohio, für 180.000 US-Dollar (umgerechnet rund 163.000 Euro) vom Band. Als Honda NSX und als Acura NSX.

Links- und rechtsgelenkt und damit bereit für den Weltmarkt. Endlich, möchte man ausrufen. Seit 2012 drehte sich der NSX auf den Messetellern dieser Welt. Er stand in Detroit, Frankfurt, Tokyo.

Wie ein Maskottchen schleppte Honda seine Trailer-Queen von einer Auto-„It“-Metropole zur nächsten. Nun ist er tatsächlich leibhaftig da. Fahrbereit, statt einfach nur schön anzusehen.

Erste Testrunden zur Tokyo Motor Show

Das Warten hat sich gelohnt, darüber ist sich die internationale Fachpresse einig nach den ersten Testfahrten. Im Vorfeld der 44. Tokyo Motor Show durften ein paar erste Runden gedreht werden.

Nicht in freier Wildbahn, sondern auf dem Test-Oval von Honda in Tochigi, zwei Autostunden von Fukushima entfernt. Zudem gedrosselt auf 190 km/h, „aus Sicherheitsgründen“, wie es hieß: 573 PS Systemleistung, 307 km/h Spitze – das hatten die vorsichtigen Japaner dann wohl doch nicht jedem Tester zugetraut.

Und letztlich hergegeben hätte es der Steilwandkurs hinterm Entwicklungs- und Design-Center wohl auch nicht. Wäre doch zu schade gewesen um die beiden Testfahrzeuge in unschuldigem Weiß.

Im Supercar zum Supermarkt

Sei’s drum, für einen ersten Eindruck reichte es. Und der war: wow! „Everyday Supercar“ nennt Honda seinen Technologieträger, „Alltags-Supersportwagen“.

Das Supercar für die Fahrt zum Supermarkt. Passt. „Hoher Alltagsnutzen war uns extrem wichtig“, sagt Ted Klaus, Chefentwickler des NSX. Und meint damit: „Man kann mit dem Auto problemlos und sicher über 300 km/h fahren – oder komfortabel und lässig mit 50 durch die Stadt cruisen.“

Beides erledigt der neue Honda NSX völlig unaufgeregt. Ohne unnötigen Lärm, ohne affiges Gehabe. Das tut allen gut, denen jede Form von Angeberei fern und Understatement nahe liegt. So wie ihm.

Der Leisetreter im 300-km/h-Club

Überhaupt ist er der Leisetreter unter den Supersportwagen: Bis 90 km/h kann die Nippon-Hybridflunder rein elektrisch fahren, allerdings nicht besonders weit. Maximal zwei Kilometer, dann schaltet sich der V6-Biturbo-Benziner zu.

„Uns geht es hier nicht um E-Reichweite, sondern um die elektrische Leistung“, sagt Klaus. Ehrliche Ansage. Exakte Beschleunigungswerte hat Honda noch nicht preisgegeben, aber die Messlatte liegt hoch.

Erklärter Hauptkonkurrent ist der Porsche 911 Turbo S (560 PS). Insoweit gilt: Die 3 (Sekunden) muss stehen – vor dem Komma! Was der Porsche bringt und die anderen Mitglieder im 300-km/h-Club, zeigt die Bildergalerie.

Porsche-Killer mit Öko-Herz

Für Zahlenfreunde: 3,4 Sekunden braucht der Porsche 911 Turbo, 3,2 Sekunden der neue „kleine“ McLaren 570S (siehe Bildergalerie). Glatte drei Sekunden auf 100 müsste der NSX schaffen, sollte er in dieser Disziplin wirklich am 911 Turbo S vorbeiziehen. Der fliegt – 1.680 kg schwer und 197.041 Euro teuer – mit Sport Chrono Paket in 3,1 Sekunden durch die 100er-Marke. Klingt ob des NSX-Mehrgewichts etwas unrealistisch, aber nun.

Nach drei Runden auf dem Testoval von Tochigi lässt sich reinen Herzens konstatieren: Honda Supersportler geht dramatisch gut. Geradeaus und durch Kurven. Dafür sorgt der „Sport Hybrid Super Handling All-Wheel-Drive“ (SH-AWD), Hondas neuer Power-Allradantrieb. Hinter dem Fahrer röhrt – in bester Manier unter Glas – der neue DOHC-V6-Twinturbo-Motor mit 3,5 Liter Hubraum, 500 PS und 550 Nm und treibt die Hinterachse an.

Assistiert wird ihm von einem 9-Gang-Doppelkupplungstriebe und von insgesamt drei Elektromotoren, zwei davon sitzen in einem Gehäuse (Twinmotor) auf der Vorderachse und treiben je ein Vorderrad an. Macht in Summe zwei angetriebene Achsen und insgesamt 646 Nm Drehmoment (Systemleistung).

Twinmotor bringt extrem hohes Kurventempo

„Der Twinmotor ist noch effektiver als Torque Vectoring“, erklärt Ted Klaus das neue Vorderachs-Antriebskonzept. Während das Fahrerassistenzsystem Torque Vectoring die Räder in Kurven gezielt einbremst, treibt der Twinmotor sie gezielt an. Das Ergebnis: mehr Kurvenspeed durch selektives Beschleunigen statt Bremsen einzelner Räder.

Auch die übrigen Zutaten sind vom Feinsten: Die Karosserie besteht fast vollständig aus Aluminium, nur der vordere Dachbalken und Teile der NSX-typisch schmalen A-Säulen sind aus hochfestem Stahl. Vorne arbeitet im Stil von Lamborghini Huracan und BMW i8 eine aufwändige Doppelquerlenker-Radaufhängung.

Hinten kommt eine Multilenkerachse zum Einsatz. Die minimale Zugkraftunterbrechung beim Gangwechsel überbrücken die E-Motoren. Wie mit der Zwille abgefeuert, schießt der NSX souverän nach vorn.

Erster Supersportler von einer Designerin

Das Design überzeugt: scharfe Front, schmale Scheinwerfer, sanfte Keilform. Salopp gesagt: Der NSX sieht echt saugut aus. Die Maße: 4,47 Meter lang, 2,13 Meter breit (mit Spiegeln), 1,21 Meter hoch. Radstand: üppige 2,63 Meter. Vorn trägt der Honda NSX geschmiedete 19-Zoll-Aluräder, hinten sind sie eine Nummer größer (20’’).

Der Verbrauch soll „unter neun Liter“ liegen. Auf 100 km, oder eher auf 10? Nun ja: Das interessiert in dieser Leistungsliga eh nur Öko-Quartettspieler. Ein echter Stich hingegen: Der Honda NSX ist der erste Supersportwagen, den eine Frau entworfen hat. Michelle Christensen heißt sie.

Mehr dazu – und über die direkten Konkurrenten des Honda NSX – in der Bildergalerie.

Text: Ralf Bielefeldt