Wischen, wedeln, kommandieren

Bedienkonzepte der Zukunft

Viele bunte Icons

Das Auto von morgen gehorcht nicht nur aufs Wort, sondern auch auf Tipp- und Wischbefehle. In absehbarer Zeit werden wir am Steuer weniger lenken und mehr kommandieren – mit Gesten und Stimme. Das Smartphone macht es vor

3. Juni 2015

Mit ein paar spärlich illuminierten Schaltern für Heizung, Hupe und Radio ist es heute lange nicht mehr getan. Die Cockpits vieler Autos gleichen längst futuristischen Kommandozentralen, die einem typischen Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film der 1990er-Jahre in kaum etwas nachstehen.

Dass viele Autofahrer überfordert sind mit der oft komplizierten Bedienung des eigenen fahrbaren Untersatzes in Haupt- und Untermenüs, die über Lenkradtasten oder Touchbildschirme anzusteuern sind, scheint dabei niemanden zu stören.

Die größten Probleme für die Autohersteller sind dabei weder die kontinuierlich vergreisende Kundschaft noch eine kontinuierlich wachsende Zahl von Funktionen oder herausfordernde Innenraumdesigner, sondern die höchst unterschiedlich ausgeprägten Kulturen in der Welt. 

 
 

Bis zu 3.000 chinesische Schriftzeichen

In Asien sind berührungsempfindliche Bildschirme im Auto seit Jahr und Tag ganz normal. Navigation, Klimatisierung und die im Auto deutlich verbreiteteren Fernseher – in Ländern wie Japan oder mittlerweile auch China oder Thailand ist die Einstellung dieses Zubehörs per Touchscreen das probate Bedienmittel.

Zunehmend setzt sich jedoch auch hier – von Smartphones gelernt – die Bedienung per Sprachsteuerung durch. Doch als zunächst Audi und mittlerweile auch Hersteller wie BMW oder Mercedes Touchpads zur freien Eingabe von Schriftzeichen ins Auto brachten, wurden diese von der Kundschaft nicht derart gut angenommen wie erhofft.

Die speziell in Europa und bisweilen auch in den USA bevorzugten Dreh-Drück-Steller sind für Asien gerade für die Eingabe von Navigationszielen ungeeignet. Schließlich gibt es dort je nach Sprache bis zu 3.000 Schriftzeichen und ergänzend Probleme mit fehlenden Hausnummern, sodass die Navigation oft über die Telefonnummern angesteuert wird.

Sprache als Medium am besten geeignet

Da der Königsweg fehlt, geht BMW als erster Hersteller bei seinem neuen Topmodell 7er einen anderen Weg und bringt die verschiedenen Bedienmodule parallel nebeneinander ins Auto. Der Kunde kann dann zukünftig entscheiden, ob er die Befehle per Sprache, Touchcontroller, Dreh-Drück-Steller oder sogar per Geste eingeben kann. Das 7er wird weltweit das erste Auto mit einer Gestensteuerung sein – allerdings vorläufig nur als aufpreispflichtiges Extra.

Anfangs wird eine Kamera im Dachhimmel auch nur eine Handvoll Befehle erkennen: „lauter“ und „leiser“ für das Entertainment, das Blättern in Menüs oder die Annahme von einem Telefonanruf per Fingerzeig. Mit einer leicht wegwerfenden Geste kann der Anruf auch ins Nirwana geschickt werden. Die Bayern machen wie mit dem zunächst viel kritisierenden iDrive-Controller in der 7er-Generation des Modells E65 vor mehr als zehn Jahren den Anfang.

Mittlerweile ist das ebenso schnelle wie selbst erklärende iDrive-Bedienmodul das wohl beste Konzept auf dem Markt. Vorreiter sein ist das eine, doch allein der Kunde entscheidet. Und der wird sich weltweit auf ein einziges Bedienkonzept kaum formen lassen. Und um parallel zur Eingabe wichtiger Anweisungen weiterhin aufmerksam die Straße zu beobachten, scheint die Sprache als Medium zur Befehlsübermittlung doch am besten geeignet zu sein.

VW probiert es mit zwei Bildschirmen

Aber auch andere Hersteller setzen auf das Thema Gestensteuerung – vielleicht, weil es die Smartphone-Hersteller mit den „Wischern“ und anderen Fingerzeigen vor naheliegend vormachten? Volkswagen will die kontaktlose Bedienung 2017 / 2018 mit der nächsten Generation des Phaeton einführen. Mit seiner Studie, dem Golf R „Touch“, zeigte Volkswagen kürulich auf der Elektronikmesse CES Asia, wie diese technologische Zukunft aussehen könnte.

Im Golf Touch sind die klassischen Schalter im Armaturenbrett verschwunden. Zwei Bildschirme, die untereinander angeordnet sind – 12,8 Zoll und acht Zoll – sind die zentralen Bedieneinheiten, während das frei konfigurierbare Cockpit einen maßgeschneiderten Informationsfluss garantiert. Das Touchscreen-Erlebnis wird nicht das einzige bleiben.

Der Wolfsburger Autobauer wollen ebenso wie Vorreiter BMW in Zukunft wichtige Kommandos durch vordefinierte Gesten im Raum zwischen Lenkrad, Ganghebel und Display ausführen lassen, ohne dass die Finger einen Controller oder ein Touchpad berühren müssen. Ganz ähnlich laufen die Entwicklungen bei Toyota, Lexus, Mercedes oder Audi.

Volvo verzichtet ganz auf Schalter

Hand in Hand gehen die Bediensysteme der Zukunft mit neuen Hightech-Displays. Brilliant, äußerst scharf und nur wenig Bauraum im Fahrzeug einnehmend. Während Fahrzeuge wie der Audi TT oder ein Lamborghini Aventador überhaupt kein Display mehr in der Mittelkonsole haben, ging eine Studie wie beispielsweise die des Volvo Concept Estate noch weiter.

Die traditionelle Anordnung von Schaltern und Reglern ist wie beim Tesla Model S einem einzigen großen, tabletartigen Touchscreen gewichen. „Die Grundidee ist es, die Steuerelemente und Informationen vollkommen intuitiv und nutzerfreundlich anzuordnen“, erläutert Volvo-Chefdesigner Thomas Ingenlath.

Er glaubt, dass sich alles genau dort befindet, wo man es erwartet. „Das macht das Fahren noch angenehmer, effizienter und sicherer.“ Der Touchscreen ersetzt abgesehen von Lautstärke-Regler und den Schaltern für Warnblinker und Heckscheibenheizung alle weiteren Steuerungsinstrumente. Das System ist dabei auf die digitale Instrumentenanzeige im Blickfeld des Fahrers abgestimmt. Nur das Lenkrad wird nicht digitalisiert werden. Vorläufig.

Wie die Bedienung des Autos sich in Zukunft verändern wird, sehen Sie in der Bildergalerie.

Text: Press-Inform / Stefan Grundhoff