Tuning in Sibirien

Tuning in Sibirien

Pragmatismus statt Airbrush-Kunst

Tuning in der sibirsch-mongolischen Metropole Ulan-Ude steckt noch in den Kinderschuhen. Die Prämisse lautet für viele Autofahrer noch: erst praktische und technische Verbesserungen, dann erst optische.

23. Januar 2014

Die Gegend in der Gregoriew-Straße, nur wenige Minuten vom Stadtzentrum Ulan-Udes ist so ganz und gar nicht glamourös: Statt glitzernder Schaufenster und leuchtender Reklametafeln findet man hier staubgraue Gebäude, die sich an einer schmalen Straße entlang schlängeln.

Doch ein paar bunte Schilder mit kyrillischer Schrift, die um zwei Eingangtore platziert sind, durchbrechen den tristen Anblick. Neben der Telefonnummer fällt das eine Wort ins Auge, das in lateinischer Schrift geschrieben ist. "KaiZen" steht über einem Eingangstor. Das ist japanisch und bedeutet "Wandel zum Besseren". Das ist auch der Name und das Motto von Sergey Bokovs Tuning-Firma. "Der Kunde ist König. Wir wollen immer perfekte Arbeit abliefern", erklärt der Inhaber.

 

 
 

Höllenlärm in der Werkstatt

Der 34-jährige ist ein sympathischer Zeitgenosse. Freundliche Augen, fester Händedruck und eine ruhige Stimme. Sobald man sein kleines Reich betritt, ist es aber mit der Ruhe vorbei. Immer wieder ertönt das zweitönige Zwitschern, wie man es von amerikanischen Autos kennt, wenn die Türen verschlossen werden und die Alarmanlage scharf geschaltet wird. Nur dass dieser Doppelton so infernalisch laut ist, dass er eine Unterhaltung fast unmöglich macht.

Die Quelle des Lärms ist ein 15 Jahre alter weißer Toyota Corolla, der mit offener Motorhaube auf dem weißgefliesten Boden steht, an dem zwei Mechaniker herumhantieren.

Die Straßen fordern ihren Tribut

Genau dieser Einbau von Alarmanlagen gehört zu den wichtigsten finanziellen Säulen des Tuning-Shops in Ulan-Ude. Um sich die Versicherung zu sparen, kaufen sich die Autofahrer lieber eine Alarmanlage. Die muss halt laut sein, damit der Besitzer des Wagens sofort gewarnt wird, wenn sich jemand an seinem Eigentum zu schaffen macht.

Die Kosten für den Einbau dieser Technik betragen zwischen 6.000 und 30.000 Rubel (137 bis 685 Euro). "In der Regel wollen die Leute nicht mehr als 10.000 Rubel ausgeben", erklärt Sergey Bokov. Dann kann das Auto nur mit dem Schlüssel gestartet werden, der den richtigen Code schickt. Bei den Luxusversionen kann das Auto dann auch per SMS ent- oder verriegelt werden.

Zwei bis drei Autos werden so in Sergey Bokovs Werkstatt gesichert.

Da in Ulan-Ude gerne auf Kontakt gefahren wird, brauchen die Autofahrer des Öfteren eine neue Front- oder Heckstoßstange. "Neben neuen Reifen und Stahlfelgen, die wegen der schlechten Straßen kaputtgehen, ist das auch ein gutes Geschäft", freut sich Bokov.

Langsam kommt PS-Tuning in Mode

Wer chromglitzernde Felgen und monströse Anbauteile sucht, wird hier nicht fündig. Auch wenn sich langsam auch das Aufmotzen des Autos und Motors, wie man es im Westen kennt, durchsetzt. Ein bis zwei Kunden pro Jahr verlangen diese optische und motorseitige Vitaminspritze.

Fahrer eines Honda Integra, eines Toyota MR2 und Honda Toyota Civic wollen mehr Kraft unter der Haube. "Das sind ein bis zwei pro Jahr", sagt Sergey schmunzelnd. Der Preis? Verhandlungssache. Wie so oft in Russland.

Trend zum Sound-Tuning

Zudem setzt sich zunehmend das Sound-Tuning durch. In der mongolischen Großstadt wollen die Menschen zunehmend eine anständige Stereoanlage in ihrem Auto haben. Lautsprecher der Marke DLS oder Kenwood-CD-Wechsler gehören zu den gerne genutzten Elementen. Nicht nur neue Modelle bekommen die wattrstrotzenden Musikgeneratoren eingebaut. Auch Fahrer zum Beispiel eines in die Jahre gekommenen Shigulis wollen immer mehr auf die Ohren haben.

Ein zweiter Trend in Ulan-Ude ist das Folieren. Die Umsetzung der individuellen Optik ist unkompliziert und vergleichsweise günstig: Rund 20.000 Rubel sind nötig, um seinem Auto ein neues Outfit zu verpassen.

Schrauben als Herzenssache

Reichtümer kann man mit diesem Geschäft nicht verdienen. Noch nicht. Das weiß auch Sergey Bokov. Doch für ihn ist das Schrauben an den Autos Herzenssache, auch nachdem er sein Maschinenbaustudium aus familiären Gründen abbrechen und auf die BWL-Fakultät wechseln musste.

Das Benzin im Blut verflüchtigte sich nie vollständig. Als er die Chance hatte, Bankdirektor zu werden, entschied er sich zusammen mit zwei Freunden eine Tuning-Firma aufzubauen. Die beiden anderen Teilhaber sind mittlerweile wieder abgesprungen. Doch Bokov zieht sein Ding durch.

Text: Press-Inform / Wolfgang Gomoll | Bildmaterial: press-inform