Manipulation mit System

Wie viel verbraucht mein Auto wirklich?

Überraschender Spritdurst

Die offiziellen Verbrauchsangaben können Sie vergessen – diese Werte werden von den Autoherstellern manipuliert. In Realität liegt der Spritverbrauch bis zu 50% höher. Doch zum Glück gibt es einen einfachen Weg, den tatsächlichen Konsum eines Automodells herauszufinden

14. Oktober 2014

Petra B. ist sauer. Vor zwei Jahren legte sich die Flensburgerin einen neuen Renault Twingo zu. Der mit 75 PS recht flotte Kleinwagen verbraucht laut Bordcomputer im Schnitt 7,1 Liter Sprit auf 100 Kilometer. Das findet sie enttäuschend, denn der Normverbrauch wird vom Hersteller mit lediglich 5,1 Litern angegeben.

In der Realität kosten 100 Kilometer Fahrt für sie mal eben rund drei Euro mehr als gedacht. Wäre der VW up! mit 75 PS und einem Verbrauch im Drittelmix von 4,9 Litern nicht doch der bessere Kauf gewesen? Das fragt sie sich nun.

Doch auch dieser Verbrauchswert ist nicht das Papier der Hochglanzprospekte wert, auf das ihn der Hersteller drucken lässt. Denn sämtliche offiziellen Zahlen von allen Marken betreffend des Sprit-Konsums ihrer Modelle sind falsch. Manipuliert. Gemogelt.

 

 
 

 

Bis zu 50% höherer Realverbrauch

Und die Hersteller – alle mogeln mit – tun dabei nicht einmal etwas Verbotenes: Sie nutzen lediglich Spielräume, die ihnen der Gesetzgeber gelassen hat.

Die wirklichen Verbrauchswerte liegen erschreckend weit über den Prospektangaben, hat zuletzt die amerikanische Non-Profit-Organisation International Council on Clean Transportation (ICCT) ermittelt. Dort hat man nicht selbst geforscht, aber aus diversen Quellen Daten gezogen und verglichen.

Die Studie zeichnet einen krassen Kontrast zur schönen Prospektwelt: So verbraucht beispielsweise der aktuelle Audi A6 über alle Motorisierungen hinweg 50% mehr, als offiziell kommuniziert wird. Und bei vielen anderen Modellen ist es nicht viel besser.

Eine halbe Million Pkw als Grundlage

Ein Ergebnis der Studie: Die durchschnittliche Abweichung zwischen Herstellerangaben und der Realität wird kontinuierlich größer. Lag sie 2001 noch bei tolerierbaren acht Prozent, waren es im vergangenen Jahr 2013 bereits 38%. Allein zwischen 2007 und 2013 verdoppelte sich die Differenz. Die Folgen:

  • Jeder Autofahrer gibt pro Jahr im Schnitt rund 450 Euro mehr für Sprit aus
  • Da Verbrauch und Schadstoffausstoß identisch sind, ist die Umweltfreundlichkeit aller Autos 50% niedriger als angenommen
  • Dem Staat entgehen Milliarden an Kfz-Steuer, denn die wird auch am Schadstoffausstoß (und damit am Verbrauch) bemessen

Woher kommen überhaupt diese falschen Werte?

Autos werden für den Test verändert

Basis der Verbrauchsangaben ist der so genannte Neue Europäische Fahrzyklus (NEFZ). Die Norm verlangt, dass jeder Neuwagen unter standardisierten Bedingungen eine Teststrecke im Labor (auf dem Rollenprüfstand) durchläuft.

Die dort herrschenden Bedingungen haben mit der Realität nicht viel zu tun: Es gibt keinen Seitenwind, keine aufgedrehte HiFi-Anlage, keine rasanten Überholvorgänge und auch kein Vollgas, denn die Höchstgeschwindigkeit ist auf 120 km/h begrenzt. Für die Beschleunigung von 0 auf 50 km/h werden 26 Sekunden veranschlagt – moderne Autos schaffen das, ohne zu rasen, in weniger als zehn Sekunden.

Aber es kommt noch schlimmer: Die Vorschrift lässt viel Raum, um den vierrädrigen Probanden für die Verbrauchsfahrt zu optimieren. Daher werden Autos vor der Testfahrt umfassend verändert: Die Motoren werden mit speziellem Leichtlauföl gefüllt, die sich in Realität kein Autofahrer leistet, die Schlitze in der Karosserie werden zur Verbesserung der Aerodynamik abgeklebt, Spezialreifen aufgezogen, sogar Teile zur Gewichtsersparnis ab- und ausgebaut, die Lichtmaschine abgeschaltet.

Sogar die Elektronik schummelt serienmäßig

Wie weit die Schummelei geht, zeigt die Elektronik: Sie ist in manchen Automodellen schon zuvor darauf programmiert, Testläufe zu erkennen und in einen besonderen Spritspar-Modus umzuschalten. Das bedeutet: Die Klimaanlage wird nahezu deaktiviert, die Sitzheizung ist nicht mehr benutzbar, die Motorsteuerung erlaubt nur noch maßvolles Beschleunigen.

Die Politik hat diesen Missstand erkannt und will die Gesetzeslücke durch eine neue Norm schließen: Seit einem Jahr gibt es einen weltweit einheitlichen Test, den WLTP (World Light Vehicles Test Procedure), der zwar immer noch im Labor, jedoch unter etwas realistischeren Bedingungen (z.B. bis zu 130 km/h) stattfindet.

Der Ecotest des ADAC beruht bereits auf dem Welt-Zyklus zugrunde – nach Angaben des ADAC sind die Ergebnisse relativ nah an Werten, die im harten Dauertest auf der Straße gemessen wurden.

In Deutschland könnte dieses Verfahren 2016 das veraltete NEFZ ersetzen. Den Autoherstellern gefällt das nicht; würden ihre Produkte doch über Nacht um 20% mehr Sprit verbrauchen. Aber auf die Dauer werden sie sich kaum sträuben können.

Eine halbe Million Messgeräte

Doch was machen Autokäufer bis dahin, wenn sie den realistischen Verbrauch ihres gewünschten Modells, ob nun neu oder gebraucht, herausfinden möchten? Eine Möglichkeit bietet Thomas Fischl. Er ist Mitgründer des Spritsparforums Spritmonitor, in dem seit 2001 Nutzer ihren realen Spritverbrauch eintragen und der Community mitteilen. Die Verbrauchswerte von knapp einer halbe Million Messgeräte, nämlich Autos in alltäglicher Nutzung, ist dort für jeden frei einsehbar.

Fischl warnt allerdings vor verallgemeinernden Aussagen über den Spritverbrauch eines bestimmten Fahrzeugs: "Den einen Verbrauch eines Autos gibt es nicht." Neben der Technik sei der jeweilige Fahrstil entscheidend: "Wir sehen bei unseren Daten eine erhebliche Spanne zwischen unterschiedlichen Fahrern."

Wobei auch diese Schwankung bereits ein nützlicher Hinweis sein kann, denn Spritmonitor erlaubt die totale Transparenz: Wenn die User es zulassen, wird sogar die Abweichung des Realverbrauchs im Vergleich zum Katalogwert angezeigt.

Nur brandneue Modelle, die erst seit wenigen Monaten oder noch kürzere Zeit oder noch gar nicht auf den Straßen umherfahren, wird man im Spritmonitor vergeblich suchen – sie sind nicht verbreitet genug und haben noch nicht ausreichend Daten zusammengetragen. Aber bereits 1 Jahr alte Modelle sind ausreichend vorhanden, um einen Hinweis auf ihren tatsächlichen Verbrauch zu erhalten.

Diesen Test kann jeder machen

Auch für den drei Jahre jungen Renault Twingo sind ausreichend Datensätze vorhanden: Eingegrenzt auf die Parameter "Baujahr 2012" und "75 PS" sowie "Benzinmotor" reicht die Bandbreite der ermittelten Durchschnittsverbräuche von 4,54 Liter (und damit sogar unterhalb der Werksangabe) bis zu 9,46 Liter auf 100 km.

Im absoluten Durchschnitt werden 5,81 Liter berechnet, was zwar nicht so weit vom Normwert entfernt liegt wie Petra B.s Twingo – dennoch wird dieser Wert für Renault theoretisch zum Problem.

Der Bundesgerichtshof hat die Grenze für einen schweren Mangel bei 10% Mehrverbrauch eines Autos gezogen. Alles, was darüber hinausgeht, muss vom Hersteller zurückgenommen oder mit Schadensersatz abgefunden werden. In den vergangenen Jahren gab es tatsächlich einige Autokäufer, die den Hersteller erfolgreich zur Rücknahme des Fahrzeugs verdonnerten.

Doch Petra B. müsste dafür ein teures Verbrauchsgutachten in Auftrag geben und sich anschließend auf ein jahrelanges Verfahren durch mehrere Instanzen gefasst machen. Für sie – wie wohl für die meisten Autofahrer – zu viel Aufwand.

Die Fahrweise macht den Unterschied

Und auch der Kauf des bereits erwähnten VW up! wäre keine Lösung gewesen, zeigt ein erneuter Blick in den Spritmonitor: Die Spanne der durchschnittlichen Verbrauchsangaben reicht beim up! von 4,06 bis 7,1 Liter auf 100 km.

Der absolute Mittelwert liegt bei 5,58 Liter – und damit ganz nah am Twingo.

Thomas Fischl von Spritmonitor: "Das Forum macht die gesamten Autokosten transparent. Vor allem im Vergleich zu anderen Fahrern des gleichen Modells." Ohne die Lücken in der Norm und die Tricksereien der Hersteller damit schönreden zu wollen: Den größten Einfluss auf Verbrauch und Spritkosten haben immer noch der Fahrer oder die Fahrerin eines Autos mit seinem/ihrem Gasfuß.

Das will Petra B. nun probieren: weniger Vollgas, früher hochschalten, Motor aus an Ampeln – und ihr nächstes Auto auch mit Hilfe von Daten aus dem Spritmonitor aussuchen.

Krasser Kontrast: Die Bildergalerie zeigt populäre Automodelle mit dem jeweiligen Real- und Prospektverbrauch.

Text: Portal-Manufaktur / Stephan Hellmund | Bildmaterial: Aral