60. Geburtstag Chevrolet Corvette

60. Geburtstag Chevrolet Corvette

Vom Jaguar-Abklatsch zur Legende

Die Corvette von Chevrolet gilt als der einzige amerikanische Sportwagen. Dieses Jahr feiert sie ihren 60. Geburtstag. Wer hätte das nach einem schweren Start vermutet?

27. Juni 2013

Was haben sich europäische Autojournalisten doch über die Corvette lustig gemacht: Von einem „Schein-Sportwagen“ oder einem Boulevard-Cruiser so sportlich wie ein Hamburger mit viel Ketchup war die Rede.

Doch dann kam die vierte Generation des US-Sportlers. 1984 war das, und seitdem ist eines klar: Die Amis können Sportwagen, und zwar richtig gut. Dabei hatte es zunächst nicht gut ausgesehen für die Corvette.

 

 
 

Start als Jaguar-Verschnitt

In den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts baute Amerika ein dichtes Netz an Autobahnen, die dort „Highways“ genannt werden. Gleichzeitig entdeckten die Amerikaner die europäischen Sportwagen.

Der damalige Chefdesigner bei General Motors, Harley Earl, war besonders begeistert, vor allem von einem: dem Jaguar XK 120. So hatte die erste Corvette dann auch den gleichen Radstand und einen ähnlichen Aufbau.

1952 genehmigte General-Motors-Präsident Harlow Curtice den Bau eines Prototypen mit Karosserie aus dem damals exotischen Material Fiberglas – die Corvette nahm Form an.

Der Motor war das Problem

Endgültig auf dem Markt kam sie 1953 – und galt zwar nicht unbedingt als Flop, aber mit Sicherheit nicht als Erfolg. Für amerikanische Verhältnisse war sie ziemlich klein, und wie das Vorbild Jaguar hatte auch die Corvette einen Reihensechszylinder unter der Haube.

Doch der Motor der Amerikaner war mit dem britischen Glanzstück nicht vergleichbar - die Corvette war schlicht zu lahm. Das änderte sich erst 1955, als die Corvette endlich das erhielt, was ihr zustand: einen standesgemäßen V8.

Mit der ersten Generation übte Chevrolet noch

Der beflügelte nicht nur die Autos, sondern auch die Verkaufszahlen. Dennoch ist die erste Generation der Corvette so etwas wie ein Experimentierfeld. Sie wurde neun Jahre lang gebaut und währenddessen mehrfach technisch wie optisch überarbeitet.

Trotzdem hatte sie seit der Einführung des V8 schon alle Merkmale dessen, was die folgenden Generationen auszeichnen sollte: Quer-Blattfedern aus Kunststoff, die Karosserie aus dem gleichen Material und runde Heckleuchten.

Die Corvette ist der Sportler für alle

Und sie ist immer eines gewesen, was ihren Erfolg mit erklärt: Die Corvette war immer eine sehr preisgünstige Alternative zu den Europäern. Es gibt ein berühmtes Zitat von Dave Hill, dem Chef-Ingenieur der Corvette C5 und C6: „Wir wollen keine Sammlerstücke bauen, wie es andere große Marken tun, wir wollen Sportwagen bauen, die sich jeder arbeitende Amerikaner leisten kann.“

Die Corvette verzichtet im Zweifel lieber auf ebenso exotische wie teure Lösungen, die maximal Zehntelsekunden bringen.

Komfortabel und schön, aber unsportlich?

Dementsprechend galten auch die beiden nächsten Generationen als „typisch amerikanisch“. Zwar fluffig ausgestattet und schön, aber im Ernstfall doch für zu leicht befunden. Billig, aber außer einem großen Motor nichts dahinter, monierten die Europäer.

Die C3 genannte Ausführung mit dem typischen Coke-Bottle-Design traf die Häme besonders hart. Die späteren Ausführungen mit Big-Block-V8 erreichten dank neuer Abgasvorschriften in den 70er-Jahren nur 160 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Das Image war am Boden

Sportwagen im europäischen Sinne waren diese Corvettes tatsächlich nicht. Sie setzten eher auf die große Show. Das sorgte eine Zeit lang für Kunden, die das Image der Corvette nachhaltig beschädigten. In den Rotlichtvierteln der Städte war der US-Sportwagen beliebter „Dienstwagen“ der Zuhälter.

Die alten Corvettes sind längst Klassiker

Die sind längst wieder verschwunden, die damaligen Corvettes sind zumeist in der Hand von Fans. Überhaupt kam mit der C4 von 1984 der große Umschwung. Auch in Amerika galten Sportwagen plötzlich als so etwas wie das technische Aushängeschild einer Autofirma.

Und so dachten die Chefentwickler der C4 das Thema Corvette ganz neu. Leichtbau war plötzlich ein Thema, ebenso wie ein ausgeklügeltes Fahrwerk. Die Aerodynamik war spitzenmäßig, was im Zusammenspiel mit den vergleichsweise kleinen V8 Motoren für eine Sensation sorgte: Die Corvette war plötzlich wer.

Kleine, feine Änderungen

Die ruhige, aber kraftvolle Linienführung behielten die Entwickler auch bei den Folgegenerationen bei. Was nach und nach wieder zurückgefahren wurde war die übertriebene Digitalisierung der Cockpits.

Und noch etwas verschwand: Die Klappscheinwerfer, die seit der zweiten Generation typisch waren. Auch waren die Rückleuchten nicht mehr rund.

Die Corvette mutiert zum Leistungsträger

Die gerade vorgestellte Corvette ist ein echter Dampfhammer. Chevrolet gibt für das 450 PS starke Modell einen Wert für den Standardsprint auf 100 km/h von unter vier Sekunden an. Waren die beiden letzten Generationen eher Weiterentwicklungen des C4-Designs der 80er, entschied man sich jetzt für eine radikalere Linienführung.

Die neue Corvette trägt wieder den Beinamen „Stingray“ (Stachelrochen). Es sieht so aus, als ob das 60 Jahre alte Konzept nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Und das ist vielleicht das schönste Geburtstagsgeschenk.

Text: SH | Bildmaterial: General Motors Company