50 Jahre Lamborghini

50 Jahre Lamborghini

Auf die Hörner genommen

Den angreifenden Stier fahren Lamborghinis seit nunmehr 50 Jahren als Markenzeichen durch die Gegend. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Marke, die sich bei Ferrari bedanken müsste.

7. Mai 2013

Wenn man Multimillionär ist und sich über sein Luxusauto ärgert, kann man sich beim Hersteller beschweren. Oder gleich eine eigene Automarke gründen und es besser machen. Ferruccio Lamborghini hat beides gemacht.

Mit dem Verkauf von Traktoren und elektronischen Bauteilen zu Reichtum gekommen, stritt sich der Liebhaber schneller Autos eines Tages mit niemand geringerem als Enzo Ferrari höchstpersönlich. Stein des Anstoßes war die Kupplung in Lamborghinis Ferrari 250.

 

 
 

Geburtshelfer Enzo Ferrari

Enzo Ferrari jedoch war an dem Tag wohl nicht gut drauf und sah das Problem beim Fahrer: Dieser hätte als Traktorhersteller nicht das nötige Feingefühl für einen Ferrari.

Der Rest ist Geschichte: Ferruccio Lamborghini zog erzürnt von dannen und beschloss, seine eigenen Sportwagen zu bauen. Sie sollten zwei Eigenschaften haben: Qualitativ besser als Ferrari - und vor allem schneller. So schuf sich Enzo Ferrari seinen ärgsten Widersacher selbst.

Gute Leute kamen von Ferrari

1963 wurde die Firma Lamborghini gegründet, schon 1964 stellte sie ihr erstes Produkt vor: den Lamborghini 350 GT. So schnell geht das nur, wenn man die passenden Leute hat. Und wieder half Ferrari, wieder geschah es unfreiwillig: Durch eine Krise beim Traditionsrennstall suchten einige gute Ingenieure und Techniker einen neuen Arbeitgeber.

Darunter auch Motoren-Fachmann Giotto Bizzarini, der den legendären Ferrari 250 GTO konstruiert hatte. Er entwarf den 12-Zylinder, der - immer wieder modernisiert - noch bis vor zwei Jahren in den Lamborghini-Spitzenprodukten zu finden war.

Lamborghini ging in die Extreme

In kurzer Folge splittete Lamborghini das Modellprogramm auf. Auf der einen Seite brachten die Italiener Gran Turismos wie den Espada, Islero oder Jarama.

Doch das Brutale, das Unvergleichliche im Gegensatz zu Ferrari, das waren die Supersportwagen. Zu Zeiten des Firmengründers waren dies der Miura und der Countach.

„Rennwagen für die Straße“

Schon der Miura war eine rüde Maschine, die jedem Ferrari um die Ohren fahren konnte. Das hatte mit dem Mittelmotorkonzept des Miura zu tun, welches für sehr sportliche Fahreigenschaften sorgte.

Dem Testfahrer Bob Wallace genügten damals 38 Minuten, um die 170 Kilometer zwischen Modena und Mailand im Miura hinter sich zu bringen. Das geflügelte Wort vom „Rennwagen für die Straße“ passte damals besser zu Lamborghini als zu jeder anderen Marke.

Ferrari in der Defensive

So etwas hatte man bei Ferrari nicht – sondern trat 1969 mit dem heute verehrten und wunderschönen 365 GTB/4 mit dem Spitznamen „Daytona“ an. Der Daytona war bestimmt nicht schlecht oder langsam – er fuhr sich im Gegensatz zum schon 1966 erschienenen Miura aber viel schwerfälliger.

Niemand glaubte an den Countach

Das sorgte bei Ferrari für Alarmstimmung. Schon 1971 kam die erste Antwort in Form einer Stilstudie für den 365 GT/4 Berlinetta Boxer mit Mittelmotor, 1973 erschien das Serienmodell.

Doch Lamborghini war schon wieder einen Schritt weiter. Zeitgleich mit der Stilstudie für den 365 GT/4 Berlinetta Boxer präsentierte Lamborghini ebenfalls eine Übung des Designstudios Bertone. Das atemberaubende, sehr radikale Auto schien niemals für die Produktion gedacht, doch schließlich wurde daraus 1974 das Serienmodell des Lamborghini Countach.

Der ultimative Keil beeinflusste zusammen mit dem Miura die Sportwagenwelt nachhaltig. In den 70ern und 80ern war der Countach das Vorbild für ganze Sportwagengenerationen. Und nebenbei erfüllt er die beiden Hauptaufgaben: Er war in späteren Jahren sehr gut verarbeitet, dazu schneller und extremer als ein Ferrari.

12-Zylinder mit bis zu 1.000 PS

Lamborghini wollte mit seinen V12-Motoren mehr erreichen, suchte nach einem ungewöhnlichen Weg und fand ihn. Seit 1971 liefert Lamborghini Zwölfzylinder mit Leistungen bis 1.000 PS auch an Rennboot-Bauer.

Ferruccio steigt aus

1972 markiert eine Zäsur in der Firma. Ferruccio Lamborghini begann, nach nur acht Jahren seine Anteile an Lamborghini sowie der Traktorenfabrik zu verkaufen. In diesem Jahr geriet die Firma in ernste finanzielle Schwierigkeiten, die beispielsweise den Serienanlauf des Countach bis 1974 verzögerten.

Mehrmals wechselte die Firma danach ihre Besitzer. Auch eine Insolvenz gab es. Es brauchte über 20 Jahre, bis Lamborghini in finanziell ruhige Gewässer kam – seit 1998 gehört der Sportwagenbauer zu Audi.

Die Zeit der kleinen Modellpalette ist vorbei

Seit 20 Jahren baut Lamborghini nur noch zweitürige Sportwagen, beides sind Modelle mit Mittelmotor. Lamborghini gab die zu Ferruccios Zeiten aufgefächerte Modellpalette auf.

Doch nun mehren sich die Zeichen, dass zumindest ein drittes Modell kommen wird. Zuerst gab es die wunderschöne Studie einer viertürigen Limousine, den Estoque. Dieser wird wohl nicht kommen, dafür das SUV Urus.

Lamborghini als Spezialist für Leichtbau

Auch dieses SUV wird etwas ganz Besonderes sein. Während sich die Zeichen verdichten, dass Maserati einen SUV auf Jeep-Basis bringen wird, kann Lamborghini auf technische Hilfe der Mutter Audi hoffen.

Doch ansonsten halten sich die Ingolstädter fein zurück, um die Markenidentität nicht zu gefährden. So ist die Technik der Lamborghinis keineswegs nur umkarosserierte Ware aus dem Audi-Regal. Mit dem neuen Supersportwagen Aventador wagt sich Lamborghini mit einem extremen Leichtbau sogar in eine Nischentechnik, die Fertigung eines ganzen Autos aus Carbon.

Sieht so aus, als ob Lamborghini auf einem guten Weg ist, um auch noch in weiteren 50 Jahren brutale Supersportwagen auf den Kunden loszulassen.

Text: SH | Bildmaterial: Lamborghini