mobile.de: Autoversteigerung

Reportage: Autoauktion

Alle 45 Sekunden fliegt der Hammer

Was passiert mit einem Leasingfahrzeug, wenn die letzte Rate gezahlt wurde? Es landet bei BCA: Das ist ein professioneller Auto-Versteigerer, der jedes Jahr mehr als eine Million Gebrauchtwagen in ganz Deutschland absetzt. Viele Versteigerungen sind live – inklusive Auktionator und Hämmerchen.

Andreas Fabians Hammer gibt Gas: Das hölzerne Werkzeug des Auktionators geht in eine elegante Steilkurve, erreicht ihren Scheitelpunkt, wird noch einmal zusätzlich beschleunigt – um dann wieder abrupt in Wartestellung zu verharren. Denn soeben ist ein neues Gebot per E-Mail eingetroffen.

„Endlich, das Internet ist auch aufgewacht“, kommentiert Fabian trocken. Und so kann er froh verkünden: „Mercedes E-Klasse für nun zweiundzwanzigtausendzweihundert. Bietet jemand mehr? Hat Klima. Und Schiebedach. Und wenige Kilometer. Ganz was Feines. Höre ich drei?“ Auf der Tribüne hat der Auktionator ein fast unmerkliches Zucken einer Händlerhand ausgemacht. „Dreihundert. Aber das kann nicht alles sein. Bietet jemand vierhundert? Zweiundzwanzigtausend…“
 

Beim Summen geht der Preis hoch

Ein Summen zeigt an, dass wieder eine E-Mail den Gebotspreis erhöht hat. Fabians Hammer, der schon wieder in Richtung Tisch unterwegs war, muss erneut eine Vollbremsung einlegen. Noch fünfmal beschreibt das hölzerne Hämmerchen einen Looping, ehe endgültig Schluss ist und der Leasingrückläufer mit Stern und Silbermetallic-Lackierung für 22.800 Euro weggeht. „Viel Glück!“ wünscht Fabian, bevor das Auto aus der Versteigerungshalle wieder zurück auf den Parkplatz fährt.

Das sagt er bei jedem Verkauf, denn jeder Wagen wird verkauft wie besehen, eine Garantie gibt es nicht. Das geht nur deswegen, weil hier ausschließlich Profis zugelassen sind: BCA, der größte Veranstalter von Autoauktionen in Europa, beschränkt seinen Kundenkreis auf den Großhandel – B2B heißt das auf Neudeutsch.

Das zeigt schon ein Spotcheck bei der Anmeldung: „Bedaure, als Privatperson können Sie hier nicht mitbieten“, erklärt eine Dame im Akkreditierungsbüro freundlich, aber bestimmt. Ohne Gewerbeanmeldung ist da nichts zu machen. BCA bietet eine Börse für Gebrauchtwagen en gros: 1,3 Millionen Stück werden pro Jahr an neun Standorten durch die Auktionshallen gefahren. Das ist minutiöse Organisation: „45 Sekunden pro Auto garantieren wir“, sagt André Badouin von BCA.

Pro Auto 45 Sekunden

Es geht auch gar nicht anders: Bei 400 Autos an einem normalen Auktionstag addieren sich die 45 Sekunden bereits zu netto fünf Stunden zusammen. Wo kommen all die Autos her? Leasingrückläufer und Inzahlungnahmen machen die Masse der versteigerten Fahrzeuge aus, aber auch Mietwagen, Reimporte und gepfändete sowie beschlagnahmte Autos aus Insolvenzen sind darunter. Für BCA spielt die Herkunft in der Sache keine Rolle: Das Verfahren ist weitgehend standardisiert, Auto ist Auto.

Das zeigt schon der riesige Parkplatz in Berlin-Hoppegarten: Einträchtig stehen Mercedes, Audi, BMW und all die anderen bunt durcheinander. Das heißt, nicht wirklich bunt: Bereits die vorherrschenden Lackfarben schwarz, grau und weiß vermitteln eine Ahnung davon, dass ein großer Teil der Parkplatz-Community Leasingfahrzeuge sind. Klar, Leasing lohnt sich vor allem bei Dienstwagen, und die tragen zumeist gedeckte Farben.

Mitarbeiter von BCA empfangen die Neuankömmlinge und nehmen sämtliche Daten auf. Anschließend werden die Autos von einem Dienstleister auf dem BCA-Gelände professionell aufbereitet und für den Auktionstag im sogenannten Lineup, der Auflistung sämtlicher Gebrauchtwagen an diesem Tag, platziert.

Bereits eine Stunde vor dem offiziellen Start ist die Halle belebt. Ein Dutzend Händler spaziert durch die Reihen, wirft hier einen kritischen Blick in den Motorraum, dort auf das Reifenprofil.

120 Autos sind wenig

Ein braungebrannter Mittvierziger prüft per Lackdickenmesser penibel die Qualität einer Jaguar-Limousine. Vor der Einfahrt zur Auktionshalle steht eine fidele Rentner-Gruppe mit gelben Warnwesten: die Fahrer. Ihre Aufgabe ist es, die Verkaufsfahrzeuge vorzuführen und anschließend wieder aufs Gelände zu fahren. „Wenn mich mal einer fragt, wie viele Autos ich schon gefahren habe, sage ich: Tausende“, sagt einer verschmitzt. Allerdings immer nur Schrittgeschwindigkeit; damit nichts kaputt geht.

Sie sind guter Laune, denn heute ist ein ruhiger Tag: Nur 120 Autos sind in der Halle, da besteht kein Grund zur Eile. Auch Andreas Fabian kann Tempo aus dem Rennen nehmen: Der Auktionator ist diesmal nicht auf die vorgeschriebenen 45 Sekunden festgelegt. Er braucht auch keinen Ersatz: „Normalerweise auktionieren bei BCA immer 2 Auktionatoren. Sobald wir beispielsweise aber 400 Autos oder mehr haben, wechselt man sich mit einem oder zwei Kollegen über den Tag ab“, sagt André Badouin. So kann der Auktionator zeigen, was er drauf hat: Drei Stunden redet er ohne Punkt und Komma.

Aber beileibe nicht einschläfernd: Er scherzt, summt, singt, blödelt, spielt sich mit den Händlern die Bälle zu und schwingt das Hämmerchen in allen Richtungen. Badouin: „Die Kunden sollen sich ja bei uns wohlfühlen.“ So unterhaltsam ist die Versteigerungs-Show, dass man sich wünscht, sie wäre auch der Öffentlichkeit zugänglich. Damit könnte BCA so mancher Reality-Soap Konkurrenz machen.

Nur für Händler

Das aber hat die GmbH mit 310 Mitarbeitern bis auf Weiteres nicht vor: Das Tochterunternehmen einer britischen Gründung, die ihre erste Autoauktion in einem Zirkuszelt veranstaltete, lebt prächtig in der Nische. 5,3 Milliarden Euro setzte BCA Deutschland allein 2010 um. Und das setzt sich fort: 90 Prozent der Branche kennen den Dienstleister. „Wir sind für die Autohändler unverzichtbar“, sagt ein BCA-Mitarbeiter. Allen voran Andreas Fabian. Dass sich noch kein Händler-Fanclub für den talentierten Entertainer-Auktionator konstituiert hat, ist ein kleines Wunder.

Text: SH