Autoland China: Der Autokauf

Autoland China: Der Autokauf

Der größte Markt der Welt

Die chinesischen Autokäufer sind spontan, anspruchsvoll und misstrauisch. Der Handel reagiert mit einem bunten Rahmenprogramm und gläsernen Werkstätten.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Diese Weisheit stammt ausnahmsweise nicht von Konfuzius. Die Chinesen befolgen sie dennoch. Vor allem dann, wenn es um ihr Heiligstes geht: das Automobil.

14,5 Millionen Pkw wurden im vergangenen Jahr in China produziert. Das sind mehr als doppelt so viele wie in Japan (7,16 Millionen), fast drei Mal so viele wie in Deutschland (5,87 Millionen) und gut fünf Mal so viele wie in den Vereinigten Staaten (2,97 Millionen).

 

 
 

Nur in den USA gibt es mehr Fahrzeuge

China, der größte Automarkt der Welt, ist ein gigantischer, rohstoffverzehrender Blechmoloch. Stoßstange an Stoßstange würde sich die Pkw-Produktion eines Jahres locker einmal um die Erde stauen und die Hälfte der Schlange noch mal in zweiter Reihe blockieren.

In der Statistik „Pkw je 1.000 Einwohner“ belegt China laut Wikipedia dennoch nicht einmal einen Platz unter den Top 30. Und das, obwohl das bevölkerungsreichste Land der Erde mittlerweile den sechstgrößten Autobestand weltweit verzeichnet (34,4 Millionen).

Zählt man Lkw und Busse hinzu, liegt das Reich der Mitte mit 78 Millionen Fahrzeugen bereits auf Rang zwei hinter den Vereinigten Staaten (239,8 Millionen; Stand: 2010) – und weit vor der Autonation Deutschland (45,3 Millionen).

Gigantischer Markt mit eigenen Gesetzen

Der chinesische Automarkt ist ein Kuriosum. 340 Tage im Jahr haben die Autohändler geöffnet. Legt man dieses Arbeitspensum auf die Produktion um, laufen täglich rund 42.650 Autos von den Bändern – pro Tag gut 2.000 mehr, als Mini in einem ganzen Jahr in Deutschland verkauft (gemessen am Absatz 2011).

Bezahlt werden die fahrenden Wohlstandssymbole im Autohaus in guter alter Tradition cash. Nur Bares ist Wahres – Finanzierung und Leasing sind in China kaum verbreitet. Gekauft wird, was im Laden steht. Aufwändiges Konfigurieren im Internet oder gar monatelange Lieferzeiten? Für Chinesen undenkbar.

Die Auswahl in den Autopalästen ist entsprechend riesig. Die klassischen Mehrmarken-Händler betreiben in den Außenbezirken von Millionenstädten wie Guilin oder Wuzhou überdimensionierte, verglaste Prunkbauten – mit weitläufigen, von allen Seiten einsehbaren Werkstätten.

Verglaste Werkstätten und Verwöhnprogramm

Die Hebebühnen und einzelnen Arbeitsbereiche im Werkstattbereich glänzen wie ein frisch desinfizierter Operationssaal. Reinlichkeit und Transparenz ist das Gebot, Glas statt Beton das architektonische Mittel.

„Der Kunde will sehen, was mit seinem Auto geschieht, während es bei der Reparatur oder beim Service ist“, erklärt Martin Kühl, Kommunikationschef von Audi China. Motto: Wer sich nicht auf die behandschuhten Finger gucken lässt, der hat was zu verbergen – oder pfuscht.

„Anders als in Deutschland erwarten die Autohalter in China, dass ihr Fahrzeug in der Werkstatt sofort an die Reihe kommt und sie es gleich wieder mitnehmen können“, weiß Kühl. Morgens abgeben und bestenfalls mittags wieder abholen wie in Deutschland – das gibt es nicht in Chinas modernen Auto-Aquarien.

Rühriges Personal in Dienstkleidung

Die Besitzer bleiben in der Regel die ganze Zeit vor Ort. Und wollen dafür, dass sie einem Betrieb die Ehre erweisen, ihn als Dienstleister auserkoren zu haben, angemessen bespaßt und verwöhnt werden.

Surfen im Internet, Videogames auf riesigen Flachbildschirmen spielen, Massagen, kalte und warme Getränke in der Lounge – das Rahmenprogamm erinnert an einen Tag im Ferienclub. Weitreichende englische Sprachkenntnisse darf man vom Personal nicht erwarten, dafür kommen auf jeden Kunden mindestens drei emsige Angestellte in Einheitskleidung: weißes Hemd, schwarze Hose – das signalisiert Dienstbarkeit.

Das Fachwissen geht selten über das hinaus, was auf den Verkaufsschildern neben den bunt gemischten Exponaten steht. Geely, Great Wall und BYD sind die gängigen chinesischen Marken, Nissan und Toyota die meistverkauften Japaner in der Volksrepublik. Die deutschen Hersteller verkaufen ihre Produkte bevorzugt exklusiv.

Audi führt Premium-Segment an

Klare Nummer eins der Premium-Marken ist Audi. Seit 1988 sind die Ingolstädter in China aktiv. Das zahlt sich aus: Die Marke mit den vier Ringen genießt hohes Ansehen – auch als Arbeitgeber. In Changchun fertigt Audi zusammen mit Volkswagen und Joint-Venture-Partner FAW, Chinas ältestem Autohersteller (First Automotive Works).

Ab 2013 wird dort neben den speziell auf den chinesischen Markt zugeschnittenen Langversionen A4L und A6L sowie dem Q5 auch der Q3 produziert. Der Erfolg des kompakten SUV (Verkauf in China ab Juli 2012) scheint garantiert: Die Verkaufszahlen von Geländewagen haben in den vergangenen zwei Jahren um gut 400 Prozent zugelegt.

„Bis 2013 werden wir mehr als 400 Händler in China haben“, kündigt Dominique Boesch, Vertriebspräsident von Audi China, selbstbewusst an. 2011 waren es keine 200.

Smart setzt auf den fortwo electric drive

 Schwer angesagt in der Lifestyle-Hochburg Hongkong und bei „trendigen“ Chinesen ist mittlerweile der Smart fortwo. 3.900 Einheiten hat die Daimler-Tochter in 2010 verkauft, 2011 waren es bereits mehr als 11.000 – China ist damit drittstärkster Smart-Markt.

„Die Chinesen lieben die Einzigartigkeit des fortwo und das zweisitzige Konzept“, sagt Smart-Chefin Annette Winkler. Dafür pfeifen sie glatt auf ihr wichtigstes Kaufargument – eine möglichst imposante Fahrzeuglänge. Im nächsten Schritt soll der fortwo electric drive in Chinas Metropolen für Aufsehen sorgen – geräusch- und emissionsfrei.

Noch bewegt sich die Begeisterung der Chinesen für E-Autos in engen Grenzen: 2011 wurden laut Chinas Autoverband CAAM (China Association of Automobile Manufacturers) gerade einmal 5.579 reine E-Autos verkauft. Plus 2.580 Hybridfahrzeuge.

Text: Ralf Bielefeldt